Schiefergas: Brüssel verschafft Gazprom Erleichterung

 Die EU Entschedung über neue Rohstoffe hat Gazprom  mehr Luft verschafft.  Foto: ITAR-TASS.

Die EU Entschedung über neue Rohstoffe hat Gazprom mehr Luft verschafft. Foto: ITAR-TASS.

Noch vor knapp einem Jahr schien es, Polen könne Gazprom ernsthaft in Gefahr bringen: Der polnische Premier Donald Tusk begeisterte viele internationale Ölmultis dafür, im Land nach Schiefergas zu bohren und damit die Abhängigkeit von Gazprom zu milden. Doch jetzt könnte die EU den ambitionierten Polen Steine in den Weg legen.

Die Verunreinigung von Grund- und Oberflächenwasser sowie die Verschmutzung der Luft: Das sind nach Ansicht der EU die größten Probleme, welche die Förderung von Schiefergas mit sich bringt. „Die Ausbeutung dieses Rohstoffes dürfte mehr Schäden für die Umwelt als die Förderung vonkonventionellem Gas bringen", sagte der Sprecher für Umweltfragen bei der Kommission in Brüssel, Joe Hennon, als er Anfang September den ersten Berichtder Gemeinschaft zu dem Thema vorstellte.

„Im bestehenden Recht gibt es Lücken, die wir füllen müssen, bevor es zu größeren Projekten innerhalb der EU kommt", so Hennon, der gleichzeitig ab 2013 gesetzliche Regelungen dafür ankündigte. Bisher wird die Förderung dieses relativ jungen Rohstoffes auf der Grundlage des nationalen Rechts der einzelnen Mitgliedsstaaten geregelt.

Damit könnte Brüssel größere Projekte gesetzlich blockieren. Polen, das derzeit stark auf dieses alternative Gas setzt, wäre davon am meisten betroffen. Das Land verfügt Schätzungen von Experten zufolge über die größten Schiefergas-Vorkommen in Europa. Diese alternative Form des Rohstoffes ist weltweit im Kommen und gilt unter vielen Fachleuten als eine lukrative Energiequelle der Zukunft. Für Gazprom, das weltweit exportiert, könnte die Erschließung die Geschäfte empfindlich stören.

Premier Donald Tusk hatte noch im Herbst 2011 kurz vor den Parlamentswahlen eine erste Probebohrung in Nordpolen veranstaltet. Öffentlichkeitswirksam vor laufenden Kameras wollte er insbesondere Moskau zeigen, dass sein Land zukünftig nicht mehr auf das russische Gas angewiesen ist. Seine Regierung setzte sich ein ehrgeiziges Ziel und wollte bereits 2014 mit der Förderung beginnen.

Viele internationale Investoren sind seitdem nach Polen gekommen. Die Liste las sich wie das Who is Who der großen Ölkonzerne: Conoco Philips, Exxon Mobil oder Chevron investierten die nicht geringe Summevon 15 Millionen Dollar (rund zwölf Millionen Euro) in einzige Probebohrung, um hier fündig zu werden. In den USA deckt das Schiefergas bereits 22 Prozent des einheimischen Bedarfs.

Mittlerweile ist aber schon viel von der polnischen Anfangseuphorie verflogen. Schätzungen des einheimischen staatlichen Geologieinstituts PIG zufolge sind die Lager wesentlich kleiner als angenommen. Mit Exxon Mobil ist im Juni 2012 auch schon ein Investor abgesprungen, weilsich seine Bohrungen als unrentabel herausgestellt haben. Und jetzt kommt aus Brüssel auch noch ein negatives Signal.

Des einen Leid, des anderen Freud: Damit hellt sich für Gazprom

wenigstens diese Front etwas auf. Und aus Brüssel gibt es nicht nur schlechte Nachrichten für den Konzern, der sich derzeit mit mehreren Problemen auseinandersetzen muss. Die EU-Kommission hat ein kartellrechtliches Verfahrenwegen der Preispolitik des Versorgers angestrengt und sich damit den Zorn von Präsident Wladimir Putin zugezogen. Darüber hinaus wurde das Unternehmen im ersten Quartal von Gewinn-Rückgängen im zweistelligen Prozentbereich gebeutelt.

Und das war bei weitem noch nicht alles. Denn Putin hatte Ende August das Aus des ehrgeizigen milliardenschweren „Shtokman"-Projektes verkünden müssen. Gazprom wollte ursprünglich in der Arktischen See ein Naturgasfeld mit seinem norwegischen Partner Statoil erschließen. Doch hier hatte die erfolgreiche Förderung von Schiefergas in den USA den Russen einen unerwarteten Strich durch die Rechnung gemacht. Eigentlich wollte Gazprom das Gas aus dem „Shtokman"- Feld an den US-amerikanischen Marktliefern. Jetzt sind dort die Preise allerdings aufgrund der unerwarteten Konkurrenz dieses alternativen Gases rasant gesunken. Und haben das Projekt inder Arktischen See somit überflüssig gemacht.

Immerhin hat Brüssel mit der Andeutung für eine gesetzliche Regelung von des neuen Rohstoffes Gazprom an dieser Front wieder mehr Luft

verschafft. Eigentlich war dies auch zu erwarten, weil die Schiefergas-Kritiker innerhalb der EU über eine starke Lobby verfügen. Die Umweltverbände schlagen schon seit Jahren Alarm, die Ausbeutung dieses Gaseskönnte das Grundwasser vergiften. Darüber hinaus sehen die Anhänger der Alternativen Energiequellen es überhaupt nicht gerne, dass hier eineunerwartete Konkurrenz heranwächst. Ebenso wenig freut sich die europäische Atomlobby über die neuen Projekte. Insbesondere in Frankreich, das auch den Schätzungen zufolge auch über große Vorkommen verfügen soll, haben die AKW-Betreiber einen großen Einfluss auf die Regierung.

Allerdings bleiben viele Schiefergas-Befürworterweiterhin optimistisch – der skeptischen Töne aus Brüssel zum Trotz: „Wenn sich nur ein Viertel der Schätzungen in Polen als realistisch herausstellen sollten, dann bleibt die Förderung jedenfalls lukrativ", unterstreich der Sprecher eine Firma, die im Auftrag der Ölmulties in dem östlichen EU-Land die Probebohrungenorganisiert. Das Schiefergas wird weiterhin ein wichtiges geopolitische Themableiben. Und die Verantwortlichen von Gazprom können sich noch lange nicht beruhigt zurücklehnen.

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