Industrie-Biennale in Jekaterinburg eröffnet

Mit Fokus auf ein breites Spektrum von Themen, von Ökologie bis Politik, versuchten die Künstler den alten Industriestandort in einen Raum für Kunst zu verwandeln. Foto: Tatjana Andreewa.

Mit Fokus auf ein breites Spektrum von Themen, von Ökologie bis Politik, versuchten die Künstler den alten Industriestandort in einen Raum für Kunst zu verwandeln. Foto: Tatjana Andreewa.

Künstler aus 30 Ländern verwandeln auf der 2. Industrie-Biennale für zeitgenössische Kunst in Jekaterinburg Industrieanlagen in Installationsräume. Die Ausstellung beschäftigt sich mit dem Thema „Industrialisierung der Region und die Kultur der Gegenwart“.

Verschiedene Industrieanlagen hielten als Kulisse für die Ideen der Künstler her - darunter eine Fabrik für Bergwerkausrüstung, der Nationalpark der nahegelegenen Stadt Nischni Tagil, das Newjanski-Museum für Architektur und Geschichte sowie das Zentralstadion von Jekaterinburg. Reichlich Raum für die Ausstellungsobjekte fand sich auch auf dem zur Hälfte brachliegenden Gelände der Druckerei Ural-Arbeiter.


Insgesamt werden für die Biennale zehn Industrieanlagen im Gebiet Swerdlowsk genutzt. Natürlich kamen nur solche Gelände in Frage, deren Eigentümer sich mit der vorübergehenden Umnutzung einverstanden erklärten. Das ist keine Selbstverständlichkeit, denn im Mittleren Ural gibt es auch heute noch viele geschlossene und geheime Betriebe.

Eine Woche vor der Ausstellungseröffnung tauchten die Künstler vollkommen in das Leben der industriellen Produktion ein. In den Fabriken machten sie sich selbst ein Bild von den dortigen Arbeitsbedingungen. Der Amerikaner James Morgan schlug mit seinen Leuten sein Lager quasi auf freiem Feld auf: auf dem Gelände der zukünftigen Sonderwirtschaftszone Titanowaja Dolina.

Im Rahmen der Biennale wird das Werk Uralmasch zum Schauplatz für eine Ballettaufführung umfunktioniert, bei der das Theater für Oper und Ballett in Jekaterinburg federführend war. Das Stück stellt eine Synthese aus moderner Choreographie, elektronischer und klassischer Musik dar und bringt Gegenwartskunst mit Industriearchitektur in Einklang. Auch Arbeiter von Uralmasch werden an der Aufführung mitwirken.

Raum für Verwunderung


Noch bis zum 22. Oktober ist die avantgardistische Ausstellung in und

um Jekaterinburg zu sehen, bis dahin wird mit bis zu 100 000 Besuchern gerechnet. Tatsächlich versetzt die Biennale viele Kunstliebhaber ins Staunen. Ein Berg leerer Kartons wird als eines der Exponate ausgeschrieben – handelt es sich dabei schlichtweg um Müll oder um eine noch nicht fertige Installation? Wie sich herausstellt, wurde das Kunstwerk von dem Bulgaren Nedko Salakov erschaffen und trägt den rätselhaften Titel: „Was auch immer ihr einmal mit gewissen Leuten, vor allem mit den Politbonzen, machen wollt – macht es mit diesen Kartons!“

Nicht weniger Verwunderung stiftet ein großer gelber Farbklecks an einer Wand, der mit dem Kommentar Salakovs versehen wurde: „Ich habe meinen Mitarbeiter gebeten, diesen Fleck auf die Wand zu bringen und dann ganz vergessen, wozu.“

Der türkische Künstler Kutlug Ataman präsentiert eine Installation aus 40 Fernsehern, von denen jeder ein Interview mit Bewohnern des türkischen Ghettos zeigt. Die Wände eines anderen Raumes sind volltapeziert mit Wahlkampfslogans der vergangenen Jahre, die ein Jekaterinburger gesammelt hat. Doch die Schriftzüge umgeben den Betrachter nur im Licht bestimmter Lampen. Wahlversprechen, so die Botschaft, sind nur vor den Wahlen von Bedeutung, danach geraten sie in Vergessenheit. Die Slogans verschwinden, sobald die Lampen ausgeschaltet werden – vorbei der schöne Zauber. An den Wänden beginnen die mit Spezialfarbe aufgebrachten Worte zu flimmern: „Alles vergebens. Alles vergebens …“

Nicholas Fraser aus den USA möchte zeigen, dass die Regeln des freien Marktes vieles mit Baseball gemeinsam haben. Er lädt die Arbeiter des Metallurgie-Kombinats aus Nischni Tagil daher ein, mit ihm eine Partie Baseball zu spielen.

Die Devise der Biennale lautet: „Für jeden Künstler eine Werkhalle“. Häufig sieht man heruntergekommene Hallen, schäbige Wände, alte Maschinen. Es erfordert ein ganz besonderes Können, Kunstobjekte in diesem Milieu zu platzieren, erklärt der Kunsthistoriker Alexander Stepanow vom Verband der russischen Künstler. Alles muss subtil und präzise arrangiert werden. 

Stimmen der Künstler


Mathieu Martin (Frankreich):

Die Biennale hat mir mein erstes wirklich großes Projekt ermöglicht: dem revolutionären Symbol der Stadt Jekaterinburg, dem Weißen Wasserturm, eine neue Farbe zu geben. So konnte ich ihn quasi in Flammen tauchen. Mir wird immer mehr bewusst, dass ich in Frankreich ein solches Vorhaben nicht hätte realisieren können. Hier in Russland war das überraschend einfach! Und ich wollte unbedingt mal mit den Elementen einer städtischen Landschaft arbeiten, die es in der Art in Frankreich nicht gibt.

James Morgan (USA):

Ich habe eine Installation zum Thema Titanowaja Dolina im Ural vorbereitet. Wir sind an dem Ort gewesen, an dem die erste Fabrik gebaut wurde. Ich habe eine eigene Beziehung zu diesem Ort, denn ich selbst komme aus dem amerikanischen Silicon Valley. Dieses Projekt führt ein großes Team aus 13 Zeitzonen und der ganzen Welt zusammen. Natürlich gibt es auch Sprachbarrieren, aber ich habe echt Glück mit diesen Leuten.

Leonid Tischkow (Russland):

Ich habe die Hoffnung, dass die Leute nicht nur zur Biennale kommen, um sich die Bilder und Installationen anzusehen. Ich hoffe, sie sind bereit, gemeinsam mit den Künstlern den Weg von der Idee bis zum Kunstwerk zu gehen und nicht unbeteiligt zu bleiben! Der Künstler schafft etwas Neues, er eröffnet eine neue Sichtweise und wünscht sich, dass die Betrachter sich mitnehmen lassen und zu Mitschaffenden werden.

Nicholas Fraser (USA):

Ich bin das erste Mal in Russland und begeistert von der Großzügigkeit der Menschen um mich herum. Alle begegnen meinem Projekt mit Enthusiasmus und versuchen, mich mit allen Mitteln zu unterstützen. Die Stadt Nischni Tagil macht auf mich den Eindruck einer geschlossenen Gemeinschaft, die ihre Geschichte wertschätzt.

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