Pussy Riot-Debatte: Lasst die Religion in Frieden!

Bild: Niyaz Karim

Bild: Niyaz Karim

Der Vorsitzende der Oppositionspartei Demokratische Wahl Wladimir Milow äußert sich angesichts der Pussy Riot-Debatte über das Verhältnis von Staat und Religion in Russland und ruft dazu auf, der ausufernden Welle von Vorwürfen gegen die Russisch-Orthodoxe Kirche Einhalt zu gebieten.

Die Geschehnisse rund um die Punk-Band Pussy Riot haben die religiösen Widersprüche in Russlands Gesellschaft verschärft. Und das relativ unerwartet, kann man doch nicht behaupten, dass sich die Russisch-Orthodoxe Kirche vorher besonders intensiv in das gesellschaftspolitische Leben eingemischt hätte. Im Moskauer Boheme-Milieu, wo es en vogue ist, die Orthodoxie von oben herab zu betrachten, rügt man allerdings gewohnheitsmäßig die Übergriffe der Kirche auf die Gesellschaft.

Und tatsächlich sind Anzeichen einer derartigen Offensive auszumachen: In Russland werden die Rechte der anderen Konfessionen eingeschränkt und es gibt immer wieder Vorstöße, russisch-orthodoxe Religionskunde als Unterrichtsfach in den Schulen einzuführen oder auf den knappen Grundstücksflächen in den Städten zu Lasten anderer Bauvorhaben orthodoxe Gotteshäuser zu errichten. Die wichtigsten staatlichen Fernsehkanäle des formal weltlichen Staates Russland übertragen Weihnachts- und Ostergottesdienste der Russisch-Orthodoxen Kirche in opulenten Live-Sendungen.

Mich als religionsfernen Menschen und mehr noch als Politiker, der prinzipiell vom weltlichen Charakter unseres Landes und der Gleichberechtigung aller Konfessionen überzeugt ist, beunruhigt ein derartiger Status quo. Der Gerechtigkeit halber muss ich jedoch einräumen, dass ich in meinem Leben – mein gesellschaftspolitisches Wirken inbegriffen – keinerlei besonderen Druck seitens der Russisch-Orthodoxen Kirche erlebt habe. 

Zudem sind die vermeintlichen kirchlichen Übergriffe auf die weltlichen Grundlagen des Staates im Großen und Ganzen ergebnislos geblieben. Die Idee, russisch-orthodoxe Religionskunde als Schulfach einzuführen, konnte ebenso abgeschmettert werden wie eine Reihe anderer hartnäckiger Vorstöße. Ich würde deshalb nicht davon sprechen, dass sich Russland auf dem Weg zu einem theokratischen Staat befindet.

Umso größer ist meine Verwunderung über die zahlreichen Intellektuellen, die Vertreter des Unternehmertums oder auch die Müßiggänger ohne genau auszumachende Beschäftigung, die sich heute gern der kreativen Klasse zurechnen. Sie schürten in den letzten Monaten eine geradezu groteske Hysterie gegen die Russisch-Orthodoxe Kirche. Ich muss ehrlich gestehen, dass mich das nicht nur nervt, sondern gewaltig ärgert. Weitaus mehr als alle Probleme, die durch die Russisch-Orthodoxe Kirche heraufbeschworenen wurden.

‚Orthodoxie light’ ist auf dem Vormarsch


 In diesem Kontext muss man sich einige Tatsachen ins Gedächtnis rufen. Erstens gehen die Initiativen zur Strafverfolgung der Musikerinnen offenkundig nicht von der Kirche und den Gläubigen aus, sondern wieder einmal von unserem Staat. Mit dessen Billigung, ja sogar Ermunterung, wurde die religiöse Komponente unseres Alltagslebens in den letzten Jahrzehnten verstärkt.

Zweitens hat auch die Punk-Band Puss­y Riot eine Aktie an den Geschehnissen, wofür ich folgendes Beispiel anführen möchte: Frontfrau

Nadeschda Tolokonnikowa trat erstmals auf der politischen Bühne Russlands in Erscheinung beim Marsch der Unzufriedenen am 14. April 2007, an der Seite ihres Ehemannes Pjotr Wersilow. Von Autodächern aus hatte dieser die Demonstranten zum Angriff gegen die OMON-Spezialeinheiten aufgerufen. Wersilow wurde von Teilnehmern des Protestmarsches selbst dingfest gemacht und auf einem Milizrevier abgeliefert, allerdings weigerte sich die Miliz – wie bemerkenswert! – ihn in Gewahrsam zu nehmen. Angeblich waren „Männer in Zivil“ erschienen und hatten eine Inhaftierung Wersilows untersagt.

Drittens hatte ich als Oppositionspolitiker in den letzten Jahren etwas mehr mit der liberalen Intelligenz Russlands zu tun und habe dabei bereits viel erlebt. Mich wundert also nichts mehr. Aber dass man hergeht und die Russisch-Orthodoxe Kirche ohne jeden Grund mit Schmutz überschüttet und im gemeinsten Gossen-Jargon beschimpft, das beschädigt nicht den Ruf der Kirche, sondern eher einen Imageverlust der liberalen Intelligenz. Da hilft auch keine Madonna. 

Viertens – und damit kehre ich zum Ausgangspunkt meiner Überlegungen zurück – hat die Russisch-Orthodoxe Kirche tatsächlich Probleme. Ihre Führung lebt in unzulässigem Luxus und ist zu einem Teil der Staatsbürokratie geworden, was der religiösen Doktrin zuwiderläuft. Nicht zu leugnen ist auch, wie bereits erwähnt, eine gewisse Offensive auf die Gewissensfreiheit, die Rechte von Atheisten und Vertretern anderer Konfessionen. Aber auch der Charakter des Glaubens unter den russisch-orthodoxen Gläubigen hinterlässt häufig einen merkwürdigen Eindruck. Viele gehen nicht einmal in die Kirche, haben die Bibel nie gelesen und kennen die Namen der zwölf Apostel nicht.

Eine lebendige Gesellschaft

Auf der anderen Seite muss man fragen: Was ist eigentlich so schlimm daran? Was kann man anderes erwarten nach Jahrzehnten eines tragischen kommunistischen Experiments, bei dem an den Hochschulen der ‚wissenschaftliche Atheismus’ gelehrt wurde? Wen wundert es da, dass sich in Russland – die Gläubigen mögen mir verzeihen – eine ‚Orthodoxie light’ ausgeprägt hat?

In vielerlei Hinsicht ist das gar nicht schlecht. Denn es bedeutet, dass die Menschen nach langen Jahren eines künstlich von oben verordneten

Atheismus selbstständig ihren Glauben suchen. Es bedeutet, dass sich ein lebendiger Prozess vollzieht. Und gerade das kann nicht genug geschätzt werden. Denn darin liegt die Möglichkeit für jeden, seine Umwelt mit eigenen Augen wahrzunehmen und nicht durch die Brille eines Lehrbuchs zum Atheismus, zur Orthodoxie oder jedweder anderen Religionskunde. Ein derartiges Milieu bietet Raum für wechselseitigen Austausch, für Diskussionen sowie für eigene Ideen und Ansichten.

In den Jahren meiner politischen Tätigkeit bin ich zu der festen Überzeugung gelangt, dass der russisch-orthodoxe Glaube keineswegs ein Hindernis auf dem Weg zur Europäisierung und Demokratisierung Russlands ist. Dieser Glaube be- und verhindert nichts. Unter den leidenschaftlichen Anhängern der Demokratie und auch in unserer Partei Demokratitscheski wybor (Demokratische Wahl) sind sehr viele russisch-orthodoxe Gläubige.

Die Religion ist Privatsache eines jeden Bürgers. Und dabei soll es bleiben. Unternehmen wir also Schritte zur Versöhnung, statt übereinander herzufallen. Das gilt im Übrigen auch für diejenigen russisch-orthodoxen Gläubigen, die Pussy Riot bestraft, wenn nicht gar hingerichtet sehen wollten. Diese Hysterie unterscheidet sich durch nichts von ihrem antiklerikalen Pendant.

Obskuranten werden sich immer finden. Mich aber interessiert in erster Linie jener Teil der Gesellschaft, auf den ich stets voller Hoffnung geschaut habe: die weltlichen, gebildeten Menschen, die Intellektuellen. Kollegen, haltet ein in eurer Hysterie gegen die Russisch-Orthodoxe Kirche! Erschafft euch nicht mit euren eigenen Händen Feinde! Es ist unser Land, unsere Gesellschaft. Lasst uns einander achten. Lasst die Religion in Frieden!

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland