Deutschland und Russland: „Mal sonnig, mal wolkig“

Der Sommerfest fand im russischen Generalkonsulat in Bonn statt. Foto: Elena Dozhina

Der Sommerfest fand im russischen Generalkonsulat in Bonn statt. Foto: Elena Dozhina

Sommerfest in Bonn feiert das Russlandjahr in Deutschland.

Klein-Russland mitten in Bad Godesberg! Anlässlich des Russlandjahres in Deutschland hatte das Generalkonsulat in Bonn zu einem fröhlichen Sommerfest eingeladen. Einige Gäste, die mit den Moskowitern so einige Klischees verbinden, fühlten sich bestätigt: Gleich am Eingang erwartete die Besucher eine Wodkaprobe und russische Volksmusik, wenn auch ohne Bären mit Balalaika.

Doch schon das schnittige Auto vor dem Hauptgebäude passte nicht in die Schablonen-Denkweise. Der neue russische Sportwagenhersteller Marussia Motors ist unter dem gleichen Namen auch in der Formel 1 vertreten und will mit seinem Superflitzer groß rauskommen. Der Preis ist mit rund 120 000 Euro entsprechend hoch. Aber angeblich gibt es bereits 700 Vorbestellungen auf den exotischen Sportwagen, auch aus Deutschland. Schon in einigen Monaten soll die Produktion in Finnland beginnen, um den Zugang zu den europäischen Kunden zu erleichtern.

Der Besuch in Bonn ist Teil der Marketingstrategie von Marussia Motors. Miteigentümer Nikolai Fomenko äußerte gegenüber Russland HEUTE außerdem Interesse an einer Niederlassung in Deutschland. Für das Unternehmen ist die Bundesrepublik nicht nur als Absatzmarkt, sondern möglicherweise auch als Produktionsstandort attraktiv: „Wir wollen versuchen, in Deutschland mit der Carbon-Produktion zu starten“, so der russische Geschäftsmann.

Fomenko, selbst leidenschaftlicher Rennfahrer, hält ein Investitionsvolumen von 15 bis 20 Millionen Euro für denkbar. Bis zu 400 neue Arbeitsplätze könnten dadurch in Deutschland geschaffen werden. Doch solche Projekte sind eher die Ausnahme. Meistens sind es deutsche Autohersteller, die in Russland neue Werke bauen, und nicht umgekehrt.

Diskussion ohne Tabus

Die wirtschaftlichen Beziehungen standen im Mittelpunkt einer von Ernst & Young organisierten hochkarätig besetzten Konferenz im Rahmen des Sommerfestes. Dr. Bernhard Reutersberg, Mitglied im Konzernvorstand von E.ON, kritisierte die starke Abhängigkeit Russlands vom Energie- und Rohstoffexport. Er hoffe, dass der Außenhandel durch den WTO-Beitritt auf eine wesentlich breitere Basis gestellt werden kann. „Das ist äußerst wichtig für die russische Wirtschaft“, ist Reutersberg überzeugt.

Sergey Cheremin, Minister der Stadt Moskau und Leiter des Departments für außenwirtschaftliche und internationale Verbindungen, betonte die Notwendigkeit der Visumfreiheit. In diesem Punkt fand er auch die volle Unterstützung der deutschen Wirtschaft, für die die Visumpflicht für Russland nach wie vor ein Hindernis darstellt.

Nichtsdestotrotz stimmen die Zahlen optimistisch. Im Jahr 2011 kletterte

der Außenhandel auf eine neue Rekordhöhe. „Die wirtschaftlichen Beziehungen entwickeln sich sehr gut. Wir konnten in diesem Jahr wieder einen Zuwachs im deutsch-russisch Außenhandel verzeichnen und viele deutsche Firmen möchten in Russland investieren“, erläutert Michael Harms, der Vorstandsvorsitzende der Deutsch-Russischen Außenhandelskammer.

„Aber natürlich muss man auch die politischen Probleme berücksichtigen. Das Image Russlands hat sich in den letzten Monaten leider verschlechtert, was Auswirkung auf die wirtschaftlichen Beziehungen hat. Ich könnte mir vorstellen, dass sich bei einer Verschärfung der politischen Situation auch die Investitionsbereitschaft ausländischer Firmen verringern wird“, äußerte sich Harms im Interview mit Russland HEUTE.

Der russische Generalkonsul Jewgenij Schmagin ist da diplomatischer. Er gab zu, dass es „vielleicht in letzter Zeit einige Sticheleien gab“. Immer häufiger kommen Schmagin kritische Äußerungen zu Ohren. „Aber zurzeit haben wir, wie man sagt, ein normales mitteleuropäisches Klima: mal sonnig, mal wolkig. Und das ist gut so.“

Eine kleine Gruppe von Demonstranten, allesamt russische Staatsbürger, forderten vor dem Konsulat ein „Russland ohne Putin“. „Ich will die deutschen Politiker warnen, damit sie nicht mit dem Putin-Regime anbändeln“, erklärte der 34-jährige Bürgeraktivist Herman, der in Deutschland als Wissenschaftler arbeitet.

Das Fest bot an den verschiedensten Orten innerhalb des Konsulats reichlich Unterhaltung. Live-Darbietungen gab es u.a. vom Staatlichen Pjatnizky-Chor und den Solisten der Mariinsky-Oper. Eine Ausstellung berichtete über die Geschichte des Generalkonsulats, das vor der deutschen Wiedervereinigung die Botschaft Russlands in der Bundesrepublik beherbergte.

Auch kulinarisch hatte das Sommerfest einiges zu bieten. Nicht nur

Wodka und Brandy wurden angeboten. Die Menüliste war üppig bestückt mit traditionellen russischen Speisen: von Borschtsch über Soljanka und Pelmeni bis hin zu den beliebten russischen Salaten Olivier und Hering im Pelzmantel. Blini und Piroschki mit Fleisch und Pilzen kamen selbstverständlich ebenfalls auf den Tisch. Und nicht zuletzt durfte natürlich auch Kaviar nicht fehlen. Die den Russen nachgesagte Gastfreundschaft – hier war sie live zu erleben. Manches Klischee kann ruhig bestehen bleiben.   

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