OTR: Ein öffentlich-rechtlicher Versuch

Lysenko: beim öffentlichen Fernsehen geht es nicht um die Finanzierung, sondern um die Ziele. Foto: ITAR-TASS.

Lysenko: beim öffentlichen Fernsehen geht es nicht um die Finanzierung, sondern um die Ziele. Foto: ITAR-TASS.

Mit der „Öffentlichen Fernsehanstalt Russlands“ (OTR) soll 2013 der erste öffentlich-rechtliche Sender des Landes starten. Direktor Anatoli Lyssenko über die Risiken.

Im Fernsehrat werden Ihnen 25 Politiker, Journalisten, Schriftsteller, Ärzte und Sportler zur Seite stehen. Wie sollen all diese Leute zusammenarbeiten, wie sollen sie einen interessanten TV-Sender mit Profil aufbauen?

Sie haben sich wahrscheinlich nie mit theoretischer Mechanik beschäftigt. Da gibt es eine Regel: je größer der Richtungswinkel des Vektors, umso deutlicher fällt das Ergebnis aus. Viele Menschen heißt viele Meinungen, und am Ende kommt etwas Interessantes heraus. Zweifelsohne wird es auch Konflikte geben, aber diese werden wir lösen können. Ohne Gewaltanwendung – versprochen.

Anfang der 1990er gab es bereits einen öffentlich-rechtlichen Sender – ORT. Heute heißt er 1. Kanal und ist das Sprachrohr des Kreml. Warum sollte es dieses Mal klappen?

Damals hatte doch niemand wirklich die Absicht, eine öffentliche Fernsehanstalt zu gründen. Wie kommen Sie denn darauf?

Das folgt aus dem Namen.

Tja, wissen Sie, der Name … Man hat sich damals einfach nur eine wohlklingende Bezeichnung ausgedacht. Kaum jemand hatte wirklich geglaubt, dass das ein unabhängiger Sender wird: Herausgekommen ist eine „öffentliche Fernsehanstalt Boris Beresowskis“ (Der Oligarch Boris Beresowski hatte den Sender ORT Mitte der 1990er aufgekauft –Anm. d. Red.).

Warum gründet und finanziert der Staat den Sender? Das führt doch das Wesen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ad absurdum? Wer garantiert, dass nicht eine „öffentliche Fernsehanstalt des Staates“ herauskommt?

Wer soll ihn denn sonst gründen? Es hätten ihn beispielsweise auch mehrere zivilgesellschaftliche Organisationen gründen können, aber das ist nicht geschehen. Warum? Wahrscheinlich, weil sie keinen Bedarf haben. In unserem Land existiert noch keine Zivilgesellschaft. Sobald sie entsteht, wird sie sich auch für eine richtige öffentlich-rechtliche Fernsehlandschaft einsetzen. Bis dahin hat der Staat diese Funktion auf sich genommen. Hierbei geht es auch nicht um die Finanzierung, sondern um die Ziele, die jetzt vor uns liegen. An staatlichen Zuschüssen fürs Fernsehen ist an sich nichts Verwerfliches: Das sind doch unsere eigenen Steuergelder. Es gibt mehrere Länder, in denen der öffentlich-rechtliche Rundfunk vom Staat subventioniert wird.

Falls es aber Versuche geben sollte, das OTR wie andere staatliche Fernsehsender zu kontrollieren, was wäre Ihre Reaktion?

Wir werden diskutieren und den Staat davon überzeugen, dass er im Unrecht ist. Ich verstehe den Unterton in Ihrer Frage. Viele Bekannte und Kollegen sagen: „Wenn die Initiative vom Staat ausgeht, werden wir uns daran nicht beteiligen!“ Das ist zwar eine stolze Haltung, aber ich finde sie ein wenig pingelig. Durch Enthaltung wird die Situation nicht besser. Klar, auch ich habe da gewisse Zweifel. Aber sich beleidigt in die Ecke zu stellen und zu sagen: „Ich mache da nicht mit!“, ist auch nicht richtig.

Ist es überhaupt noch sinnvoll, neue Fernsehsender zu gründen, wo sich die Menschen immer mehr am Internet orientieren –vor allem die Jugendlichen?

Im Internet werden in erster Linie Informationen gesucht. Das Fernsehen hat außer zu informieren noch die Funktionen aufzuklären und zu unterhalten. Das Informieren wird künftig über das Internet laufen, Aufklärung nicht. Wenn aber niemand mehr fernsieht, wie soll da das Fernsehen diese Funktion erfüllen? Jetzt übertreiben Sie aber: Es werden immer mehr Fernsehgeräte verkauft. Und wenn ich zurückdenke – was hat man zu meiner Zeit nicht schon alles totgesagt? Bücher, Kino, Theater, Malerei – und all das gibt es noch.

Dieser Beitrag erschien zuerst im Wochenmagazin Russkij Reporter.

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