Ein Park zum Staunen

Der neue Gorki-Park ist für eine neue Generation von Hauptstädtern gemacht.

„Follow the Moskva, down to Gorky Park, listening to the wind of change" - So lauten die Anfangszeilen der Wende-Hymne „Wind of change" von den Scorpions. Nach Perestroika und Glasnost enthielten diese Liedzeilen wohl nie wieder so viel Wahrhaftigkeit wie in diesen Tagen. Wer heute in der russischen Hauptstadt am Ufer des Flusses Moskwa entlang spaziert und schließlich den Gorki-Park betritt, meint ihn tatsächlich zu spüren, den Wind des Wandels.

Vorbei die Zeiten, als Rummelplatz-Gedudel und Frittenfett die Besucher empfingen. Der neue Gorki-Park ist gemacht für eine neue Generation von Hauptstädtern. Die treffen sich nach Feierabend zum gemeinsamen Lauftraining, werfen anschließend die Frisbee-Scheiben über die Wiesen oder lungern auf großen Kissen und surfen im parkweiten Wlan-Netz. Mit Sonnenuntergang erklingen dann die ersten Tango-Töne – Tanzstunden auf der Uferpromenade. Der Gorki-Park ist binnen eines Jahres so lässig geworden, dass er mit Leichtigkeit jeder zur Galerie hochgehypten alten Fabrik den Rang abgelaufen hat. Moskaus Hippster treffen sich jetzt in einem Park, der über 80 Jahre auf dem Buckel hat.

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Der offizielle Name klingt alles andere als stilbildend: Zentraler Maxim-Gorki-Park für Kultur und Erholung. 1927 eröffnet, knapp über 100 Hektar groß, gelegen am Fuße der Sperlingsberge. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion war der Gorki-Park so etwas wie ein Abenteuerspielplatz für übereifrige Erneuerer. Was nach einem Besuch im Gedächtnis blieb: eine Achterbahn, die den Blick auf den Fluss versperrte, Schaschlikdampf, Autoscooter, viele blinkende Lichter, noch mehr Plastikmüll – und eine Buran-Raumfähre, die an die Errungenschaften der sowjetischen Raumfahrt erinnerte. Kurz: Ein zweifelhaftes Vergnügen im Vergnügungspark.

Der Wandel kam mit einem Mann, Sergej Kapkow, ein Vertrauter des Milliardärs Roman Abramowitsch. Kapkow kennt sich aus mit Grünflächen. Er war Chef der Nationalen Russischen Fußballakademie,

bevor er im März 2011 zum Direktor des Gorki-Parks ernannt wurde und alsbald mit finanzieller Hilfe von Abramowitsch begann, den Park umzukrempeln. Welche Vorstellungen Kapkow von einem Park hat, konnten die Besucher erahnen, die im Winter darauf in den Park kamen. Dort waren wie eh und je die Wege mit Wasser geflutet, vereist und damit eine große Eislauffläche geschaffen worden. Doch zum ersten Mal gab es sanftes Licht aus Lampions in den Baumkronen, Bänke zum Ausruhen und Glühwein zum Aufwärmen. Gemütlichkeit hielt Einzug. Kurz danach wurde ein Schild in den noch gefrorenen Boden vor den Gorki-Rummel gerammt: „Demnächst werden die meisten Attraktionen nur noch eingeschränkt oder gar nicht mehr betrieben."

Was folgte, war der große Frühjahrsputz. Die Buran-Raumfähre steht noch, alle übrigen Fahrgeschäfte wurden abgerissen. Stattdessen gibt es jetzt Beach-Volleyball-Plätze, Yoga unter freiem Himmel, ein Ausstellungszentrum, Tischtennisplatten und ganz viel Platz zum Ausruhen. Die Eisverkäufer verkaufen wieder das alte Sowjet-Sahne-Eis mit einem historischen geschwungenen Gorki-Schriftzug auf der Verpackung. So viel Nostalgie muss sein. Die Moskauer – vor allem die jungen mit und ohne Kinder – stehen drauf. An Wochenendtagen im Sommer kommen schon mal 100.000 Besucher.


Die Moskauer Stadtregierung hat schnell erkannt, dass das Stück Grün im Stadtzentrum inzwischen Gold wert ist. Mit etwa 37 Millionen Euro unterstützt die Stadtkasse in diesem Jahr den Wandel im Gorki-Park. An zwei Orten in der Stadt, unter anderem im Gorki-Park, sollen so genannte Speakers' Corner, Orte der freien Meinungsäußerung, eingerichtet werden.

Der Parkdirektor Sergej Kapkow wurde nach dem ersten Erfolg schnell zu Höherem berufen. Er leitet jetzt das Moskauer Kulturamt und möbelt auch die anderen Moskauer Parks auf. Seine Gorki-Nachfolgerin Olga Sacharowa liegt ganz auf Kapkows Linie. „Wir wollen Stereotype zerschlagen", sagte sie in einem Interview mit der ZEIT.

Der neue Gorki-Park ist in der Tat ein geeigneter Ort für all diejenigen, die ihre Vorurteile über ein graues Russland und unfreundliche Moskauer über Bord werfen wollen. Aus dem Park für Kultur und Erholung ist ein Park der Lässigkeit geworden. Und wer dem Charme der Leichtigkeit erliegt, der tanzt am Ufer der Moskwa bis zum Morgengrauen.

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