Der Himmel über Berlin

Die Internationale Luftfahrtausstellung ILA als eine allgemeingültige Aussage über deutsch-russische Wirtschaftsbeziehungen.

Diese Woche findet in Berlin die Internationale Luftfahrtausstellung ILA statt. Es handelt sich um die älteste Messe dieser Art, aber bei weitem nicht um die bedeutendste. Nach der Wende versuchten die Veranstalter, das im Vergleich zu anderen Branchentreffen eher lokale Ereignis als „Drehscheibe zwischen Ost und West“ aufzuwerten.

Russische Aussteller wurden mit massiven Rabatten angelockt. Die Idee hatte etwas für sich, schließlich waren die sowjetischen Flugzeugbauer über Jahrzehnte hinweg die großen Unbekannten der Szene gewesen. Ein Geheimnis umwehte auf allen Airshows die Gäste aus dem Osten. Die grauen Herren mit den abweisenden Mienen waren nicht sehr gesprächsbereit – natürlich, es herrschte ja kalter Krieg. Ihre Flugzeuge zeigten teils unglaubliche Leistungen, bisweilen stürzten sie auch ab.

Nun, da alle Mauern fielen, war es doch eine gute Idee, auf dem Territorium der ehemaligen DDR ein Forum zu schaffen, wo sich die Gegner von einst treffen konnten, um gute Geschäfte miteinander zu machen. Logistische Unterstützung lieferten die zahlreichen Dolmetscher und Ost-Experten aus der Region.

Leider wurde nichts daraus. Zwar war die ILA lange Zeit die einzige Fachmesse, bei der neben der Landessprache und Englisch auch Durchsagen und Informationen auf Russisch geboten wurden. Und über Jahre hinweg kamen auch wirklich riesige Delegationen aus Russland und anderen ehemaligen Ostblockstaaten nach Berlin. Flugzeuge der Hersteller MiG und Suchoi zeigten atemberaubende Manöver am Himmel. Aber die Drehscheibe kam nicht in Schwung. Die grauen Herren mit den abweisenden Minen verhielten sich immer noch so, wie zur Zeiten des eiserenen Vorhangs. Nicht weil sie Geheimnisse zu bewahren hätten, sondern mangels Interesse an Kontakten.

Das lag an ihren bescheidenen Fremdsprachenkenntnissen und daran, dass ja genug Landsleute da waren, mit denen man sich unterhalten konnte. Und potentielle Kunden für die russische Industrie waren auf der ILA ohnehin nicht zu finden. Die sitzen nämlich vor allem in Asien und Nordafrika und die Geschäftsanbahnung läuft über Regierungskanäle.

Irgendwann merkten die Messe-Manager der russischen Firmen, dass

sie auf der ILA eher für die Folkloreeinlagen zuständig waren: tollkühne Aerobatik, langbeinige Hostessen mit kurzen Röcken, aber kein Geschäft. Darum konzentrieren sie heute ihre Ressourcen auf Länder wie China, Indien oder Malaysia, wo russische Flugzeuge zum Arsenal der Luftstreitkräfte gehören. Auch zu westlichen Firmen gibt es nach wie vor Kontakte. Zulieferfirmen aus Europa und Amerika sind an den Zivilflugzeugprogrammen Suchoi Superjet und MS-21 beteiligt. Aber diese Kooperation kam auch ohne die Hilfe professionelle Kontaktanbahner zu Stande. 

Diese Geschichte ist mehr als nur Branchen-Klatsch. Sie bietet eine allgemeingültige Aussage über deutsch-russische Wirtschaftsbeziehungen. Vieles, was in den 1990er Jahren enthusiastisch angeschoben wurde, hat nichts gebracht. Überall, wo sich politische Wunschvorstellungen mit der Hoffnung smarter Dienstleister auf reiche Gewinne vereinigten, entstanden daraus Chimären, die nicht lebensfähig waren. Da ist bitter für Legionen von Russlandexperten, Exportguide-Verlegern, Messeveranstaltern und Verbandsaktivisten. Aber es sollte eigentlich keine Überraschung sein. Geschäft entsteht, wo Angebot und Nachfrage aufeinandertreffen. Das gilt auch für Russland.