Nach Moskau!

Moskau zieht Menschen aus der Provinz wie Magnet an. Aber das Leben dort ist nicht ist gar nicht so traumhaft. Foto: ITAR-TASS

Moskau zieht Menschen aus der Provinz wie Magnet an. Aber das Leben dort ist nicht ist gar nicht so traumhaft. Foto: ITAR-TASS

Die Hauptstadt bietet jede Menge Möglichkeiten - auch für die Frauen, die glücklich heiraten wollen. Doch die meisten Liebesgeschichten der Großstadt sind viel zu prosaisch.

Die Mädchen und Frauen im großen Lande träumen von der Hauptstadt, wollen dort leben. Das war zu Sowjetzeiten so, als alle anderen Städte eher eine Ansammlung von vielen Häusern als ein funktionierendes Gebilde mit Infrastruktur waren, und ist bis auf den heutigen Tag so geblieben. Selbst boomende Großstädte können den Drang ins Herz des Landes nicht aufhalten.

Dazu sind den Frauen und Mädchen alle Mittel recht. Viele bevorzugen den kurzen Weg, ohne harte und schlecht bezahlte Arbeit, sie gehen auf die Suche nach dem Prinzen mit dem weißen Pferd, landen aber sehr oft direkt auf dem Strich. Den unerfahrenen Provinzlerinnen etwas vorzugaukeln vom schönen und glitzernden Leben in Moskau, wenn sie nur einfach alles angeordnete brav auch tun, gehört zu den leichtesten Übungen der mit allen Wassern gewaschenen Zuhälter.

Rosa, eine blutjunge Frau aus dem Süden Russlands, von den Ufern des Don, hatte das große Glück, von einem Moskauer in ihrer Heimat

aufgespürt worden zu sein. Knapp 20 Jahre Altersunterschied schienen beiden unbedeutend zu sein. Der Moskauer Bräutigam, noch dazu ein echter Moskauer, wo Eltern und Großeltern aus der Hauptstadt stammen (so etwas findet man ja immer seltener) wirkte viel versprechend. Als sich die beiden kennen lernten, war er, nennen wir ihn Sascha, in einer viel versprechenden Anstellung, so schien es Rosa jedenfalls. Nach kurzer Zeit, er war des Hin- und Herreisens leid, holte er sie nach Moskau. Sie mieteten eine Wohnung. Das war schon der erste Wermutstropfen. Keine Eigentumswohnung, kein Luxus. Sascha hatte schon zwei Ehen hinter sich und demzufolge die Wohnungen jeweils den geschiedenen Ehefrauen überlassen, auch die Datscha. Was ihn ehrt.

Es gibt hier keine vernünftigen Gesetze zum Schutz der geschiedenen Ehefrauen, keine strikt befolgte Regelung der Alimentenfrage. Nicht zahlen gehört zum guten Ton bei den Herren der Schöpfung. Also ist der Moskauer Bräutigam zwar nicht begütert, aber eine ehrliche Haut. Er verschaffte Rosa einen Studienplatz im Abendstudium, trank mit dem Dekan regelmäßig Cognac, um alles am Laufen zu halten. Damit Rosa bei der Arbeitssuche nicht als Auswärtige ständig abgelehnt wird, ließen sie sich klammheimlich auf dem Standesamt zusammen schreiben, an einem Werktag, in der Mittagspause.

Prosaischer geht's nicht! Wieder ein Traum geplatzt. Keine Stretchlimousine, kein Defilee über den Roten Platz im weißen Kleide. Nicht mal eine Fete! Dazu entpuppte sich die Stellung des nunmehrigen Ehemannes als totaler Anschiss. Er war nahezu rund um die Uhr und auch an Sonn- und Feiertagen mit seinem Chef unterwegs und zugange. Der war das aus gemeinsamen Armeezeiten so gewöhnt und wollte von dieser für ihn bequemen Lebensweise nicht ablassen.

Rosa bekam eine Arbeitsstelle im Dunstkreis des Chefs ihres Mannes vermittelt. Sie lebten so vor sich hin. Rosa, knapp über 25, hatte sich ihre Jugend in der Hauptstadt ganz anders vorgestellt. Langsam bekam ihre Ehe Risse, erst feine, dann breitere. Da sie aber in Moskau kaum jemanden kannte, der ihr hätte helfen können, blieb sie da, wo sie war. Die beiden waren in zwischen zu Saschas Mutter gezogen, in eine geräumige Zweizimmerwohnung in einem Stalinbau mit hohen Decken und schönen dicken Mauern.

Da war Ärger vorprogrammiert, zumal die Schwiegermutter von der zänkischen Sorte war. Aber um das Geld für die Miete zu sparen, und

das ist in Moskau eine Menge, bissen die beiden in diesen sauren Apfel. An den Wochenenden, sofern der Chef Sascha nicht mit Beschlag belegte, flüchteten sie aus der Wohnung und aus der Stadt, um etwas Ruhe vor den dauernden Nörgeleien zu haben.  Um einer Trennung entgegen zu wirken oder weil Rosa glaubte, die biologische Uhr ticke schon hörbar, beschloss sie schwanger zu werden. Sascha war da anderer Meinung, denn er hatte erstens schon erwachsene Kinder und er wollte zweitens in dieser Wohnungssituation kein Kind. Das ging gründlich schief, sie erlitt zwei Fehlgeburten und die Ärzte diagnostizierten eine seltene Krankheit, die niemals ausgeheilt werden kann.

Unendlich lange und anstrengende Diskussionen, Tränen, Alkohol – am Ende sind sich beide so nahe gekommen, wie sie es nie vermutet hatten. Sie haben sich zusammen gerauft, aber richtig. Inzwischen umschiffen sie die Krawallstimmung der Mutter oder Schwiegermutter und leben gut zusammen. Eine echte moderne Lovestory, ohne Oligarch, Villa und Yacht.

Nur die Verwandten aus dem sonnigen Süden denken, so wie es auch Rosa am Anfang gedacht hatte, dass in Moskau gebratene Tauben und Dollarscheine durch die Luft fliegen. Sie erwarten teure Geschenke, Reisen und wollen die Verwandtschaft mit Hilfe der reichen Moskauer sanieren. Aber die sind ja zum Glück weit weg und die beiden haben gelernt, die ausufernden Wünsche diplomatisch zu ignorieren.

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland