Kapitän Nemo und sein großer Traum vom Schwimmen

Russischer Tüftlergeist: Alexander Russetzkij schweißt an seinem Traum (Foto: Jan Lieske)

Russischer Tüftlergeist: Alexander Russetzkij schweißt an seinem Traum (Foto: Jan Lieske)

Ist er verrückt? Eine Art Daniel Düsentrieb? Alexander Russetzkij glaubt an sein schwimmendes Kraftwerk – wenn ihn denn nur die Verwaltung in Ruhe ließe.

Kapitän Nemo hat auch niemand geglaubt. Bis er mit dem nie für möglich gehaltenen Unterseeboot „Nautilus“ 20 000 Meilen unter den Meeresspiegel abtauchte und gegen Riesenkraken kämpfte. Man sollte also zu Alexander Russetzkijs Gunsten annehmen, dass sich Erfindergeist am Ende immer durchsetzt. Auch wenn Russetzkij im Moment kaum jemand glaubt, seine Familie nicht und erst recht nicht der Präfekt jenes Moskauer Stadtteils, in dem er lebt.

 

Der Vergleich zwischen Russetzkij und Jules Vernes Romanfigur Kapitän Nemo liegt deshalb so nahe, weil beide von der Idee besessen sind, ein Boot zu bauen, das es zuvor noch nie gab. Nur: Russetzkijs Boot soll nicht tauchen, es soll schwimmen und dabei Energie erzeugen.

 

Am Ufer des Flusses Moskwa, in der Nähe des Südhafens liegt das, was einmal ein schwimmendes Windkraftwerk werden soll, nach Auskunft des Erbauers gar das erste schwimmende Windkraftwerk seiner Art weltweit. Auf den ersten Blick wirkt es wie die zusammengezimmerte Hütte eines verrückten Professors. Auf den zweiten auch. Ein beinahe baumhohes Gewirr von Eisenstangen, Rotorblättern, die sich sanft im lauen Lüftchen wiegen, die meisten Stahlplatten haben schon Rost angesetzt. Alexander Russetzkij schweißt, schraubt und sägt seit sechs Jahren an seinem Traum.

 

Countdown: vier Wochen

 

Russetzkij steht auf der ersten Plattform seines Bootes, gut zwei Meter hoch. Er wirkt gehetzt, gönnt sich keine Sekunde Ruhe. Vor drei Wochen hat er einen Brief von der Verwaltung seines Stadtbezirks bekommen. Wenn er sein Boot nicht in vier Wochen zu Wasser gelassen habe, werde es zerstört, heißt es darin. 

 

In vier Wochen kann Alexander Russetzkij nicht schaffen, was er in sechs Jahren nicht vermocht hat. Er vermutet, das Drängen der Behörden hänge mit dem öffentlichen Parkhaus zusammen, das auf der anderen Straßenseite gerade fertig geworden ist. Vielleicht komme Bürgermeister Sobjanin zur Eröffnung, und der solle den Metallberg nebenan nicht sehen, schlussfolgert er. Ihm bleibt noch eine Woche Zeit. Deshalb streicht er erst einmal die rostigen Platten mit hellem Grau, 14 Stunden täglich. Vielleicht stimmt das die Beamten ja gnädig.

 

Alexander Russetzkij ist ein Mann, der schwer zu fassen ist. Er ist 59 Jahre alt, drahtig. Sein Gesicht passt gut zu einem gütigen Großvater, sein Blaumann und seine Arbeitshandschuhe, die er fast nie aus der Hand legt, passen zu einem Bauarbeiter. Er ist studierter Physiker, seine Formeln hat er mit weißer Farbe in viele Ecken seines Bootes gepinselt. 

 

 

Er malt aber auch, am liebsten das Gesicht einer Frau, die ihn vor vielen Jahren aus einem vorbeifahrenden Auto anblickte. Zu seiner eigenen Familie hat Ale-xander Russetzkij verschiedene Versionen. Der Nowaja Gaseta erzählte er, seine Frau habe ihn verlassen, jetzt sagt er, sie sei von betrunkenen Polizisten überfahren worden. Mit seinem Sohn hat er sich zerstritten. Russetzkij wohnt auf dem Boot, in einem Chaos aus Altmetall, Turbinenmodellen und leeren Instantkaffeeverpackungen. Daraus bastelt er Windfähnchen. Er kann nicht genau erklären, womit er sein Geld verdient. Ein paar Vorträge, ein gnädiger Investor – das sollte zum Leben reichen. So viel steht fest: Alexander Russetzkij ist ein Besessener. Manchmal beim Reden überholen seine Worte seine Gedanken. Sein Lebenstraum ist in Gefahr, er will jetzt die ganze Welt auf einmal überzeugen.

 

Ein Kunstwerk von Boot

 

Das Boot ist ein Gesamtkunstwerk. Es ist über 40 Meter lang und soll einmal von fünf Pontons über das Wasser getragen werden. Auf dem floßähnlichen Unterbau werden fünf oder sechs einzelne Hütten stehen, deren Grundform einem Tropfen ähnelt. Zwischen diesen sternförmig angeordneten Hütten soll sich der Wind so verfangen, dass er eine Turbine in der Mitte antreibt. 

Alexander Russetzkij wird 1953 im litauischen Druskininkai geboren.

Biografie

Geburtsort: Druskininkai

Alter: 59

Profil: Tüftler

Alexander Russetzkij wird 1953 im litauischen Druskininkai geboren. 1971 fängt er ein Molekularphysikstudium am Moskauer Institut für Physik und Technologie an. 1986 folgt eine Dissertation in Biophysik an der Lomonossow-Universität. 20 Jahre lang arbeitet Russetzkij am Forschungszentrum für Kardiologie der Akademie der Wissenschaften, wo er mit Hilfe von Elektromagneten versucht, Medikamente in kranken Organen von außen lokal zu konzentrieren. Weil seine Arbeit kaum bezahlt wird, wechselt er 1996 den Beruf und wird Schweißer.

1971 fängt er ein Molekularphysikstudium am Moskauer Institut für Physik und Technologie an. 1986 folgt eine Dissertation in Biophysik an der Lomonossow-Universität. 20 Jahre lang arbeitet Russetzkij am Forschungszentrum für Kardiologie der Akademie der Wissenschaften, wo er mit Hilfe von Elektromagneten versucht, Medikamente in kranken Organen von außen lokal zu konzentrieren. Weil seine Arbeit kaum bezahlt wird, wechselt er 1996 den Beruf und wird Schweißer.

Russetzkij erläutert die Funktionsweise an einem Modell und pustet mit aufgeblasenen Backen, um den Wind zu simulieren. Er ist dabei eifrig wie ein kleines Kind. Er geht in die Knie und hüpft auf und nieder, als er erklärt, wie er mithilfe der Wellen am Boden des Floßes eine Art Fahrradpedalkonstruktion antreiben will. Auch damit werde dann Energie gewonnen. Für etwas mehr als ein halbes Megawatt sei sein Boot gut. Das ist etwa die Hälfte von dem, was ein kleines konventionelles Windrad leistet. 

Die Anmerkung, dass es auf der Moskwa kaum Wellen gibt, bringt Russetzkij nicht aus dem Konzept: „Ein-, zweimal im Monat wird’s hier richtig stürmisch.“ Außerdem hat er sowieso ganz andere Pläne. Im nächsten Jahr – falls die Behörden bis dahin ruhig bleiben will er in See stechen, die Wolga entlang fahren, übers Asowsche und übers Schwarze Meer bis nach Sotschi. Dort würde er gerne 2014 bei den Olympischen Winterspielen der Weltöffentlichkeit sein schwimmendes Kraftwerk präsentieren.

 

Von dem Boot geträumt hat Alexander Russetzkij bereits als Jugendlicher. Als fast 60-Jähriger will er seinen Traum verwirklichen. Ob es wirklich auf große Fahrt geht, ist am Ende vielleicht gar nicht so wichtig. Mit den letzten Pinselstrichen will er in knapp einem Jahr den Namen auf den Rumpf des Bootes schreiben. Es soll „Traum einer Nacht“ heißen, „Perpetuum Mobile“ oder „Russkij Innovator“. Auf keinen Fall „Nautilus“.

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