Facebook umwirbt russische Fachkräfte


Facebook-Gründer Mark Zuckerberg vor der Basilius-Kathedrale an der Roten Platz. Foto:RIA Novosti.

Facebook-Gründer Mark Zuckerberg vor der Basilius-Kathedrale an der Roten Platz. Foto:RIA Novosti.

Russische IT-Spezialisten sind derzeit gefragt wie nie zuvor – das zeigt auch der aktuelle Besuch Mark Zuckerbergs in Moskau. Eines der Diskussionsthemen bei seinem Treffen mit Ministerpräsident Medwedew war deshalb die Entwicklung der IT-Branche Russlands. Doch die IT-Manager des Landes befürchten, dass Facebook die besten Spezialisten des Landes abwerben könnte.

Anatoli Karatschinski ist der Präsident und Miteigentümer der größten russischen IT-Holding IBS Group. Gegenüber der Zeitung Wedemosti bestätigte er, dass Facebook unlängst aktiv Programmierer aus großen russischen Internet-Unternehmen abwerbe. „Ihnen wurde anscheinend ein Arbeitsplatz und die umgehende Ausreise nach Amerika versprochen", schreibt Karatschinski auf seiner Facebook-Seite. Er vergleicht die Situation mit der massenhaften Ausreise russischer Programmierer während der Krise im Jahr 1998 – damals holte Microsoft die besten russischen IT-Leute nach Amerika.

Besonders empörend sei die Tatsache, dass Zuckerberg seine Absichten gar nicht verschleiere. Im Gegenteil: Das gestrige Treffen mit Medwedjew habe dem ganzen Vorhaben noch mehr Bedeutsamkeit und Legitimität verliehen. Fraglich sei, ob dadurch die richtigen Signale an Markt und Gesellschaft gesendet würden, so Karatschinski.

Das Problem bestünde nicht darin, dass Facebook russische Fachkräfte abwirbt – dies kann dem Unternehmen niemand verbieten. Problematisch

sei vielmehr die Position der russischen Regierung. „Wenn die Regierung an der Unterstützung russischer Unternehmen interessiert ist, so sollte sie westliche Unternehmen dazu animieren, Aufträge an die einheimischen Firmen zu vergeben, so wie es die Regierungen von Indien oder China auch praktizieren", ist Karatschinski überzeugt. „Und wenn Zuckerberg nach dem Treffen mit Medwedjew russische Unternehmen Entwicklungsaufträge erteilt, werde ich der Erste sein, der das begrüßt."

Auch mehrere Mitarbeiter der IBS Group hätten eine Einladung zum Bewerbungsgespräch bei Facebook erhalten. Doch über deren Ausgang schweigt der IT-Manager.

Unlängst veranstaltete das größte russische soziale Netzwerks Vkontakte den Softwareentwickler-Wettbewerb „VK Cup". Der Gründer und Generaldirektor des Netzwerkes Pawel Durow bestätigte gegenüber der Zeitung Wedemosti: „Ich weiß genau, dass einer der Finalisten des VK Cup bereits bei Facebook arbeitet." Auf die Frage, ob auch Mitarbeiter von Vkontakte die Absicht hätten, zu Facebook zu wechseln, antwortete Durow: „Nein, bei uns arbeiten keine Dummköpfe, die auf ein sinkendes Schiff wechseln."

Überhaupt scheinen die Fachkräfte der führenden russischen IT-Unternehmen international gefragt zu sein. So zeigt Facebook auch gegenüber den Mitarbeitern der Mail.ru-Group reges Interesse. Ein aktives Abwerben sei zwar bei Yandex noch nicht wahrgenommen worden, doch die Softwareentwickler des Unternehmens hätten sowohl bei Google, als auch bei Facebook und Microsoft gute Chancen.

Dennoch: Wie aus dem Umfeld der Geschäftsführung von Yandex zu vernehmen war, hat im vergangenen Jahr nicht ein einziger Programmierer des Unternehmens zu Facebook gewechselt. Auch beim

Softwareentwickler und Systemintegrator Reksoft habe man bisher keine Abwerbungsversuche seitens von Facebook registriert, teilt die Sprecherin des Unternehmens Swetlana Wronskaja mit. Allerdings hätte Facebook Mitarbeiter von Reksoft zum Ideenwettbewerb „Facebook-Hackathon" nach Moskau eingeladen und sei sogar bereit gewesen, das Team ohne das übliche Auswahlverfahren zu übernehmen. Doch das ist wohl die übliche Vorgehensweise gegenüber Mitarbeitern bekannter russischer Softwareentwickler, nimmt Wronskaja an. Facebook war zu keiner Stellungnahme hinsichtlich diesen Vorgänge bereit.

Der Duft der großen weiten Welt


Facebook ist derzeit das größte Internetunternehmen der Welt. Zahlreiche russische Investoren haben Anteile an dem sozialen Netzwerk und auch in Russland steigt die Zahl seiner Nutzer. Das erklärt auch das Interesse des russischen Ministerpräsidenten an einem Treffen mit Zuckerberg, erklärte die Pressesprecherin Medwedjews Natalja Timakowa. Dieses sollte die Gelegenheit bieten, die Entwicklung der russischen IT-Branche und die mögliche Beteiligung Facebooks zu diskutieren. Besonderes Interesse habe Zuckerberg an einem der Startups des Wissenschaftsparks Skolkowo gezeigt.

Der Dozent des Moskauer Instituts für Physik und Technologie (MFTI) Juri Ammosow befürwortet die Möglichkeit für russische Studenten und Fachleute, im Ausland zu arbeiten. „Einige meiner eigenen Studenten absolvieren ein Praktikum bei Facebook", weiß er. Russische Programmierer erhielten in einem Unternehmen wie Facebook eine einmalige Möglichkeit der Selbstverwirklichung. Sie könnten die Entwicklung neuer Technologien hautnah mitverfolgen, nützliche Kontakte knüpften und bei der Entwicklung globaler Produkte mitwirken.

Entgegen aller Befürchtungen würden die meisten von Ammosows Absolventen nicht den Kontakt zu ihrem Heimatland Russland verlieren. Einige unterstützen zum Beispiel den Lehrstuhlleiter des MFTI aktiv bei der Ausarbeitung der Lehrpläne. „Die Leibeigenschaft wurde doch bereits vor langer Zeit abgeschafft! Und die Verfassung garantiert den Menschen schließlich die freie Wahl des Arbeitsplatzes", bringt es Ammosow auf den Punkt. Auch seien längst nicht alle russischen Fachleute bereit, ins Ausland zu gehen – vor allem aus psychologischen Gründen.

Vergleichbare Einkommen


Längst liegen zwischen den Einkommen eines Programmierers in Russland und in den USA keine Welten mehr: Sind es in Russland

umgerechnet etwa 30 000 bis 40 000 US-Dollar jährlich, kommt ein Programmierer in den Staaten auf 70 000 bis 80 000 US-Dollar. In den 90er-Jahren wanderten viele IT-Fachkräfte aus, weil die Löhne in Russland deutlich niedriger waren und es für sie nicht genügend Arbeit gab. Doch mittlerweile verdient ein Programmierer in Moskau nahezu das Gleiche wie sein Kollege in Kanada. Die Gründe für einen Umzug ins Ausland haben sich verändert. Wie der Generaldirektor der Mail.ru-Group Dmitri Grischin 2011 in einem Interview gegenüber der Zeitung Wedemosti erklärte, sei die Arbeit bei einem westlichen Unternehmen einfach prestigeträchtiger.

Westliche Unternehmen sind nicht ohne Grund an russischen Programmierern interessiert, weiß der Präsident des Verbandes für Software-Entwickler Rusoft Walentin Makarow. Handwerklich stünden sie ihren indischen Kollegen in nichts nach. Ginge es jedoch um Kreativität und die Fähigkeit, nichtstandardgemäße Aufgaben zu lösen, so hätten die russischen Fachkräfte die Nase vorn.

Makarow sieht die Abwanderung russischer Fachleute zu westlichen Unternehmen nicht als Verlust an. Es bestünde ein Gleichgewicht zwischen der Zahl derer, die das Land verlassen und derer, die zurückkehrten. Viele nutzten ihren Auslandsaufenthalt dazu, Erfahrungen zu sammeln und gründeten dann in Russland ihre eigene Firma. Doch Makarow räumt ein, dass sich der Staat verstärkt um die Ausbildung von genügend professionellen Experten kümmern muss.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Vedomosti.ru

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