"Joseph Beuys hätte auch ein sibirischer Schamane sein können"

 Joseph Beuys galt  zunächst als Außenseiter, später jedoch aufs Podest gehoben wurde. Foto: ITAR-TASS.

Joseph Beuys galt zunächst als Außenseiter, später jedoch aufs Podest gehoben wurde. Foto: ITAR-TASS.

Eugen Blume, Kurator der großen Joseph-Beuys-Ausstellung "Aufruf zur Alternative" in Moskau, spricht im Interview über den Einfluss des Künstlers auf Politik, Religion und Philosophie sowie über die Bedeutung von Beuys‘ Werk für das heutige Russland.

Joseph Beuys: ein Symbol für die Nachkriegskunst in Deutschland

Eines der für die russisch-deutschen Beziehungen wichtigsten Ereignisse dieses Jahres findet heute im Moskauer Museum für zeitgenössische Kunst statt: Die Eröffnung der Joseph-Beuys-Ausstellung "Aufruf zur Alternative", in der sowohl die Hauptwerke als auch einige weniger bekannte Arbeiten des Künstlers zu sehen sind.

 

Anarchist, Schamane, Anthroposoph, Postmoderner, "sozialer Plastiker" - unzählige Definitionen wurden diesem Künstler sowohl zu Lebzeiten als auch posthum zuteil. Der Kurator der Ausstellung und Direktor des Berliner Museums Hamburger Bahnhof Eugen Blume, ein großer Erforscher und Kenner von Beuys' Werk, sprach mit der Zeitung "Gaseta.Ru" darüber, wie dieser Ausnahmekünstler zur Legende wurde und wie sein Leitsatz "Jeder Mensch ist ein Künstler" zu verstehen ist.

 

Könnten Sie das Phänomen Beuys und seine Rolle in der Kultur des 20. Jahrhunderts kurz umreißen?


Eugen Blume: Die Wahrnehmung von Joseph Beuys hat in Deutschland einen äußerst schwierigen Verlauf genommen. Zunächst hielt man ihn für einen Scharlatan. Es brauchte eine gewisse Zeit, bis er als Künstler angesehen wurde. Nichtsdestotrotz wurde Beuys zu einer Art Symbol für die Nachkriegskunst in Deutschland, teilweise sogar zu einem visuellen Symbol: Er trug jahrelang die gleiche Kleidung - Jeans, Weste und Hut. An diesen Kleidungsstücken konnte man ihn stets erkennen und sich anschließend auch an sein Werk erinnern: "Aha, das ist doch der Künstler, der mit Fettecken, mit Wachs, Filz und Honig arbeitet!"

 

Nach und nach wurde den Menschen bewusst, dass dieser Künstler auch wirklich originelle Ideen entwickelt hatte, auf die niemand zuvor

gekommen war. Joseph Beuys rief dazu auf, über die Grenzen der Kunst hinauszugehen und alle Lebensbereiche vom künstlerischen Gedanken durchdringen zu lassen. Er gehörte zu den Gründervätern der Partei "Die Grünen" und kandidierte sogar für diese als Bundestagskandidat. Er eröffnete ein Büro, in dem er tatsächlich 24 Stunden rund um die Uhr für alle, die sich mit ihm austauschen wollten, ansprechbar war. Und auf der internationalen Kunstausstellung "Documenta" in Kassel führte Beuys während der gesamten Ausstellungsdauer - nämlich 100 Tage lang - Gespräche und Diskussionen mit Besuchern. So etwas hatte man bei einem schöpferisch tätigen Menschen niemals zuvor erlebt. Dabei trennte der Künstler Kultur nicht von Politik. Für ihn basierten beide Bereiche auf künstlerischen Ideen.

Der Nachlass von Beuys ist immens. Was genau wird in der Moskauer Ausstellung gezeigt?


Es ist mir recht schwer gefallen, eine Auswahl von Beuys' Werken für das Gastspiel in Moskau zu treffen. Ich wollte alle Seiten seines universellen Schaffens und seiner Weltanschauung zeigen. Dafür mussten alle von ihm benutzten künstlerischen Formen in der Ausstellung vertreten sein: seine Zeichnungen, Plastiken, Installationen, die filmisch festgehaltenen Performances und auch seine Texte.

 

Haben Sie vor allem auf Exponate aus dem Museum Hamburger Bahnhof zurückgegriffen oder haben Sie sich aus verschiedenen Quellen bedient?


Es sind tatsächlich recht viele Werke aus unserem Museum hier vertreten, doch es gibt auch reichlich Arbeiten aus privaten Sammlungen. Eine meiner Hauptaufgaben bestand gerade darin, die privaten Sammler davon zu überzeugen, sich für eine Weile von ihren Werken zu trennen und somit dem Moskauer Publikum die Möglichkeit zu bieten, das ganze Spektrum von Beuys' Schaffen zu bestaunen. Was jedoch die Video-Dokumentationen der Performances anbetrifft, so brauchten wir keinerlei Unterstützung: Im Hamburger Bahnhof befindet sich das Medienarchiv, das sämtliche Filme von bzw. über Beuys enthält.

 

Sie haben erwähnt, dass Joseph Beuys zunächst als Außenseiter galt, später jedoch aufs Podest gehoben wurde. Haben seine Arbeiten heute, Jahrzehnte später, noch immer einen emotionalen Einfluss auf den Betrachter? Oder geht es um eine Kunst aus dem Archiv, eine nahezu antiquarische Kunst?


Ich glaube, dass das Werk von Joseph Beuys nicht ins Archiv gehört. Im Gegenteil - man kann sogar sagen, dass es heute aktueller denn je ist. Joseph Beuys war derart radikal, dass er seiner Zeit voraus war. Sein Schaffen hatte einen direkten Bezug zu den essentiellen Fragen. Wohin bewegt sich die Menschheit? In welche Richtung soll sich die globale Zivilisation entwickeln? Wollen wir weiterhin die Herrschaft des totalen Kapitalismus oder bevorzugen wir eine geistige Suche?

 

Sie sprechen gerade über die Ideologie, ich meinte jedoch die Ästhetik. Sehen die Arbeiten von Beuys heute nicht leicht archaisch aus, als seien sie in der Zeit der 60er - 70er Jahre des 20. Jahrhunderts steckengeblieben?


Gute Kunst ist immer zeitgemäß. Hat ein Künstler eine bestimmte neue und überzeugende Form gefunden, verliert diese mit den Jahren nicht an Aktualität. Denken Sie doch einmal an die Portraits von Rembrandt! Wenn wir in die Augen dieser Menschen blicken, denken wir doch nicht darüber nach, dass die Gemälde vor dreieinhalb Jahrhunderten entstanden sind. Genau so sehe ich auch das Werk von Joseph Beuys. Ich bin überzeugt, dass die von ihm erfundene Formensprache auch künftig eine Wirkung haben wird.  

Persönliche Mythologie und Entprofessionalisierung der Kunst

Um sich globalen Fragen widmen zu können, benutzte der Künstler häufig seine persönliche Mythologie. Glauben Sie, dass diese Verbindung zwischen den weltweiten Problemen und der subjektiven Erfahrung tatsächlich von den Betrachtern erfasst wird?


1964 schrieb Beuys folgenden Satz: "Mein Leben ist meine Kunst." Damit positionierte er sich als Künstler, der sich der Gesellschaft maximal öffnet. Im Grunde genommen hat er ein Experiment durchgeführt, das den Beweis für die Richtigkeit seiner Ideen liefern sollte. Er war davon überzeugt, dass in jedem Menschen ein freiheitsliebendes Samenkorn steckt, das der Entwicklung bedarf. Dann wird der Mensch wirklich frei von sozialen Zwängen und versteht, welchen Gefahren er persönlich ausgesetzt ist. Genau dieses Konzept wollte Beuys am eigenen Beispiel demonstrieren. 

 

Wenn man sich an seine Thesen erinnert, wonach "jeder Mensch ein Künstler" sei und die Zukunft der Kunst eine Entprofessionalisierung dieser Arbeit erfordere, erscheint es ein wenig seltsam, wenn man sieht, wie Beuys posthum ganz oben in der Hierarchie angesiedelt wird und sein Nachlass in zahlreichen Museen präsentiert wird. Liegt hier nicht ein Widerspruch vor?


Mit diesem Problem war ich auch selbst als Museumsleiter konfrontiert.

Auch ich habe mir eine ähnliche Frage gestellt. Doch ich möchte in diesem Zusammenhang an eine Aussage von Beuys erinnern, der meinte, ein Museum sei in gewisser Weise eine "Universität der Objekte". Und seine Werke bezeichnete er als Transportmittel, die seine Ideen zur Gesellschaft und zum konkreten Betrachter bringen. Beim Anblick dieser Objekte sollen bestimmte Gefühle entstehen, sozusagen Gegenreaktionen. Und ich möchte hinzufügen, dass einige Kunsthistoriker nach Beuys' Tod den Versuch unternahmen, aus ihm einen "gewöhnlichen", "normalen" Künstler zu machen und sein Werk von Politik, Philosophie und Weltanschauung loszulösen. Ich persönlich halte diese Versuche für absolut falsch.

 

Die Person Joseph Beuys wird bisweilen mit der künstlerischen Bewegung "Fluxus" gleichgestellt, an deren Entstehung er beteiligt war. Gab es zwischen ihnen einen prinzipiellen Unterschied?


Ich würde Beuys und "Fluxus" trotz allem getrennt betrachten. Nicht ohne Grund warf dieser den Künstlern von "Fluxus" vor, sie seien unpolitisch und verfügten nicht über den Willen, die Gesellschaft ernsthaft umzugestalten. Freilich sind auch viele der heutigen Künstler unpolitisch, und in diesem Sinne scheint Joseph Beuys als Künstler sehr viel aktueller als diese. Übrigens entstehen zurzeit unter der Jugend Stimmungen, die den von Beuys propagierten stark ähneln. Mir scheint, dass die neue Künstlergeneration Beuys besser versteht als die heutigen großen Meister.

 

Auf das Genre der Performance greift die neue Generation immer häufiger zurück und zwingt uns dadurch, uns an die Mode von vor vierzig Jahren zu erinnern. Hat Beuys' Erfahrung auf diesem Gebiet eine Bedeutung für die heutige Kunst?


Joseph Beuys unterscheidet sich buchstäblich in allen Punkten von anderen Künstlern, darunter auch im Bereich der Performance. Seine Aktionen berührten äußerst schwierige, große Themen und führten anderen Künstlern einen erweiterten Kunstbegriff vor Augen. Einige davon zeigen wir in der Ausstellung als Filme, z.B. "Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt", "Ich liebe Amerika und Amerika liebt mich" und "Coyote S". Man kann sicherlich einen gewissen Einfluss auf die zeitgenössischen Performances ausmachen, wohl aber nicht von einer direkten Beeinflussung sprechen.

 

Joseph Beuys' Kunst wird häufig mit Schamanimus, mit einem Appell an etwas zutiefst Natürliches verglichen. Inwiefern sind in unserem rationalen Jahrhundert solche Praktiken überhaupt angebracht?


Der Künstler fand, dass die Herrschaft des Materialismus am Leben der Gesellschaft nagt und man ihr etwas Geistiges in beliebiger Form zuführen müsse, ganz gleich, ob es sich dabei um Christentum, Schamanismus oder etwas Anderes handele. Nur wenn die Menschheit geistige Kräfte erkenne, könne sie überleben. 

 

Die oben erwähnte persönliche Mythologie von Joseph Beuys ist in hohem Maße mit Russland verbunden, und zwar mit der Geschichte von Beuys' wundersamer Rettung im Zweiten Weltkrieg, nachdem sein Flugzeug über der Krim-Steppe abgeschossen worden war. Hatten Sie dies bei der Vorbereitung der Ausstellung in Russland in Ihre Überlegungen mit einbezogen?


Für mich war es sehr wichtig, in Moskau eben diesen Mythos vorzustellen, da er eine Schlüsselrolle in der schöpferischen Biographie

von Beuys gespielt hat. Soweit ich weiß, kennen viele Menschen in Russland diese Episode. Das abgeschossene Flugzeug der Luftwaffe, bei der Joseph Beuys als Bordschütze und -funker diente, war in der Steppe abgestürzt, und das Leben des späteren Künstlers wurde von nomadisierenden Tataren gerettet, die ihn mit Fett einsalbten und in Filzdecken einwickelten. Ich wollte zeigen, welch wesentlichen Einfluss dieses Ereignis auf die künftigen Ansichten von Beuys hatte. Er fühlte, dass sich hier zwei verschiedene Kräfte, zwei Welten begegnet waren.

Er selbst war Soldat und Vertreter des Staates, dessen Ziel darin bestand, fremdes Territorium zu erobern. Bekanntlich waren die Deutschen laut Nazi-Ideologie ein "Volk ohne Territorium", ohne den für das Volk notwendigen Lebensraum, woraus die Strategie entstand, sich diesen Raum einfach durch Eroberung anzueignen. Die Strategie diente als Rechtfertigung für den Eroberungskrieg. Auch diese nomadisierenden Tataren waren Menschen ohne eigenen Lebensraum, doch sie bewegten sich frei und friedlich von einem Punkt zum nächsten - ohne über jemanden herzufallen. Und sie waren bereit, ihre jahrhundertealten Geheimnisse anzuwenden, um einen Fremden, einen Aggressor zu heilen. Diese Gegenüberstellung wurde zum wichtigsten Faktor, der gleichsam die gesamte Ideologie von Beuys prägte. 

Gehen Sie davon aus, dass das russische Publikum in besonderer Weise auf diesen Mythos reagieren wird?


Dinge lassen sich schwer voraussagen, doch nach den Gesprächen, die ich in den letzten Tagen in Russland hatte, ist bei mir der Eindruck entstanden, dass es hier ein echtes Interesse an der Person Joseph Beuys gibt. Wahrscheinlich nicht bei allen, doch bei einem bestimmten Teil der Öffentlichkeit. Ich kann mir kaum vorstellen, dass ich in Deutschland mit jemandem eine Stunde lang über diesen Künstler sprechen könnte, doch in Moskau kommt so etwas vor, was mich angenehm überrascht hat. Ich hoffe, dass das Publikum Beuys' Werk positiv aufnehmen und seinen künstlerischen Ideen nicht ablehnend gegenüberstehen wird. Vielmehr gehe ich davon aus, dass er hier als einer der Ihren  aufgenommen wird. Denn theoretisch hätte er auch ein sibirischer Schamane sein können, der irgendwo hinterm Ural geboren wurde… Und was seine politischen Ideen anbetrifft, so könnten sie auch für das heutige Russland von Interesse sein.

 

Die Ausstellung "Aufruf zur Alternative" ist vom 12. September bis zum 14. November 2012 im Staatlichen Museum für Moderne Kunst der Russischen Akademie der Künste in Moskau zu sehen.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei gazeta.ru.

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