Gazprom in Bedrängnis

Die Aktivisten von Greenpeace stürmen den Bohrinsel Priraslomnoje in Barentssee. Foto: Greenpeace.

Die Aktivisten von Greenpeace stürmen den Bohrinsel Priraslomnoje in Barentssee. Foto: Greenpeace.

Nach Greenpeace-Protesten und Untersuchungen des russischen Umweltministeriums verschiebt Gazprom den Förderbeginn der Schelflagerstätte im Polarmeer um ein Jahr. Es droht ein Verlust von 200 Mio. US-Dollar.

Die Erdöllagerstätte Priraslomnoje liegt im Schelf der Petschorasee, dem Südostteil der Barentssee, sechzig Kilometer von der Küste entfernt. Ihr Erdölvorrat wird auf 72 Millionen Tonnen geschätzt. Die hundertprozentige Gazprom-Tochter Gazprom Neft Schelf will dort jährlich 6,6 Mio. Tonnen Erdöl fördern. Noch dieses Jahr sollte der Betrieb auf der Bohrinsel aufgenommen werden. Nun jedoch wird der Förderbeginn für die Erdöllagerstätte auf Herbst nächsten Jahres verschoben, berichtet Reuters mit Verweis auf einen insider.

Der Betrieb der Bohrinsel werde nun im März losgehen, die Förderung im Oktober. Besondere Eile sei jedoch nicht geboten. Begründet werde die Terminverschiebung, so der Informant, mit „Fragen der Sicherheit". Worum es sich dabei im Einzelnen handle, wurde nicht ausgeführt. Bei Gazprom selbst wollte man den Aufschub des Förderbeginns in Priraslomnoje nicht kommentieren. Ein Vertreter von Gazprom Neft Schelf stand für eine Stellungnahme nicht zur Verfügung.

Greenpeace-Aktivisten stürmen die Bohrinsel

Gut möglich, dass die Verzögerung mit der kürzlichen Aktion von Umweltschützern gegen das Projekt Priraslomnoje zusammenhängt. Im

August hatte eine Gruppe von Greenpeace-Aktivisten die Bohrinsel im wahrsten Sinne des Wortes gestürmt. Sie hatten die 500-Meter-Sicherheitszone um die Bohrinsel übertreten und sich mithilfe von Bergsteigerausrüstung von der Plattform herabgleiten lassen. Gesprächsangebote durch die Projektverantwortlichen lehnten sie ab. Der Leiter des Arktisprojektes beim russischen Büro von Greenpeace, Wladimir Tschuprow, erklärte gegenüber Gazeta.ru, dass die Entscheidung über den Aufschub des Förderbeginns in Priraslomnoje zeitlich mit ähnlichen Entscheidungen von Shell und BP zusammenfalle. So hat Shell ein Projekt im Schelf von Alaska verschoben. ВР verzögert ein Projekt im kanadischen Schelf.

Russisches Umweltministerium deckt mehrere Verstöße auf


„Zu Priraslomnoje hat das russische Umweltministerium eine sehr entschiedene Haltung eingenommen", erklärte Tschuprov mit Verweis auf ein Treffen von Greenpeace-Vertretern mit Umweltminister Sergei Donskoj im August. Der Minister versprach, dem Projekt besonders hohe Aufmerksamkeit zu schenken.

Eine von Rostechnadsor, dem russischen TÜV, im Sommer in Priraslomnoje durchgeführte Untersuchung hatte acht Verstöße, die einer Aufnahme der Erdölförderung entgegenstehen", zutage gebracht. „Zum heutigen Zeitpunkt haben Schelfprojekte generell keinen wirtschaftlichen Sinn. Sie sind einfach zu teuer", erklärt Tschuprow.

In das Projekt Priraslomnoje wurden bereits über vier Milliarden US-Dollar investiert. „Dabei beträgt die maximale Förderleistung der

Lagerstätte 6,6 Millionen Tonnen. Würde man diese Summe in das bereits ausgearbeitete Energieeffizienz-Programm stecken, könnte man – nach offiziellen Angaben – etwa 60 Millionen Tonnen Erdöl einsparen. Aber dieses Programm werde, bedauert Tschuprow, leider nicht umgesetzt. Er hofft, dass die Terminverschiebung für Priraslomnoje nur ein erster Schritt ist. Im Idealfall müsse der Staat, wenn er die Projekte im arktischen Schelf schon nicht ganz und gar verbiete, ein Moratorium verhängen.

Der Analyst der Raiffeisenbank Andrej Polischtschuk ist davon überzeugt, dass Gazprom Priraslomnoje nicht aufgibt. Zu viel Geld und Anstrengungen seien bereits investiert worden. Der Aufschub um ein Jahr bedeutet für Gazprom nach Einschätzung von Experten einen Verlust von 200 Millionen US-Dollar.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Gazeta.ru

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