Joseph Beuys-Ausstellung löst Besucheransturm aus

Unter dem Titel „Aufruf zur Alternative“ wurde am Mittwoch in Moskau die lang erwartete Ausstellung mit über 500 Werken des Künstlers Joseph Beuys eröffnet. Erstmalig in dieser Größenordnung und zum insgesamt zweiten Mal kommen russische Kunstliebhaber in den Genuss der Werke des bedeutenden deutschen Künstlers. Die Eröffnung löste einen wahren Besucheransturm aus.

Das Moskauer Museum für zeitgenössische Kunst scheint aus allen Nähten zu platzen, als sich die Türen zur Joseph Beuys-Ausstellung öffnen. Was wie eine Übertreibung klingen mag, trifft hier zu: Jahrzehnte lang hat die russische Kunstszene auf den wohl bedeutendsten deutschen Künstler des 20. Jahrhunderts gewartet. Nun ist es endlich soweit und die über 500 ausgestellten Werke von Joseph Beuys können in der russischen Hauptstadt bewundert werden.

„Beuys hätte gerne in Russland ausgestellt, doch zu seinen Lebzeiten war dies leider nicht möglich“, weiß Eugen Blume, der Kurator der Ausstellung. Er ist Experte auf dem Gebiet Joseph Beuys und Leiter des Berliner Museums für Gegenwart Hamburger Bahnhof. Für die Moskauer Kunstliebhaber ist die Eröffnung der Beuys-Ausstellung ein bedeutendes Ereignis: Es scheint, als hätten sich an diesem Abend alle Künstler und Kunstwissenschaftler der Stadt versammelt, um ein Wiedersehen mit dem – nach Blumes Worten –  „politischen Gegner der UdSSR und DDR“ zu feiern. Von seiner berühmten Installation „Straßenbahnhaltestelle“ zu seinen Zeichnungen, Grafiken und Videos boten sich den Besuchern hierzu zahlreiche Gelegenheiten.

Der Präsident des Goethe-Instituts Prof. Klaus-Dieter Lehmann reiste für die Eröffnung extra nach Moskau. Als Hauptkoordinator des Deutschlandjahres in Russland ist es vor allem dem Goethe-Institut zu verdanken, dass die umfangreiche Ausstellung nun in der Russischen Hauptstadt zu sehen ist.

„Bei Beuys ist Kunst eine sehr politische Angelegenheit. Sie ist die Grundlage der Gesellschaft – und das ist heute immer noch so. Künstler sind dabei vielleicht nicht die Wettermacher, aber das Barometer“, meint Lehmann.

Alte Hasen sind offener für moderne Kunst


Ein riesiges Plakat wirbt über dem Eingang des Museums für die Ausstellung. Es zeigt Joseph Beuys 1965 während der Performance „Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt“. Nachdenklich betrachtet Michail Kaluschski das Plakat. Er ist Dramaturg am Joseph Beuys-Theater in Moskau und bedauert, dass viele Russen keinen rechten Draht zur Moderne haben: „Heutzutage ist es in Russland manchmal einfacher, einem toten Hasen ein Bild zu erklären, als den Leuten die zeitgenössische Kunst.“

Die ersten Besucher der Ausstellung scheinen jedoch noch zu den alten Hasen zu gehören. Beuys’ Werke, Ideen und Konzepte werden mit großem Interesse aufgegriffen. „Ich denke, dass seine politischen Ansichten im heutigen Russland sehr aktuell sind“, meint Kurator Eugen Blume.

Ein Gesprächsthema scheint in allen Museumsecken immer wiederzukehren: Pussy Riot. „Ohne Joseph Beuys hätte sich in der Bundesrepublik Deutschland die Gesellschaft nicht zu dem entwickelt, was sie heute ist“, lässt Prof. Klaus-Dieter Lehmann vor einigen Journalisten verlauten. Ob die Punkband Pussy Riot einmal dieselbe Bedeutung für die russische Gesellschaft einnehmen wird, wird man erst in Jahrzehnten einschätzen können.

Doch es gibt durchaus Parallelen, erklärt die Kunstwissenschaftlerin Ekaterina Degot. Zur Unterstützung der drei jungen Frauen verfasste sie vor Kurzem einen Brief, den zahlreiche Künstler und Kunstwissenschaftler in Russland unterschrieben. Degot ist überzeugt: „Heute brauchen wir Extreme, um gehört zu werden.“ Doch ob das Moskauer Publikum den „Aufruf zur Alternative“ hören wird?

Die Ausstellung im Moskauer Museum für zeitgenössische Kunst ist bis zum 14.November geöffnet.

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