Neue Rohstoffe aus dem Permafrostboden

Ökologen aus dem Kreis der Jamal-Nenzen auf der Weißen Insel. Foto: Pressebild.

Ökologen aus dem Kreis der Jamal-Nenzen auf der Weißen Insel. Foto: Pressebild.

Die Förderung von Rohstoffen in ökologisch verträglichem Maß? Ein Forschungszentrum auf der Jamal-Halbinsel soll die Erschließung von Erdöl und -gas wissenschaftlich begleiten.

Bis Jahresende wird in Salechard, der Hauptstadt der Jamal-Halbinsel, ein internationales Zentrum zur Erforschung der Arktis entstehen. Das gab Dmitri Kobylkin, Gouverneur des Autonomen Kreises der Jamal-Nenzen, auf der 10. Internationalen Permafrostkonferenz Ende Juni in Salechard bekannt.

Das weltweit größte Forum der Permafrostforschung, an dem über 600 Wissenschaftler aus 35 Ländern beteiligt waren, fand erstmals in Russland statt. Der Standort des neuen Forschungszentrums wurde nicht zufällig gewählt: „Nebst Permafrost bietet das Gebiet fast schon Laborbedingungen zur Beobachtung und Erforschung aller arktischen Prozesse", sagt Wladimir Melnikow, Direktor des Instituts für Kryosphärenforschung an der russischen Akademie der Wissenschaften in Tjumen.

Ferner liege hier der Löwenanteil der russischen Erdöl- und Erdgasvorkommen. Das Investitionspotenzial liegt bei 1,5 Billionen

Euro. Um diese Ressourcen in naher Zukunft ausschöpfen zu können, wird die Infrastruktur der Region zum Teil saniert und ausgebaut: In den kommenden zehn Jahren, so der Plan, sollen zwischen Salechard und Nadym eine Eisenbahnstrecke und eine Landstraße entstehen. In Salechard, das an der Karasee liegt, sind ein neuer Hafen, eine Raffinerie und ein Werk zur Aufbereitung von Flüssigerdgas (LNG) geplant. Künftig soll das LNG über den Seeweg von der Karasee über das Nordpolarmeer an Abnehmerländer in Europa geliefert werden.

Wissenschaftlicher Rat

Das Forschungszentrum ist der erste Schritt auf der neuen Erschließungsagenda. Zuvor wurde die Arktis ohne den Rat von Fachleuten in einer Art wilden Pioniergeists in Besitz genommen, was zu Pannen und Unfällen geführt hat: In Norilsk, 1000 Kilometer östlicher, wären um ein Haar 300 Häuser eingestürzt, weil sich der Permafrostboden in 20 Meter Tiefe erwärmt hatte und die Stahlträger der Bauten eingesunken waren. „Es wäre töricht, auf diese Art weiterzumachen und nicht auf die Ratschläge der Experten zu hören", ist Melnikow überzeugt.

Die Einbindung der Wissenschaft hat bereits begonnen: Im August fand eine ökologische Expedition zur Weißen Insel in der Karasee statt, auf

der eine 60 Jahre alte Wetterstation und eine Militärbasis stehen. Junge Studenten klaubten alte Ölfässer und anderen Schrott zusammen – zum ersten Mal seit 40 Jahren. Insgesamt sammelten sie rund 75 Tonnen Altmetall, das im kommenden Frühjahr abgeholt und verwertet wird. Auf der Weißen Insel, so die Regionalregierung, sei eine internationale Ökologiestation geplant, deren vornehmliche Aufgabe es sei, Eingriffe in die Umwelt zu überwachen – und zukünftig Schädigungen zu verhindern.Ökologen aus dem Kreis der Jamal-Nenzen auf der Weißen Insel.

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