In Rollstühlen durch die Hauptstadt

In Rollstühlen stellten Freiwillige und Behinderte die Hauptstadt Russlands auf die Probe und überprüften das Moskauer Stadtzentrum auf seine Barrierefreiheit. Dabei wurde deutlich, wie schwer es Menschen mit Behinderungen noch immer haben.

In Rollstühlen durch Moskau

 Am Sonntag, dem 16. September rief die Zeitschrift Bolschoj Gorod (Großstadt) zum nunmehr dritten Mal zu der Aktion „Freier Zugang" auf. Körperlich Behinderte, bekannte Persönlichkeiten und Journalisten fuhren dazu in Rollstühlen die Twerskaja-Straße entlang und überprüften, ob die Straßen Moskaus für Menschen mit einer Behinderung geeignet sind. Schwierig gestaltet sich für diese oftmals der Zugang zu Ladengeschäften und Cafés, und auch das Wechseln der Straßenseite mittels einer Fußgängerunterführung wird zu einer echten Herausforderung.

Die Aktion startete am Mittag in einem der Parks im Herzen der Stadt. Zahlreiche engagierte Freiwillige, egal ob mit oder ohne Handicap, versammelten sich vor dem Park, der schon bald der Metro zur Rush Hour glich. Es war eine ungewöhnliche Prozession, die sich da Richtung Stadtzentrum in Bewegung setzte.

Und schon bald begannen die ersten Probleme. Ein Teil der Gruppe versuchte die Twerskaja-Straße, die wohl bedeutendste Straße Moskaus, durch eine Fußgängerunterführung zu überqueren. Der erst jüngst eingebaute Behindertenfahrstuhl funktionierte – zweimal. Beim dritten Mal blieb der Fahrstuhl stecken und die Insassen mussten mehrere Stunden darin ausharren, bis ein Servicemitarbeiter erschien. Der konnte den Aufzugsmechanismus allerdings auch nicht wieder in Gang setzen, so dass die Türen mit Gewalt geöffnet werden mussten.

Video: Ricardo Marquina, RBTH


Weiter ging es auf der Twerskaja-Straße in Richtung Kreml. Ein Lebensmittelladen in der Nähe der U-Bahn-Station wurde das erste Opfer der Aktivisten. Demonstrativ fuhr der Journalist Sergej Parchomenko mit seinem Rollstuhl gegen die Stufen vor dem Ladeneingang und machte deutlich: Hier kommt nur herein, wer über zwei gesunde Beine verfügt. Der Laden fiel somit im Praxistest gnadenlos durch und wurde mit einem entsprechenden Aufkleber versehen. Dieser zeigt einen traurigen Menschen im Rollstuhl, der mit einem roten Balken durchgestrichenen ist, sowie die Warnung „Kein Zugang". Schon auf halber Strecke zum Rathaus wurde die traurige Zwischenbilanz der Aktion deutlich: Sämtliche Aufkleber waren aufgebraucht.

Solidarität gegenüber Behinderten: ein gesellschaftliches Problem


Auf den Gesichtern der Passanten, die die seltsame Prozession beobachteten, mischte sich Unverständnis mit Schockierung. Eine solche Ansammlung von Menschen im Rollstuhl, zumal in Begleitung von Journalisten, hatten sie vorher wohl noch nie zu Gesicht bekommen. Einige blieben neugierig stehen, andere liefen dagegen eiligst weiter und nur die Mutigsten ließen sich zusammen mit den prominenteren Aktivisten fotografieren.

Über mehrere hundert Meter erstreckte sich die Prozession und unterzog die Geschäfte entlang der Twerskaja-Straße ihrer strengen Prüfung. Der

Wachmann eines Juweliergeschäftes versuchte den gerade erst angebrachten Aufkleber zu entfernen, hielt aber unter dem Protestgeschrei der Anwesenden inne. Im Weggehen kommentierte er den Vorgang mit einem ausgestreckten Mittelfinger. Übrigens gab es durchaus auch grüne Aufkleber mit der Aufschrift „Zugang frei" – doch die wurden eher als Ausnahme von der Regel angebracht. Als unzugänglich erwies sich auch das Staatliche Museum für zeitgenössische Geschichte Russlands. Der rote Aufkleber ziert nun die große Granitplatte an der Vorderseite des Museums.

Diverse Versuche, die andere Straßenseite mittels einer Fußgängerunterführung zu erreichen, scheiterten kläglich und so wurde beschlossen, die Fahrbahn ebenerdig zu überqueren. Gesichert wurde dieses zugegebenermaßen recht waghalsige Unterfangen von der Polizei, welche die Prozession begleitete. Wer jedoch alleine und ohne Fernsehkameras unterwegs ist, kann mit einer solch privilegierten Behandlung wohl kaum rechnen. So ist der Bücherladen Moskwa mit seinem zuvorkommenden Verkaufspersonal und den entsprechenden Rollstuhlrampen zwar ein Musterbeispiel für barrierefreien Zugang, aber auch nur, wenn der Besucher auch just auf der gleichen Straßenseite wohnt. Eine Person im Rollstuhl überquert wohl eher den Unterweltfluss Styx, als die Twerskaja-Straße.

Es stimmt schon: Im Prinzip sind die Straßen Moskaus behindertengerecht. Im Prinzip sind die Bordsteine an den Fußgängerübergängen abgesenkt und im Prinzip gibt es in den Unterführungen Rampenauffahrten. Ohne fremde Hilfe können diese von den Rollstuhlfahrern jedoch nicht genutzt werden. Im Prinzip gibt es an der Tür des Mobilfunkgeschäfts Megafon auch einen Knopf für Behinderte, auf dessen Betätigung hin ein Ladenangestellter eine Rampe ausfährt. Doch der Praxistest zeigt: Auf das Signal reagiert niemand und in den Geschäftsräumen fehlt von der Rollstuhlfahrer-Rampe jede Spur.

Alexej sitzt seit seinem siebzehnten Lebensjahr im Rollstuhl. Er lebt ein erfülltes und aktives Leben, vor kurzem erst nahm er an einem Marathon

teil und im letzten Sommer besuchte er die Fußball-Europameisterschaft. Im Gegensatz zu den Celebritys muss er die Zugangsmöglichkeit der entsprechenden Einrichtungen nicht überprüfen. „Ich muss mit den Rädern meines Rollstuhls nicht extra gegen die Stufen fahren, um herauszufinden, ob ich dort hinein kommen kann. Dafür habe ich inzwischen einen Blick", meint Alexej. „Es gibt natürlich überall Probleme, aber ich muss sagen, dass es in Moskau spürbar besser geworden ist. Es gibt immer mehr Rampen, Auffahrten, Niederflurbusse – auch wenn man auf diese Busse oft ziemlich lange warten muss."

Wladimir Achapkin ist ein junger Mann, der gleichzeitig an Anthony Kiedis von den Red Hot Chili Peppers und an Andy Warhol erinnert. Seit seiner Geburt ist er an den Rollstuhl gefesselt und wurde zum ersten Model Russlands mit einer Behinderung. „Ich habe den Eindruck, dass die städtische Infrastruktur für Menschen mit einer Behinderung von Leuten entwickelt wird, die nicht die geringste Vorstellung von der praktischen Umsetzung haben. Aufzüge und Rampen werden nur der Statistik halber gebaut. In einigen U-Bahn-Stationen gibt es zwar Fahrstühle für Behinderte, aber das Metro-Personal kann die in der Regel nicht bedienen", bemängelt Wladimir.

Doch die Probleme der Behinderten beschränken sich nicht nur auf die Moskauer Barrieren. Die Mehrheit der Gesellschaft ist noch nicht bereit, mit ihnen zu leben. „Einmal wollte ich ein Kosmetikgeschäft besuchen, das auch einen ausreichend breiten Zugang und eine bequeme Auffahrt hatte. Aber der Wachmann ließ mich einfach nicht rein", erinnert sich Wladimir mit Bedauern.

„Die Leute können sich kaum vorstellen, dass auch ein Mensch mit Behinderung gut gekleidet und gepflegt sein möchte. Aber auch wir wollen ein normales Leben führen und Geschäfte, Cafés und Clubs besuchen. Solange die Gesellschaft nicht begreift, dass sie ohne gegenseitige Solidarität nicht existieren kann, wird die Situation sich nicht verbessern."

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