Frauen im All

Das russisch-französische Space-Team vor dem Flug nach ISS in 2001. Von links nach rechts: Konstantin Koseew, Viktor Afanasjew, Cluadie Eniere, Sergej Saletin, Nadeschda Kuschelnaja. Foto: ITAR-TASS.

Das russisch-französische Space-Team vor dem Flug nach ISS in 2001. Von links nach rechts: Konstantin Koseew, Viktor Afanasjew, Cluadie Eniere, Sergej Saletin, Nadeschda Kuschelnaja. Foto: ITAR-TASS.

Der Beruf des Astronauten ist in erster Linie Männersache. Und während diese Tendenz in Russland, dem Geburtsland der bemannten Raumfahrt, nach wie vor anhält, schwingen sich in anderen Weltraumflugnationen immer häufiger auch Frauen in kosmische Höhen. Dabei birgt ein Ausflug ins All besonders für sie zahlreiche Risiken.

Seit einem halben Jahrhundert steht der Weg in die unendlichen Weiten auch Russinnen offen. Im Jahr 1962 wurden aus Tausenden Bewerberinnen fünf Kandidatinnen ausgewählt: die Ingenieurin Irina Solowjowa, die Mathematikerin und Programmiererin Walentina Ponomarjowa, die Weberin Walentina Tereschkowa, die Lehrerin Schanna Jerkina und die Stenografin Tatjana Kusnezowa.

Die fünf Frauen durchliefen das volle Trainingsprogramm. In einer Thermokammer wurde die Resistenz gegenüber hohen Temperaturen überprüft – bei einer Temperatur von 70°C und einer Luftfeuchtigkeit von 30 % mussten die Kandidatinnen solange ausharren, bis ihre Körpertemperatur um zweieinhalb Grad und der Puls bis auf 130 Herzschläge pro Minute angestiegen waren.

Zur Simulation der Schwerelosigkeit flogen die weiblichen Teammitglieder mit der Trainingsversion eines MiG-15-Jagdflugzeuges. Drei- bis viermal pro Einsatz preschte das Flugzeug im Sturzfluggen Boden, wobei eine ungefähr vierzig Sekunden lange Phase der Schwerlosigkeit erzeugt wurde. Während des ersten Sturzfluges mussten die Frauen ihren Namen und Vornamen sowie das Datum aufschreiben und unterzeichnen; während des zweiten aus einer Tube Nahrung zu sich nehmen und während des dritten einen vorgegebenen Satz in das Funkgerät sprechen.

Obwohl alle fünf Frauen die staatliche Prüfung der allgemeinen Weltraum-Flugtauglichkeit bestanden, betraten am 16. Juni 1963 nur zwei Frauen die Startrampe: Walentina Tereschkowa und Irina Solowjowa.

Nach wie vor eine Männerdomäne


Drei Tage dauert die Reise Tereschkowas auf der Umlaufbahn um die Erde. Am 19. Juni kehrten die Raumkapsel Wostok und deren Pilotin an

Fallschirmen hängend wohlbehalten zur Erde zurück. Doch der erfolgreiche Flug Tereschkowas konnte den Chef-Konstrukteur Koroljow nicht von seiner Meiung abbringen, dass Frauen nicht für die Arbeit im Kosmos taugten. Im Herbst 1969, bald nach dem Ableben Koroljows, wurde das Frauenteam aufgrund seiner „unpraktikablen Einsatzmöglichkeit" aufgelöst. Nachdem es offiziell kein weibliches Kosmonautenteam mehr gab, blieb Tereschkowa als einzige Weltraumfahrerin im Vorbereitungszentrum. Noch bis 1997 gehörte sie inoffiziell zum Team.

Erst in den 80er Jahren wurden für Missionen auf der Raumstation Saljut 7 erneut Frauen in das Team der RKK Energija aufgenommen. Doch nur zwei von ursprünglich acht Auserwählten flogen tatsächlich ins Weltall: Swetlana Sawizkaja, die Tochter eines Marschals und Jelena Kondakowaja, die Frau des Kosmonauten und stellvertretenden Direktors von RKK Energja Waleri Rjumin.

Danach blieb Nadjeschda Kuschelnaja bis zum Jahr 2004 die einzige Frau im Team der russischen Kosmonauten. Hochrangige Verwandte hatte sie keine und obwohl sie als hochqualifizierte Spezialistin galt, war ihr während der zehn Jahre im Space-Team kein einziger Flug in den Weltraum vergönnt. Gegenwärtig gibt es mit Jelena Serowa ebenfalls nur eine einzige Frau im Team von Roskosmos, deren Schicksal jedoch in den Sternen steht. Serowa ist seit 2006 Mitglied des Teams, wurde bisher jedoch noch für keinen einzigen Flug nominiert.

Schwangerschaft unwarscheinlich


Leider bieten auch die Untersuchungsergebnisse zu Weltraumflügen von Frauen keinen Grund zum Optimismus. Ein vor kurzem veröffentlichter NASA-Bericht enthält teilweise ernüchternde Fakten. So sei eine Schwangerschaft nach einem Weltraumflug aufgrund des hohen radioaktiven Strahlungsniveaus sehr unwahrscheinlich. Unter normalen Schwangerschafts-Bedingungen sollte die Strahlenbelastung 500 Mikroröntgen nicht überschreiten, höchstens 50 Mikroröntgen sollten es pro Monat sein.

Auf der ISS variiert die Strahlenbelastung in Abhängigkeit von der Lage im All, würde aber über die Dauer einer Schwangerschaft etwa 35 000 Mikroröntgen betragen. Das Aussetzen des Eisprungs und die Senkung des Östrogenniveaus sind mögliche Folgen, ebenso wie Calciumabbau in den Knochen und damit Osteoporose. Dieses Risiko sei bei Frauen deutlich höher als bei Männern.

Darüber hinaus kann die Schwerelosigkeit zu einem Blutstau bei den im kleinen Becken gelegenen inneren Organen führen. Dadurch steigt das Risiko von Endometriose, einer hormonellen Erkrankung der weiblichen Geschlechtsorgane. Aufgrund all dieser Erkenntnisse wird den Astronauten empfohlen, vor dem Weltraumflug ihre Eizellen beziehungsweise ihr Sperma zur Lagerung abzugeben, sollten sie zu einem späteren Zeitpunkt eine Familie gründen wollen.

Der russische Experte für Weltraumfahrt Dr. med. Rostislaw Beleda war mehr als 14 Jahre als Chef der sexualmedizinischen Abteilung des

Zentralen Luftfahrt-Forschungsklinikums tätig. Er ist überzeugt davon, dass sich Weltraumflüge auf alle lebenswichtigen Bereiche des weiblichen Organismus, vor allem aber auf die Reproduktionsorgane, auswirken. Keine einzige der dreißig amerikanischen Astronautinnen wurde nach ihrem Einsatz im Weltraum schwanger. Zwar hatten die Männer nach mehreren Missionen häufig Potenzprobleme, sie waren jedoch noch zeugungsfähig. Insgesamt leiden 63 Prozent der männlichen und 80 Prozent der weiblichen Astronauten unter geschlechtlichen Fehlfunktionen.

Und eine weitere Erkenntnis hat die internationale Forschungsgemeinschaft nach jahrelangen Untersuchungen gewonnen: Eine Fortpflanzung im All ist – zumindest zum gegenwärtigen Entwicklungsstand – vollkommen ausgeschlossen. Bei Experimenten mit Japanwachtel-Küken, die an Bord der Raumstation ISS geschlüpft waren, blieb keines der Tiere am Leben. Ein Teil starb bereits auf der Umlaufbahn, die anderen hielten die hohe Belastung bei der Rückkehr zur Erde nicht aus. Sie waren an Bord der ISS weder in der Lage, sich normal zu ernähren, noch sich zu orientieren. Eine Lösung dieses Problems wurde bis heute noch nicht gefunden.

Die Zukunft des russischen Weltraumprogramms für bemannte Missionen ist ungewiss und die gesundheitlichen Risiken beträchtlich. Und so ist es nicht verwunderlich, dass der stellvertretenden Roskosmos-Chef Witali Dawydow Ende letzten Jahres eingestehen musste, dass beim Auswahlverfahren für die Weltraumbesatzungen „nicht genügend Bewerbungen von Frauen" eingereicht wurden.

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