Die "Sedow": Mit vier Masten um die Welt

Die „Sedow" soll die Botschaft von der russischen Staatlichkeit in die Welt tragen. Foto: FOTOXPRESS

Die „Sedow" soll die Botschaft von der russischen Staatlichkeit in die Welt tragen. Foto: FOTOXPRESS

Einst hieß sie „Magdalene Vinnen II“ und fuhr unter deutscher Flagge. Dann kam der Krieg. Heute sind Deutsche als aktive Passagiere auf der „Sedow“ gern gesehen.

Es ist später Samstagabend, als die „Sedow" am 19. Mai langsam zwischen dem Englischen und dem Leutnant-Schmidt-Kai hinausmanövriert. Am Ufer stehen mehrere Hundert Petersburger und winken dem Schiff mit den markanten vier roten Masten hinterher: 14 Monate lang wird die „Sedow", das mit 118 Metern Länge zweitgrößte Segelschiff, nun um die Welt segeln und dabei 45 000 Seemeilen, also etwa 83 000 Kilometer zurücklegen. Zum Auslaufen spielt ein Orchester russische Märsche, der Petersburger Gouverneur Georgi Poltawschenko wünscht den Seeleuten traditionell „Sieben Fuß unter dem Kiel!".

Die „Sedow" wird weitgehend die Route wiederholen, die Adam Johann Baron von Krusenstern 1803 bei der ersten Weltumrundung unter russischer Flagge einschlug: über Kiel und Casablanca nach Brasilien, dann ins chilenische Valparaiso und von dort nach Wladiwostok. Über Shanghai und Mauritius geht es um das Kap der guten Hoffnung wieder zurück nach Sankt Petersburg. Nur die amerikanischen Häfen darf das Schiff nicht anlaufen, weil es einen ungeklärten Eigentumsstreit mit den Amerikanern gibt – das Schiff könnte konfisziert werden.

Disziplin statt Heimweh

Das würde gar nicht passen zum historischen Hintergrund, dem die Weltumseglung gewidmet ist: 1150 Jahre ist es her, dass die Kiewer Rus gegründet wurde, der Vorläuferstaat des heutigen Russlands. Die „Sedow" soll also die Botschaft von der russischen Staatlichkeit in die Welt tragen.

Einige Tage zuvor kann man die Matrosen dabei beobachten, wie sie

Deutsches Schiff unter russischer Flagge

Die „Sedow" lief 1921 auf der Kieler Germaniawerft vom Stapel, damals unter dem Namen „Magdalene Vinnen II". Nach dem Zweiten Weltkrieg ging das Schiff als Teil der deutschen Reparationszahlungen an die Sowjetunion und wurde 1946 in Gedenken an den russischen Polarforscher Georgi Sedow umbenannt. Heute gehört die „Sedow" der Technischen Universität Murmansk und dient als Schulschiff, auf dem junge Matrosen und Kadetten ausgebildet werden.

den Boden schleifen, die Fassade streichen und die bronzefarbenen Haltegriffe schmirgeln. Einer von ihnen ist der 18-jährige Stepan Grekow. Er ist im zweiten Semester und mit einigen Studienkollegen insgesamt drei Monate an Bord. „Ich liebe das Meer", sagt er. Obwohl ihn das Heimweh plagt, hat er immer davon geträumt, zur See zu fahren: „Ich muss mich daran gewöhnen, damit es später nicht mehr so schlimm ist." Schließlich will er einmal Kapitän werden. So wie Nikolai Sorschenko. Fast sein ganzes Leben ist er nun schon auf See – und seit eineinhalb Jahren Kapitän der „Sedow". Mit einem anderen Schiff hat er bereits zweimal die Welt umrundet. Diese Erfahrungen wird er in den nächsten 426 Tagen an Bord einbringen. Was nach einer langen Zeit klingt, sieht Kapitän Soroschenko nüchtern. „Emotionen habe ich schon seit 20 Jahren nicht mehr", erklärt er. Wenn er auf See sei, habe das wenig mit Gefühl, sondern eher mit Arbeit zu tun. Man müsse jahrelang hart arbeiten, um Kapitän zu werden. Und wenn es schließlich so weit sei, müsse man am Ball bleiben. Das halte einen fit. Genauso wie die Studenten, die das Segelschiff bevölkern.

An Bord ist neben 100 Matrosen dieses Mal auch eine bekannte

russische Rockgruppe: Mumij Troll haben ihren Spielplan für einige Wochen der Reiseroute angepasst und werden während der Fahrt ein neues Album aufnehmen. Schon im vergangenen Jahr hat die Band aus Wladiwostok Konzerte auf Schiffen gegeben und sieht die Expedition nun als logische Fortsetzung. Die Vorliebe fürs Meer schlägt sich auch in vielen ihrer Lieder nieder. „Dass diese Band mitkommt, ist ein besonderer Glücksfall", sagt Kapitän Nikolai Soroschenko.

Rocker an Bord!

Die wechselhafte Geschichte der „Sedow" zieht aber nicht nur Mumij Troll, sondern auch sogenannte „Trainees" an. Menschen, die ausprobieren wollen, wie es ist, mit so einem traditionsreichen Segelschiff in See zu stechen. Die meisten kommen aus Deutschland. „Einige haben daraus eine Tradition gemacht und fahren bei uns seit 20 Jahren mit", erklärt der Kapitän. Sie genießen wohl vor allem die Gemeinschaft und nicht selten auch die Disziplin.

„Es muss an Bord diszipliniert zugehen, ansonsten würde das totale Chaos ausbrechen", meint der Student Stepan Grekow. Aber hart sei es auch. Vor allem, wenn er morgens um sechs Uhr aufstehen und die Wache am Steuerruder übernehmen soll. Sein Vater war Steuermann und hat ihn schon früh für das Meer begeistern können. Heute sagt Stepan: „Wasser ist mein Element. Im und auf dem Wasser fühle ich mich wohler als an Land."

Nach drei intensiven Monaten auf der „Sedow" geht es für ihn mit dem Flugzeug von Casablanca nach Moskau und dann weiter mit dem Zug Richtung Murmansk, zurück zur Familie.

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