„Die meisten Barrieren bauen wir in unseren Köpfen auf“

Die Ausstellung "I am who I am" findet in Düsseldorfer KIT statt. Foto: Elena Dozhina.

Die Ausstellung "I am who I am" findet in Düsseldorfer KIT statt. Foto: Elena Dozhina.

Die Kuratorin der Ausstellung „I am who I am“ im Düsseldorfer KIT Olga Swiblowa ist eine mit mehreren internationalen Preisen ausgezeichnete Kunstexpertin und leitet das Multimedia Art Museum in Moskau. Im Interview spricht sie darüber, wie die Selbst- und Fremddarstellung der neuen russischen Generation, über soziale Netzwerke, Urheberrecht im Internet und den „Pussy Riot“-Konflikt.

Russland HEUTE: Die „I am who I am" im Düsseldorfer KIT präsentiert die Werke russischer Künstler. Wurde das Konzept der Ausstellung für das deutsche Publikum angepasst?


Olga Swiblowa: Wenn ich eine Ausstellung vorbereite, denke ich immer darüber nach, in welcher Umgebung sie stattfinden wird. Unser Ziel war es, neue Künstler aus Russland zu präsentieren. Leider gibt es nur wenige Ausstellungsorte, die bereit sind, noch unbekannte Talente einzuladen. Deshalb bin ich der Stadt Düsseldorf, der KIT und Gertrud Peters für diese Unterstützung besonders dankbar. Natürlich muss eine solche Ausstellung einer bestimmten Dramaturgie folgen, damit wir die Themen der neuen Künstlergeneration behandeln können.

Und was für Themen sind das?


Unter anderem wollten wir sehen und zeigen, wie diese neue Generation sich selbst darstellt. Die jüngste Teilnehmerin Apollinaria Brochet ist zum Beispiel erst 17 Jahre alt. Sie hat mit ihren Klassenkameradinnen ein verlassenes Nervenklinikgebäude gefunden und diese als Kulisse für ihre Performance-Dokumentation „Vorsicht!" benutzt.

Sie stellt die gleichen Pubertäts-Fragen, wie auch die Jugend in Deutschland, aber aus einem russischen Blickwinkel. Denn in russischen Schulen lesen die Teenager Tschechow und seine Erzählung „Krankenzimmer Nr. 6". Die Künstlerin hat sogar für ihre Werke ein neues Wort erfunden – „Satschemism", auf Deutsch „Warumismus". Dabei betrachten Jugendliche die Welt der Erwachsenen und sehen darin kaum Logik, und das macht ihnen Angst.

Wichtig sind auch die Tschernobyl-Bilder von Sergej Schestakow aus der toten Stadt Pripjat. Die Nuklearkatastrophe in Fukushima hat uns zurück

zu dieser Tragödie geführt. Dieses Projekt heißt „Die Fahrt in die Zukunft". Und nicht zufällig haben wir am Ende der Ausstellung die interaktive Videoinstallation mit dem Steuerrad „Barrieren" von Michail Maximow. Man kann dieses Steuerrad selbst drehen und dabei sehen, wie dadurch die eisernen Barrieren wackeln und fallen – diese Barrieren sind in allen Ländern gleich. Die Hürden wurden vor uns gebaut, werden neben uns weitergebaut, aber die meisten Barrieren bauen wir selbst auf – in unseren Köpfen. Und wenn wir uns anstrengen, können wir sie vernichten. Das ist die Hauptmessage der jungen russischen Künstler, aber damit auch aller Menschen, die in Russland leben.

Ist die rasante Entwicklung des Internets ein Nachteil für die Kunst?


Die Entstehung einer virtuellen Welt, der sozialen Netzwerke, die enorme Beschleunigung der Informationsspeicherung, die wir dank Internet haben - das alles kann ein Durchbruch für die Menschheit sein. Vielleicht kommt jetzt eine neue Evolutionsstufe - nicht für das menschliche Wesen, sondern für die ganze Zivilisation.

In Deutschland ist die Piratenpartei populär geworden. Sie kritisiert unter anderem die Urheberrechte, und das kommt offensichtlich gut an. Sind Sie besorgt über so eine Debatte?


Russland hat dieselben Probleme. Einerseits erleichtert das Internet die Vermittlung von Informationen, und das ist einfach genial. Andererseits tötet es die künstlerische Schöpfung, denn die Dividenden für ihre Tätigkeit reichen den Künstlern nicht zum Leben. Das ist ein Dilemma für uns alle, nicht nur in Deutschland. Ich als Museumsleiterin denke auch darüber nach.

Welche Art Fotografie kommt jetzt in Mode?


Es gibt keine Mode. Es gibt verschiedene Stile, Richtungen, Themen, die Künstler entwickeln eine eigene plastische Sprache. Es gibt Trends und Markenzeichen, aber jeder ernste Autor sucht seinen eigenen Weg und will erkannt werden.

Der Urteil gegen die Punkband Pussy Riot hat international für Aufsehen gesorgt. Waren die Aktionen von Pussy Riot auch Kunst?


Die Kunst ist ein symbolischer Akt. Wir sollten nicht Marcel Duchamp vergessen. Er hat unsere Einstellung zur Kunst verändert, indem er ein Urinal im Museum ausstellte. Und im Museum ist dieses Urinal wirklich zu einem Kunstobjekt geworden.

Deshalb ist es falsch zu sagen, dass die Aktion von Pussy Riot keine künstlerische Bedeutung hatte. Für mich ist aber klar, dass niemand

bestimmte Regeln verletzen darf, besonders wenn es um Konflikte zwischen den Nationen oder Religionen geht, die nicht nur schmerzhaft sind, sondern über die man auch schnell die Kontrolle verlieren kann. Wenn eine solche Aktion in einer Moschee, Synagoge oder in einer katholischen Kirche durchgeführt worden wäre, würde es auch als Grenzüberschreitung gedeutet werden und es würde eine Strafe folgen. Andererseits sollen die Konsequenzen angemessen sein. Und der Prozess soll den Prinzipien eines Rechtsstaates entsprechen und nicht so sein, wie er war. Es ist wichtig, dass diese Geschichte für die drei jungen Frauen nicht so tragisch endet. Und es ist auch wichtig, dass diese Geschichte nicht die anderen Künstler verdrängt.

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