Musik-Kaderschmiede feiert Jubiläum

Zu den bekanntesten Absolventen des Konservatoriums zählen Pjotr Tschaikowsky, Sergej Prokofjew und Dimitrij Schostakowitsch. Foto: Lori_LegionMedia

Zu den bekanntesten Absolventen des Konservatoriums zählen Pjotr Tschaikowsky, Sergej Prokofjew und Dimitrij Schostakowitsch. Foto: Lori_LegionMedia

Es ist die älteste Musikhochschule des Landes. 1862 wurde das Petersburger Konservatorium vom Pianisten Anton Rubinstein gegründet, 1944 wurde es nach Rimski-Korsakow benannt. Im September feiert es sein 150-jähriges Bestehen.

Die Stimmung ist angespannt. Schließlich ist es die erste Stunde für Sergej. Der 20-jährige Sergej Godowalow hat schon viele Bajan-Stunden hinter sich. Aber heute ist es die erste bei Großmeister Alexander Dmitriev. Bajan ist ein Knopfakkordeon, das in Osteuropa besonders beliebt ist. Als Sergej zehn Jahre alt war, hat erangefangen darauf zu spielen. Seit kurzem studiert er das Instrument und zwar nicht irgendwo, sondern am berühmten Rimski-Korsakow-Konservatorium in St.Petersburg.

Sergej kommt ursprünglich aus Perm. Das liegt 2.000 Kilometer von St. Petersburg entfernt und hat nur ein Kultur-Institut zu bieten. „Ich will mich mit der Sache beschäftigen, die mir am meisten Spaß macht", erklärt der schüchterne, junge Mann. Und das sei nun einmal Bajan spielen. Ob er damit später auch seinen Lebensunterhalt verdienen kann, weiß er nicht. Doch was er weiß ist: „Die Musik hilft mir zu leben." Klingt etwas pathetisch. Aber Pathos begegnet einem am Rimski-Korsakow-Konservatorium nicht nur im hellblau gestrichenen Übungsraum von Sergej.

Auch Rektor Mihail Gantvarg gibt sich gern pathetisch und patriotisch. Er zählt viele berühmte russische Musiker auf, die zuden Absolventen des Konservatoriums gehören. Zu den bekanntesten zählen Pjotr Tschaikowsky, Sergej Prokofjew und Dimitrij Schostakowitsch. Auch Nikolai Rimski-Korsakow hat die Petersburger Musikhochschule besucht und hat später auch Instrumentation und Komposition unterrichtet. 1944 wurde die Hochschule deshalb nach ihm benannt. „Wir sind ganz zufrieden damit", erklärt Mihail Gantvarg. 

Die jungen Musiker können sich im Laufe ihres fünfjährigen Studiums auf ganz unterschiedliche Instrumente spezialisieren. Insgesamt 21

stehen ihnen zur Auswahl. Das Knopfakkordeon Bajan gehört zur Volksmusikabteilung, so wie Gitarre, Balalaika, Gusli und Domra. Bajan-Meister Alexander Dmitriev hat mit seinen 61 Jahren schon viele Übungsstunden hinter sich gebracht. Geduldig erklärt er Student Sergej Godowalow warum er die Noten anders spielen soll. Mit großen Gesten und aufgerissenen Augen versucht er das Gesagte zu unterstreichen. Der 20-Jährige hört ihm geduldig zu und sagt im Anschluss: „Professor Dmitriev ist sehr fordernd, aber gleichzeitig bringt er im Unterricht seine ganze Kompetenz und Erfahrung ein – das gefällt mir!"

Von der Spezialmusikschule direkt ins Konservatorium

Alexander Dmitriev lehrt nicht nur am Konservatorium sondern auch an der Spezialmusikschule, nur zehn Gehminuten entfernt. Dort werden bereits Fünfjährige auf eine spätere Musikkarriere vorbereitet. 1936 wurde die Schule gegründet und ebnet besonders talentierten Kindern den Weg zum Rimski-Korsakow-Konservatorium.  

Alexander Dmitriev hat vor 28 Jahren ein Bajan- und Akkordeon-Festival in St. Petersburg gegründet. Foto: Pauline Tillmann.

 Wer von einer normalen Schule abgeht und aufs Rimski-Korsakow-Konservatorium kommen will, muss ein strenges Auswahlverfahren durchlaufen. Auf einen Studienplatz kommen im Durchschnitt 25 Bewerber. Studiengebühren müssen die Russen übrigens nicht bezahlen, Ausländer schon. Ein Semester kostet 2.500 Euro.

„Qualität hat seinen Preis", sagt Rektor Mihail Gantvarg. Er weiß, dass das Konservatorium bis heute eine große Anziehungskraft auf Nachwuchsmusiker ausübt. Sogar die bekannte Sopranistin Anna Netrebko hat hier Gesang studiert. Zum Jubiläumskonzert am 19.September kommt sie wahrscheinlich nicht.

„Anna Netrebko ist eine von vielen", relativiert Gantvarg. Er wisse zwar um ihre Beliebtheit im Westen,aber das Konservatorium habe neben ihr

noch viele andere bekannte Musikerher vorgebracht. Der erste Schüler war beispielsweise Pjotr Tschaikowsky. Auch Sergej Prokofjew und Dimitrij Schostakowitsch zählen zu den Absolventen des Instituts. Manchmal, so scheint es, schwebt ihr Geist noch durch die Gänge. Und so liegt der Schwerpunkt des Studiums eindeutig auf klassischen Werken. Zeitgenössische Musik wie Jazz oder Blues kommt bislang nur punktuell zum Einsatz. Das hat dem Konservatorium den Ruf eingebracht, konservativ und altmodisch zu sein.

Gradwanderung zwischen Tradition und Moderne

Der Spagat zwischen Tradition und Moderne ist nicht einfach. Das weiß auch Rektor Gantvarg. Im Moment läuft der größte Umbau in der Geschichte des Konservatoriums. Das erste Stockwerk soll komplett umgestaltet werden, in den nächsten zwei Jahren soll dort eine neue Bibliothek eingerichtet werden. Außerdem soll Computertechnik Einzug halten. Damit wolle man endlich im 21. Jahrhundert ankommen, meint Gantvarg. Dafür ist man sogar bereit, mehr als 100 Millionen Euro auszugeben. Der Alltag zeigt allerdings: Den Studenten fehlt es nicht an neuen Büchern.

Rektor Mihail Gantvarg hat Ende der 60er selber am Konservatorium Geige studiert. Foto: Pauline Tillmann.


Seit 20 Jahren hilft die deutsche Gartow-Stiftung

Wenn man zum Beispiel ein Instrument kaufen möchte, kann das Konservatorium nicht helfen. Seit 20 Jahren springt in dem Fall die deutsche Gartow-Stiftung ein. Sie bewilligt bedürftigen Studenten einen Zuschuss für ein neues Instrument.  Der 21-jährige Alexander Wassilew hat zwei Klarinetten. Eine davon hat er mit Hilfe der Hamburger Gartow-Stiftung gekauft. Auch er studiert am Rimski-Korsakow-Konservatorium und hat zuvor die Spezialmusikschule besucht. Heute träumt er davon, im Orchester des bekannten Mariinsky-Theaters zu spielen. Bei regelmäßigen Auftritten sammelt er Konzertpraxis – dazu gehören auch Hochzeiten. „Das bringt mich nicht weiter“, sagt Alexander Wassilew, „aber es bringt mir Geld ein“.

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland