Das Usedomer Festival: Wo die Meereswoge singt

 Der gebürtige Nowosibirsker Thomas Sander. Foto: Pressebild

Der gebürtige Nowosibirsker Thomas Sander. Foto: Pressebild

Ab Mitte September lässt sich hören, wie das Sinfonieorchester Nowosibirsk im Konzert „dampfen" kann, auch unter der Leitung eines deutschen Dirigenten.

Ein glücklicher Zufall war es, der den Namen Usedom in diesem Jahr in die überregionalen Zeitungen spülte. Nach einem Sturz vom Podium im April nämlich hatte der Dirigent Kurt Masur eine Zwangspause einlegen und sämtliche Konzerte bis zum Ende der Spielzeit absagen müssen. Nun wird das erste Deutschlandkonzert des genesenen Maestros in Peenemünde stattfinden – zur Eröffnung des 19. Usedomer Musikfestivals.

Wer nach den Verbindungen Masurs zum Festival sucht, muss ins

Das Festival

Was 1994 begann, zählt heute zu den wichtigsten Festivals im musikalischen Kalender Deutschlands. Vor dem grandiosen Hintergrund der Sonneninsel findet zwischen dem 15. September und 7. Oktober zum 19. Mal das Usedomer Musikfestival statt.

Gründungsjahr 1994 zurückgehen. Der Dirigent war der erste Schirmherr des Projekts und wird nun erstmals selbst am Pult stehen. Am 15. September dirigiert er im Kraftwerk des Museums Peenemünde das 2008 ins Leben gerufene Festivalorchester „Baltic Youth Philharmonic", zudem leitet er einen Meisterkurs mit sieben Nachwuchsdirigenten aus Russland, Deutschland, Taiwan, Südkorea und den USA. Die Werke des Abends, Modest Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung" und Dmitri Schostakowitschs Erste Sinfonie, stimmen auf den diesjährigen Schwerpunkt des Festivals ein. „Deutschland in Russlands Spiegel" heißt der – und wo wäre ein solches Motto besser aufgehoben als an der Ostsee, die beide Länder geografisch verbindet?

Mehr als 40 Veranstaltungen mit über 30 russischen Komponisten und Interpreten, darunter der Cellist Alexander Buzlov und die Pianisten Lilya Zilberstein und Alexander Melnikov, werden verschiedene Facetten der deutschen und russischen Musikkultur beleuchten.

Das „Orchestra in Residence" der Festspiele, das Akademische Sinfonieorchester Nowosibirsk, präsentiert musikalische Raritäten: Am 5. Oktober steht etwa Tschaikowskis selten zu hörende Elegie „In memoriam Iwan Samarin" auf dem Programm.

Tschaikowskis „An die Freude"

Eine fast kuriose Besonderheit ist am 3. Oktober zu erleben: Zusammen mit Beethovens Neunter Sinfonie erklingt ein Werk, das der junge Peter Tschaikowski nicht ganz freiwillig schrieb. Für die Zulassung zur Diplomprüfung am Petersburger Konservatorium bei Anton Rubinstein nämlich oblag es ihm, eine Kantate „K Radosti" – also „An die Freude" – zu komponieren. Wenige Wochen nur hatte er dafür Zeit und lehnte eine Veröffentlichung später ab; so dürfen wir das Werk nun gar als deutsche Erstaufführung genießen.

Der Dirigent der drei Abende mit dem sibirischen Orchester steht in besonderem Maß für die kulturellen Verbindungen Deutschlands und

Russlands. Thomas Sanderling ist der erste, in Nowosibirsk geborene Sohn der im letzten Jahr verstorbenen Dirigentenlegende Kurt Sanderling. Am Vortag des Festkonzerts wird er seinen siebzigsten Geburtstag feiern – und auf eine beachtliche Pultkarriere zwischen vielen Welten zurückblicken. Begonnen hat er bei den kleinen Orchestern in Sondershausen und Reichenbach (Vogtland); 1966 wurde er zum Musikdirektor der Oper in Halle an der Saale. Später dirigierte er die renommiertesten Orchester der DDR, der Bundesrepublik und der UdSSR sowie an der Wiener Staatsoper, am Teatro La Fenice, in Japan und den USA.

Nach dem Klang russischer Orchester befragt, hat der Dirigent griffige Formulierungen parat. „In russischen Orchestern steht der blühende, reiche Streicherklang im Vordergrund, ein überaus romantischer Klang, sozusagen ‚mit viel Cholesterin', wie jemand einmal sagte", so Sanderling. Klanglich gehe es sofort gewaltig los: „Im Konzert kann das dampfen", fügt er hinzu.

Und das Sinfonieorchester Nowosibirsk? Es zählt heute zu den

bedeutendsten Orchestern Russlands, konzertiert mit international renommierten Dirigenten und Solisten und ist weltweit auf Gastspielreisen präsent. „Nowosibirsk ist die drittgrößte Stadt Russlands und sehr besonders", erzählt Sanderling. „Historisch ein Verbannungsort, wurden im Zweiten Weltkrieg viele Intelligenzler hierher evakuiert. Auch die Petersburger Philharmoniker waren hierher ausgelagert, was der Stadt einen wichtigen kulturellen Impuls gab."

Noch vor dem Krieg wurde in Nowosibirsk das größte Operntheater Russlands gebaut. Mit der Eröffnung nach dem Krieg entstand ein eigenes Philharmonisches Orchester. Stolz verweist Sanderling auf die jüngsten CD-Einspielungen des Orchesters. Die Orchesterwerke Sergei Tanejews fanden bei der Fachpresse viel Resonanz – und waren die beste Empfehlung für das Usedomer Festival. Wer also den blühend-reichen, „russischen" Orchesterklang für sich entdecken will und die lange Anfahrt nach Sibirien scheut, sollte im Oktober nach Usedom pilgern.

Martin Morgenstern ist Musikwissenschaftler, Journalist und Begründer des Kulturportals Musik in Dresden.

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