Auf zwei Rädern in Tolstois Fußstapfen

Auf der Straße nach Tula. Foto: M.Gathmann

Auf der Straße nach Tula. Foto: M.Gathmann

Zwischen Melonen aus Astrachan und Schlaglöchern aus Tula: Fahrradfahren in Russland mag dem Freude machen, der nicht den Bodenseeradweg erwartet.

Laut tutet es von hinten, schon rauscht ein Kamaz-Laster vorbei. Hat er Kies geladen, Melonen aus Astrachan oder Trauben aus Moldawien? Keine Zeit zum Nachdenken: Vorne kommt der nächste Hügel und hinten der nächste Lastwagen. 

 

Wir sind auf der Simferopolsker Chaussee, der alten Straße, die von Moskau auf die Krim führt. Nach einer Woche im Sattel ist es die schlechteste Variante für Radfahrer: zweispurig, von Lastwagen befahren, zum Ausweichen nur ein Kiesbett.

 

Mit drei Fahrrädern, darauf ein russischer Deutscher, ein Berliner und ein Freund aus Kaluga, sind wir auf dem Weg von Tula an den Fluss Oka. 350 Kilometer haben wir hinter uns, „auf den Spuren Tolstois“ sind wir am Ende unserer Tour angelangt. 

 

Lew Tolstoi war ein rastloser Mensch: Von seinem Landgut Jasnaja Poljana in der Nähe von Tula wanderte er des Öfteren 170 Kilometer bis nach Moskau, gerne besuchte er das Kloster Optina Pustyn im Nachbargouvernement Kaluga, um mit den Mönchen sein schwieriges Verhältnis zu Gott zu erörtern.

 

Mythos Kloster

 

Optina Pustyn ist, aus Kaluga kommend, unser erstes Ziel:

Foto: M.Gathmann

Allerdings macht das Kloster, das von seinem Mythos lebt, nach welchem es vor der Revolution ein Quell der Spiritualität war, heute einen eher „unheiligen“ Eindruck. Vor dem Eingang parken Busse, ein ständiges Kommen und Gehen prägt die Atmosphäre, im Klosterspeisesaal wurden jüngst die Preisschilder für die Kaviarbrötchen ausgetauscht: Nicht mehr „Preis“ steht dort nun, sondern „Spende“ über 70 Rubel.

 

Eine ganz eigentümliche Stimmung herrscht dagegen im Frauenkloster Schamardino: Hierher, wo seine Schwester als Nonne lebte, kam Tolstoi auf seiner letzten Flucht. Einige Kilometer von Optina Pustyn entfernt, grüßen die Klostermauern aus rotem Backstein von einem idyllischen Hügel, an dessen Fuß zwischen Buchen und Birken kalte, klare Quellen entspringen. 

 

Rund um die Quellen sind Holzhäuschen gebaut. An diesem warmen Sommertag stehen Besucher Schlange, um im Halbdunkel der Hütte ein Bad im kalten Wasser zu nehmen. Von drinnen klingt aufgeregtes Geschnatter, draußen scheinen die Russen, die nicht dafür bekannt sind, gerne mit Unbekannten zu sprechen, von der positiven Kraft des Ortes beseelt: Es herrscht eine ausgelassene Stimmung. Von einem Ofen auf dem Klostergelände kommt der Geruch getrockneter Äpfel: Die Nonnen bereiten sich auf den langen Winter und die Fastenzeit vor.

 

Verfallene Kolchosen, kleine Dörfer

 

Am nächsten Tag verlassen wir das Gebiet Kaluga. Es geht durch herrlich duftende Blumenwiesen, an verfallenen Kolchosen und friedlichen kleinen Dörfern vorbei. Die Straße ist mal Feldweg, mal kämpfen wir uns durch Kies, dann gibt es plötzlich wieder Asphalt. Ein System ist nicht zu erkennen. Autos fahren hier kaum, und wir genießen die Freiheit.

 

Die Stadt Beljow im Gebiet Tula schockiert: Links der löchrigen

Einfallstraße rauchen Müllkippen, rechts wartet gesammeltes Metall auf den Abtransport. Die Fabriken sind verrammelt, an der Karl-Marx-Straße stapeln sich Müllhaufen. Trotz der 14 000 Einwohner suchen wir eine geschlagene Stunde, bis wir einen Ort finden, an dem wir essen können. Das über 850 Jahre alte Beljow trägt die schwere Last einer „Sackgassenstadt“: Der Weg in die Gebietshauptstadt Tula ist weit und schlecht asphaltiert, jener ins Gebiet Kaluga unbefahrbar.

 

Schnell suchen wir das Weite: Warmer abendlicher Rückenwind treibt uns auf der Landstraße nach Tula, Pappeln auf beiden Seiten spenden Schatten. Die Straße führt hier nicht an den Flussläufen entlang, sondern über Hügel: In den Niederungen hat das Eis über den Winter den Asphalt gesprengt, und Straßenarbeiter haben dort auf einer Länge von 20 Metern die oberen Zentimeter abgetragen – gefährliche Fallen für

Fahrräder

Mit dem eigenen Rad und mit genügend Schläuchen und Speichen anreisen – außerhalb von Städten wie Kaluga oder Tula wird es schwierig mit Ersatzteilen. Vorsicht: Mit Nabenschaltungen kennt sich in Russland kaum jemand aus.


Unterkunft

Zelten kann man in Russland fast überall. Einzige Einschränkung: nicht zu nah an einer Siedlung, weil betrunkene Dorfjugend zu Besuch kommen kann. Im besten Fall endet ein solches Treffen mit einem gemeinsamen Wodkagelage.

 

Essen&Trinken

Kleine gemütliche Dorfgaststätten wie in Deutschland sollte man nicht erwarten. Dafür gibt es aber Supermärkte in jeder kleineren Stadt. Und einen ordentlichen Kaffee bekommt man inzwischen an fast jeder Tankstelle.

Radfahrer, insbesondere wenn man mit 60 Sachen vom Hügel herunterbraust. Gegen Abend erreichen wir Tula und kämpfen uns mit letzter Kraft bis Jasnaja Poljana, das einige ernsthafte Hügel außerhalb der Stadt liegt. 

Wer als Einstimmung auf Jasnaja Poljana, übersetzt „Helle Lichtung“, Sofja Tolstajas Beichte „Eine Frage der Schuld“ liest, wird hier auf langen Spaziergängen die Pappelallee wiedererkennen, die Pferdeställe, die Wohnhäuser des Gesindes und der Familie Tolstoi selbst. Hinten im Park liegt im Schatten der Bäume ein unscheinbarer, von Gras überwucherter Hügel: das Grab des Dichters. In Jasnaja Poljana schrieb Tolstoi „Krieg und Frieden“, hier empfing er seine Verehrer aus der ganzen Welt, hier stritt er mit seiner Frau, hier begann seine letzte Flucht, die mit seinem Tod an einer Bahnstation in Südrussland endete. Für uns endet die Reise ebenfalls mit einer Zugfahrt, allerdings etwas angenehmer: Von der Stadt Aleksin an der Oka geht es zurück nach Kaluga.

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland