Leicht und freischwebend: die Moskauer Kathedrale der Unbefleckten Empfängnis

Die Kathedrale der unbefleckten Empfängnis bei Nacht. Foto: PhotoXPress.

Die Kathedrale der unbefleckten Empfängnis bei Nacht. Foto: PhotoXPress.

Unweit des Belorussischen Bahnhofs in Moskau gibt es einen wunderbaren Ort, und zwar die feuerrote Kathedrale der Unbefleckten Empfängnis. Das ist die größte katholische Kathedrale Russlands und zugleich eine der zwei tätigen Kathedralen Moskaus neben der Kirche des Heiligen Ludwig von Frankreich.

Die Geschichte dieses Religions- und Kulturzentrums begann vor knapp hundert Jahren. Unter Alexander III. wandte sich der Römisch-Katholische Kirchenrat an den damaligen Moskauer Generalgouverneur mit der Bitte, in Moskau eine katholische Kathedrale bauen zu dürfen. Die Bitte wurde aber abgelehnt. Aber 1894 starb Alexander III, und Nikolaus II. kam an den Thron. Zufällig bekam er das Dokument über den Kirchenbau zu Augen – und bewilligte das Projekt. Den Auftrag bekam der Architekt Tomasz Bohdanowicz-Dworzecki.

Architekturhistoriker Ilja Wernin: "Tomasz Bohdanowicz beschloss, dass die neue Kathedrale möglichst groß und im neugotischen Stil sein soll. Die russische Pseudogotik des 18. bis 19. Jahrhunderts wurde

größtenteils durch romantische Fantasien geprägt, denn in Russland hatte man idealisierte Vorstellungen vom mittelalterlichen Westen. Man dachte gleich an Ritterturniere und an den Triumph des Christentums." Nach Plan sollte die Kathedrale etwa fünftausend Menschen aufnehmen können. Ihr Aussehen brachte auf Gedanken über das Übernatürliche, das im Menschen wirkt und seine Existenz nach seinem Tod fortsetzt. Das Gebäude sollte drei Türme haben, die den Gottesvater, den Gottessohn und den Heiligen Geist symbolisierten. Im Ort für die Geistlichen standen Palmen, als Erinnerung an Palästina, den Empfängnisort Jesu.

Der Bau der Kirche wurde innerhalb von zehn Jahren, also 1911, abgeschlossen, die Verzierung dauerte bis 1917. Übrigens sammelten Katholiken aus der ganzen Welt das Geld für den Bau, darunter auch die polnische Gemeinschaft, die Ende des 19. Jahrhunderts dreißigtausend Menschen zählte. Insgesamt kostete das Projekt dreihunderttausend Rubel.

1938 wurde die Kathedrale geschlossen, das Kircheneigentum ausgeraubt und innen ein Wohnheim organisiert. Während des Krieges wurden einige Türme durch Bombardierungen zerstört.

1989 beschloss der Kulturverband „Dom Polskij", der Moskauer Polen vereinte, die Kirche ihrem eigentlichen Besitzer – nämlich der Katholischen Kirche – zurückzugeben. Im Januar 1990 entstand die Polnische Katholische Gemeinde der Unbefleckten Empfängnis. Die regelmäßigen Gottesdienste wurden seit dem 7. Juni 1991 gehalten.

1996 verwies man die Kathedrale an die Katholische Kirche. Innerhalb von ein paar Jahren verliefen dort weitreichende Restaurierungsarbeiten, und am 12. Dezember 1999 weihte der damalige Kardinalstaatssekretär Angelo Sudano die neu errichtete Kathedrale feierlich ein. In der Kathedrale werden Messen in zwölf Sprachen durchgehalten. Seit 2009 ist dort die Schule westeuropäischer Blasmusik tätig, die regelmäßig Konzerte gibt.

Dank der Vielfalt von Bögen und Gewölben wirkt die Kathedrale besonders leicht und freischwebend. Die drei großen Türme, vereint durch vier kleinere, bilden eine Art Netz wie aus Spinnwebe. Die Turmspitzen fordern den Kirchgänger auf, nach oben zu schauen, da die Wahrheit im Himmel verborgen ist. Außerdem beginnen die in Wirklichkeit parallelen Linien der Fassade, sich nach den optischen Gesetzen oben zu verengen; dadurch wandelt sich visuell der Raum. Darin besteht die fantastische Erfindung des Architekten.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Stimme Russlands. 

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