Russische Glocken klingen in Berlin

Galina Filimonova bezaubert das Publikum auf dem Gendarmenmarkt in Berlin mit dem traditionellen russischen Glockenspiel. Das Foto ist vom Ensemble „Glocken Russlands“  zugewiesen.

Galina Filimonova bezaubert das Publikum auf dem Gendarmenmarkt in Berlin mit dem traditionellen russischen Glockenspiel. Das Foto ist vom Ensemble „Glocken Russlands“ zugewiesen.

Die beinahe eine Tonne schwere Fracht wurde per Bahn nach Deutschland befördert. Das Berliner Festival „Strahlende Sterne Russlands“ wird mit dem russichen Glockenspiel eröffnet.

Moskauerin Galina Filimonowa spielt seit dreiundzwanzig Jahren das Glockenspiel. Wenn bei ihr eine Reise zu einem Konzert ansteht, muss dass insgesamt 800-Kilogramm schwere Instrument sorgfältig in den Koffer verpackt werden, so dass es keinesfalls Schaden nehmen kann. „Der größte Aufwand besteht neben dem Auspacken der Glocken vorallem in dem Aufbau des Geläuts. Dabei helfen mir die Männer nur ungern“, erzählt Galina ganz unbefangen bei einem Cappuccino in einem Berliner Cafe. Sie ist in die deutsche Hauptstadt gekommen, um im Rahmen des Russlandjahres 2012 in Deutschland mitzuwirken.

Aus der Kirche auf die Bühne

Galina Filimonowa betritt die Freilichtbühne auf dem Gendarmenmarkt. Mit ihrem Glockenklang eröffnet die Moskauerin, deren rundliches Gesicht fast immer mit einem Lächeln erstrahlt, das Galakonzert des mehrtägigen Musikfestivals „Strahlende Sterne Russlands“. Als eine der wenigen Frauen erlernte sie das Spiel mit den Glocken bereits zu Zeiten der Sowjetunion.

Auf dem Gendarmenmarkt präsentiert sich Galina in einem Sarafan, der traditionellen russischen Frauentracht. Das Kleidungsstück, sowie alle Bühnenanzüge, die auf den Musikern des Ensembles „Glocken

Russlands“ während ihres Auftrittes zu sehen sind, kommen aus der eigenen Hand. Auf die Frage, wie diese zustande gekommen seien, antwortet die Glockenspielerin: „Ich habe einfach das benutzt, was gerade griffbereit war. Mal einen billigen Stoff für Übergardinen, mal einen alten Rock. Es kommt immer auf das Ergebnis an.“ Dabei sehen alle Bühnenanzüge so aus, als seien sie in einem Modeatelier gefertigt worden. Galina Filimonowa bringt die Glocken mithilfe eines Klöppels zum Klingen, ein Mal, noch ein Mal. Das Konzert beginnt.

„Das russische Glockengeläut ist absolut einzigartig! Es geht über seine eigentliche Signalfunktion seit langem heraus, heute sind Glockenspiele und einzelne Glocken zu  einem Musikinstrument herangewachsen, das weltweit seinesgleichen sucht“, erklärt Galina Filimonowa nach dem Auftritt. „Nikolai Rimski-Korsakow, Michail Glinka, Modest Mussorgski oder Pjotr Tschaikowski – alle diese Komponisten haben den schillerneden Klang des Carillons in ihren Werken weit exponiert.“

Galina Filimonowas Ensemble „Glocken Russlands“ gilt als eines der besten landesweit. Die Glöcknerin und ihre Musiktruppe geben Gastspiele in zahlreichen Ländern, treten in den berühmtesten Kirchen und renommiertesten Konzerthallen auf. Unbestritten ist die Innovationsfreude und Kreativität des von Galina Filimonowa geleiteten Ensembles, das als erstes mit dem Segen des Oberhauptes der Russisch-Orthodoxen Kirche Patriarchen Alexi II. den Klang des Glockenspiels aus der Kirche auf die Bühne brachte.

Die Tradition wiederaufleben lassen

Was sie dazu bewogen hat, Glöcknerin zu werden und ein eigenes Ensemble zu gründen, weiß Galina Filimonowa eigentlich bis heute nicht. Fragen dieser Art lassen sich nur schwer in wenigen Sätzen beantworten! Gewiss habe dabei ihr Gottesglaube eine bedeutende Rolle gespielt. Ebenso wie die Tatsache, dass ihr Großvater vor der Oktoberrevolution als Leiter der Rostower Kirchenverwaltung den Vorsitz in 15 Kirchen und deren Kirchengemeinden inne hatte. Als die Bolschewiki an die Macht kamen, wurden die Kirchen zerstört, die Glocken zerschlagen und Galinas Großvater kam in die Verbannung. Ende der 80er entdeckte Galina, die zugleich eine professionell ausgebildete Dirigentin ist, bei einen Zufallsbesuchs eines Glöckner-Contests in Moskau das Glockenspiel für sich.

„Beim Ertönen des Glockenklangs habe ich eine Gänsehaut bekommen“, erinnert sich die Künstlerin. „Plötzlich kam ein Mann direkt auf mich zu, der mich mitten ins Gesicht fragte, ob ich selbst Glockenspielen lernen möchte.“ In einem Atemzug sagte ich Ja. Allerdings gab es kaum Lehrer, denn unter der Sowjetmacht beschäftigten sich nur sehr Wenige mit diesem Metier.

„Deshalb war das ein rieserger Traum von mir das Glockengeläut in Russland wieder ins Leben zu rufen. Und zwar sollten möglichst viele Menschen in den Genuss des Glockenklangs kommen. Vielleicht war dies der Hauptgrund, weshalb ich beschlossen habe, das Ensemble zu gründen?“, überlegt Galina.

Glocken für Kinder

 „Glocken Russlands“ sind in der Kirche des Gnadenreichen Erlösers in Moskau zuhause, die sie für Übungs- und Probezwecke nützen. Zunächst hinterfragte der Kirchenvorsteher berechtigterweise, wie das Ensemble zum Nutzen des Gotteshauses gereichen könne. Schließlich einigte man sich  darauf, dass die Musiker keine Miete zahlen müssen, dafür aber bei allen kirchlichen Feiertagen und Festen in Aktion treten. Die Glockenspieler setzen dabei ausschließlich ihre eigenen Glocken ein, denn die Kirche hat bislang kein Läutewerk.

Galina Filimonowa schlägt ein Fotoalbum auf, das sie nach Deutschland mitgebracht hat. Alle Fotos zeigen Kinder, die Glocken läuten. Man würde das Alter der Kinder auf acht bis zehn Jahre schätzen. „Bei uns

gibt es nicht nur erwachsene Glöckner, ich habe jetzt auch noch eine Kindergruppe zusammengestellt“, erläutert die Leiterin des Ensembles. „Natürlich schlagen die Kinder gern über die Stränge, machen Unsinn oder laufen während des Unterrichts herum. Aber wenn beim Gottesdienst das Läuten ertönt, beruhigen sie sich sofort. Einmal haben wir bei einem Kirchenfest bis vier Uhr morgens gespielt – und es hat ihnen nicht das Geringste ausgemacht!“

Die jüngste Innovation des Ensembles „Glocken Russlands“ besteht darin, die Glocken „mobil“ erklingen zu lassen – etwa bei einer Kirchenprozession. Das Glockenspiel wird auf die offene Ladefläche eines Lastwagens gehievt, die Glockenspieler binden sich an den Seitenwänden fest, um nicht herunterzufallen – Wege in Russland sind nämlich holprig! –, und das Geläut beginnt. Der bisherige Rekord liegt bei dreieinhalb Stunden „mobilem“ Läuten.

In Galina Filimonowas Handtasche tönt plötzlich ein leiser Glockenklang. Die Carillonneurin holt ihr Handy heraus und weist den Anruf ab. „Hier in Deutschland ist alles automatisiert. Die Glocken werden nicht mehr manuell bedient, sondern man drückt einfach einen Knopf. Und das soll Läuten sein? Ich habe diesen Klingelton auf mein Telefon heruntergeladen, das sollen sie sich ruhig einmal anhören …“, erklärt Galina flüsternd, damit es niemand außer uns versteht, und wirft einen Seitenblick auf die vorbeigehenden Deutschen.

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