Russische Kunst im deutschen Tunnel: „I am who I am“

 Russische Kunst in Düsseldorf: die Ausstellung "I am who I am" ist ein Querschnitt des  Schaffens junger russischer Künstlerinnen und Künstler. Foto: Elena Dozhina.

Russische Kunst in Düsseldorf: die Ausstellung "I am who I am" ist ein Querschnitt des Schaffens junger russischer Künstlerinnen und Künstler. Foto: Elena Dozhina.

Im Düsseldorfer Ausstellungshaus Kunst im Tunnel (KIT) präsentieren junge russische Künstler ihre Werke. Sie stehen exemplarisch für eine heranwachsende neue Künstlergeneration in Russland.

Die Ausstellung „I am who I am" ist noch bis zum 18. November 2012 in einem wahrlich ungewöhnlichen Ambiente zu bestaunen. Das Ausstellungshaus Kunst im Tunnel (KIT) befindet sich einige Meter unter der beliebten Rheinuferpromenade in Düsseldorf und zeigt in Zusammenarbeit mit dem Multimedia Art Museum Moskau Werke 26 junger russischer Künstler. Die meisten Werke sind ein Beleg für die Suche nach neuen Wegen einer Künstlergeneration, deren Geburtstunde auf den Zerfall der Sowjetunion fällt.

Deformierte Bücher als Spiegel Tschetscheniens

Dies trifft auch auf Aslan Gaysumow zu. Er ist 1991 in Grosny geboren, einige Monate vor dem Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums.

Seine Kindheit war von Kriegen geprägt und auch heute noch ist Tschetschenien keine sichere Region. Die Erinnerungen an das siebenjährige Leben im Zelt in einem Flüchtlingslager hat Aslan künstlerisch verarbeitet. „Namenlos (Krieg)" - so lautet der Name seines Kunstwerkes. Es sind Bücher - zerschnittene, auseinander gerissene, mit Erde gefüllte oder welche mit tickenden Mechanismen. Der 21-jährige will auf diese Art auf die Lage in Tschetschenien aufmerksam machen.

Er nimmt ein Kunststück – in seinem Falle ein Buch – und deformiert es. „So ähnlich ist es auch den Menschen in Tschetschenien ergangen", wie er sagt. „Die Prothesen" - so heißt eines seiner Objekte - ist aus mehreren Büchern in rot, schwarz und weiß grob zusammengenäht. Ein Teil stammt aus dem Jahre 1944, dem Jahr der stalinschen Vertreibung des tschetschenischen Volkes. Dieses Buch könne man nicht umblättern, es sei eigentlich unbrauchbar. „So ist heute der Zustand der tschetschenischen Gesellschaft: Man hat ihr provisorische Prothesen angefertigt", weiß Aslan.

Heute lebt er in Moskau. Damals bei seiner Ankunft in der russischen Hauptstadt musste er feststellen, dass die meisten Jugendlichen das Geschehen im Nordkaukasus kaum wahrgenommen haben. „Ich habe geweint", so der Künstler. Er kann sich vorstellen, dass seine Kunstwerke auch in Grosny gezeigt werden. „Doch so offen darüber reden, wie ich es in Deutschland tue, wird dort unmöglich sein. Ich könnte Probleme bekommen."

Lieber ins All als in Russland bleiben


Auch in Moskau wird Redefreiheit nicht immer respektiert. Das weiß Michail Kosolapow ganz genau. Der Mitbegründer der Art Business Consulting Group (ABC-Group) war früher als Radiomoderator tätig. Und verlor seinen Job, nachdem er sich über den Inlandsgeheimdienst FSB lustig gemacht hatte. Das Problem sei eine Selbstzensur der Medien, ist Kosolapow überzeugt.

Foto: Elena Dozhina


Er sieht die jüngsten Ereignisse in Russland kritisch. Kosolapow kennt die Musikerinnen der verurteilten Punkband Pussy Riot persönlich. „Das war eindeutig Kunst", bewertet der Moskauer die Aktion in der Christ-

Erlöser-Kathedrale. Und er gibt zu: Je länger er in Russland lebt, desto mehr möchte er ins All fliegen. Aber vielleicht ist das auch ein bisschen Werbung für sein Kunstwerk. Für die Düsseldorfer Ausstellung hat Kosolapow einen Riesensatelliten aus alten Computer-Tastaturen zusammengebastelt. Der Sputnik ist mit Angelschnüren und Pin-Buttons an der Decke befestigt. Die ABC-Group vergleicht das Leben im Büro mit dem Leben auf einer Raumstation – unter sich perfekt abgestimmt und von der Außenwelt abgeschirmt.

Die kleinen Erwachsenen der Elite


Die Fotografin Anna Skladmann wurde 1986 in Deutschland geboren, ist aber in einer russischsprachigen Familie aufgewachsen. Als Kind kannte sie Russland vor allem aus Omas Erzählungen, die im Bolschoi-Theater als Ärztin tätig war. Doch als Anna nach dem Studium in Paris und New York nach Moskau kam, musste sie feststellen, dass Russland doch nicht so ist, wie es in der klassischen Literatur beschrieben war.

Foto: Elena Dozhina


Die neue Wirklichkeit versuchte Anna über Kinderporträts widerzuspiegeln. In ihrer inzwischen berühmt gewordenen

Fotosammlung „Kleine Erwachsene" zeigt sie Sprösslinge der russischen Elite. Die Kinder von Oligarchen und „neuen Russen" durften selbst entscheiden, in welcher Rolle und an welchem Ort sie fotografiert werden. Der 10-jährige Jakow in Dandy-Schuhen ist auf dem Bild mit einer Maschinenpistole an der Brust zu sehen, hinter seinem Rücken läuft Ballett im Fernsehen. „Die Kinder, egal von wo, empfinden ihr eigenes Glück in allem, was sie haben. Sie sind sehr naiv", meint Skladmann über die „goldenen Kinder" - ohne Lächeln im Gesicht.

Licht am Ende des Tunnels

Am Ende des Tunnels - als Schlusspunkt der Ausstellung – befindet sich die interaktive Videoinstallation „Barrieren" von Michail Maximow. „Das ist kein Zufall, jeder kann und soll das so genannte Steuerrad drehen", betont Olga Swiblowa, die Leiterin des Multimedia Art Museum Moskau und Kuratorin des „I am who I am"- Projekts.

Foto: Elena Dozhina


Es reicht, sich ein wenig anzustrengen, um das Steuerrad zu drehen um die eisernen Barrieren wackeln und fallen zu lassen. Das hat selbst dem russischen Premierminister Dmitri Medwedjew gefallen, als er selbst bei der Ausstellung in Moskau dieses Steuerrad in Bewegung gebracht hat.

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland