Tücher und ihre Geschichten

Foto: Kirill Lagutko

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Vor über zweihundert Jahren gründete der Bauer Iwan Labsin seine Seidentuchfabrik in Pawlowski Possad in der Nähe von Moskau. Die Manufaktur überlebte die Revolution, zwei Weltkriege und die Perestroika. Noch heute fertigt man dort hochwertige Tücher.

Russland-Touristen lassen sich gern von den vielen farbenfrohen Verkaufsständen und Souvenirläden in den Bann ziehen. Besonders beliebt sind dabei die typischen russischen Tücher – an jedem Teil scheinen die Hände eines ortsansässigen Handwerksmeisters erkennbar zu sein. Und tatsächlich haben die russischen Tücher eine lange Geschichte.

Die Seidentuchfabrik in Pawlowski Possad steht wie keine andere für diese Tradition. Sie wurde 1795 von dem Bauern Iwan Labsin als eine von über 70 kleinen Textilmanufakturen des damaligen Gouvernements Moskau gegründet. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts jedoch prägte die Fabrik ihr bis heute bekanntes Profil aus. Damals begann ein Nachfahre Labsins gemeinsam mit seinem Kollegen Wassilij Grjasnow, mit Mustern bedruckte Tücher herzustellen. Im Jahr 1869 stirbt Wassilij Grjasnow, die Fabrik aber bleibt in den Händen der Nachfahren Labsins und Grjasnows, die sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts zur größten Produktionsstätte von Woll- und Seidentüchern in ganz Russland entwickeln.

200 Jahre Tuch-Tradition


Seit dieser Zeit zählen die Wolltücher und Seidenschals zu den Wahrzeichen der russischen Kultur. Der Tuchmanufaktur gelang es im Unterschied zu den meisten anderen russischen Betrieben, die Revolution, zwei Weltkriege und die Perestroika zu überleben. Die unterschiedlichen historischen Perioden hinterließen dabei jeweils unverkennbare Spuren in der Architektur der Fabrikanlage: die teilweise erhaltenen ursprünglichen Gebäude aus rotem Backstein, das imposante Leninporträt der sowjetischen Epoche, die schon vor langem stehen gebliebene Wanduhr sowie Drehkreuze, die bis heute von den Arbeitern beim Betreten und Verlassen des Geländes passiert werden.

„Zu sowjetischen Zeiten gab es überhaupt keine Konkurrenz“, erzählt Generaldirektor Wjatscheslaw Dolgow, „heute, unter marktwirtschaftlichen Bedingungen und angesichts billiger Ware aus dem Osten ist die Situation eine andere. Wir mussten uns an die neuen Verhältnisse anpassen. Mit Unterstützung durch staatliche Programme, die das Handwerk fördern sollen, konnten wir unsere Produktion schrittweise modernisieren. Heute arbeiten wir mit italienischen Maschinen zum Bedrucken der Tücher.“

Gänzlich in der Gegenwart angekommen ist man auch beim Thema Internet. „Über 200.000 Kunden haben unsere Tücher mindestens einmal online bestellt. Auf unserer Internetpräsenz gibt es auch ein Forum. Das ist eine virtuelle Gemeinschaft von Tuchfans: Liebhaber unserer Produkte vollkommen unterschiedlichen Alters“, so der Generaldirektor.

Heilige Stoffe


Besonders beliebt sind die Tücher aus Pawlowski Possad bei den Gläubigen – vor allem bei Kopftuch tragenden Frauen. „Firmenmitgründer Wassilij Grjasnow war ein sehr frommer Mensch“, erklärt Generaldirektor Dolgow, „er kümmerte sich um die Armen. Bereits vor der Revolution wollte man ihn heilig sprechen, aber erst 1999 wurde tatsächlich die Kanonisierung ausgesprochen – 130 Jahre nach seinem Tod.“

Dies sei auch der Grund für den Erfolg des Unternehmens in christlich-orthodoxen Kreisen. „Nach Auffassung orthodoxer Frauen sind unsere Tücher von einem mystischen Strahlenkranz umgeben, der mit unserer Fabrik zusammenhängt“, so Dolgow.

Zahlen

Die Pawlow-Possader Tuchmanufaktur in Zahlen heute:

- 90 km — Entfernung zwischen Pawlowski Possad und Moskau

- 60.000 – Einwohnerzahl von Pawlowski Possad

- 10 Hektar – Fläche des Fabrikgeländes

- 100 % des Unternehmens liegt in privaten Händen

- 600 Beschäftigte arbeiten in der Pawlow-Possader Tuchmanufaktur (4.500 vor der Revolution, 2.500 zu Sowjetzeiten)

- 15.000-25.000 Rubel – monatliches Gehalt der Mitarbeiter

- 1.000.000 Tücher und Schals werden jährlich hergestellt (20.000.000 zu Sowjetzeiten);

- 600 Arten von Tüchern, Schals und Halstüchern (für Männer und Frauen)

- 72x72 cm — kleinstes Wolltuch

- 52x52 cm – kleinstes Seidentuch

- 148x148 cm — größtes Wolltuch

- 130x130 cm — größtes Seidentuch

- 2.000 Muster im Archiv

- 9 Textil-Designer arbeiten im Betrieb

- alle zwei Monate entwickeln die Designer neue Muster;

- 90 Verkaufsstellen für Produkte der Manufaktur in ganz Russland (11 allein in Moskau);

- 80% der Ware wird in Russland vertrieben; 10% in Turkmenistan, die übrigen 10% in anderen Ländern, unter anderem in Europa.

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