Ein Charismatiker kommuniziert sich zu Tode

Parlamentwahlen in Georgien: Der Stern des charismatischen Politstars Saakaschwili ist gesunken. Ein wesentlicher Grund dafür ist der verlorene Medienkrieg.

Die Erkenntnis kommt spät, aber nicht zu spät: „Saakaschwili verkörpert nicht einmal ansatzweise das, was er uns über seine Lobbyisten suggeriert." Das sagte die grüne Bundestagsabgeordnete und Ostexpertin Viola von Cramon in der Frankfurter Rundschau zur Wahl in Georgien. Bemerkenswert ist hier weniger die Bewertung des georgischen Präsidenten, sondern die Aussage darüber, wie politische Meinungsbildung auch in der internationalen Arena stattfindet.

Schön, dass es mal jemand so offen sagt. Wir haben uns ja daran gewöhnt, dass Pharma-Industrie, Versicherungen und Banken sich die sie betreffenden Gesetzte selbst schreiben. Die Politiker nehmen lediglich die von den Interessenverbänden ausgearbeiteten Entwürfe entgegen und tun so, als ob sie sich das ganze alleine ausgedacht hätten. Aber in der internationalen Politik – da gibt es noch Helden und Schurken, Befreiungskriege und Revolutionen. Die Guten und die Bösen lassen sich an ihren Taten erkennen: Wer Kinder quält und Bomben schmeißt ist böse, und wer den Menschen Brot gibt, ist gut.

Natürlich sind wir, die Wähler und Normalbürger, nicht dabei, wenn ein Bösewicht Bomben schmeißt oder eine Lichtgestalt Brot verteilt. Aber die

Medien sind dabei. Sind sie es? Kaum. Auch Journalisten sind nicht allgegenwärtig, besonders dort wo es weit weg und gefährlich ist. Im Gegensatz zu den Lobbyisten. Die sind zwar auch nicht dabei gewesen aber sie sind überall, wo es gilt, Menschen zu beeinflussen. Tausende von Spin-Doktoren, PR-Beratern, Anwälten rufen jeden Tag in Redaktionen an und treffen sich mit Politikern. Und so entstehen dann Bilder in den Köpfen der Menschen. Die Politiker geben mit vor Empörung zitternder Stimme starke Statements ab, die Medien liefern die richtigen Informationen dazu, ganz wie es ihnen die Lobbyisten suggeriert haben.

Das Problem dabei ist nicht, dass politische Akteure versuchen, ihre Sichtweise mit Hilfe professioneller Meinungsmacher durchzusetzen. Das Problem ist, dass es kaum eine Alternative zu deren Meinungsmache gibt. Einerseits kennt sich kaum jemand wirklich in den komplizierten internationalen Fragen aus, und anderseits leben wir in einer konformistischen Gesellschaft, in der die herrschende Meinung hundertfach verstärkt wird und abweichende Standpunkte marginalisiert werden. Man muss schon die Sachkenntnis und die Autorität eines Peter Scholl-Latour besitzen, um die offizielle Linie in Frage zu stellen. Aber wie viele Scholl-Latours gibt es? Und wie viele Meinungsverstärker und Dummschwätzer?

Besonders erdrückend wird die Macht der Lobbyisten, wenn sie einen Kunden vertreten, der unter dem Schutz der Vereinigten Staaten steht. Dann kommt zu dem Aktionismus der Manipulations-Söldner das Gewicht der regulären Kommunikationsarmee der USA.

So wie 2008 im Krieg zwischen Georgien und Russland. Für Saakaschwili organisierte die in Brüssel ansässige Agentur Aspect Consulting einen Kommunikationsmarathon. Pressemitteilungen, Interviews am laufenden Band, Meinungsbeiträge im Wall Street Journal – man sollte meinen, der Präsident einer kriegführenden Nation hätte gar nicht die Zeit für so viel Medienarbeit.

Aber ein moderner Krieg findet eben nur noch zu 10 Prozent auf dem Schlachtfeld statt und zu 90 Prozent auf dem Bildschirm. Verloren hat Saakaschwili letztlich an allen Fronten, auch wenn es zunächst so gut lief für ihn. Jede noch so absurde Gräuelmeldung über russische Untaten wurde in den westlichen Medien brav verwurstet. Aber dann kam erst die militärische Niederlage, gefolgt von der politischen.

Zwar wurde es nicht gerade prominent verkündet, was die „Independent International Fact-Finding Mission on the Conflict in Georgia" im September 2009 unter Leitung der Schweizer Diplomatin Heidi Tagliavini als Untersuchungsergebnis vorlegte: „Die offenen Feindseligkeiten begannen mit einer großen georgischen Militäroperation gegen die Stadt Tschinvali und Umgebung in der Nacht vom 7. auf den 8. August 2008."

Der Stern des charismatischen, pro-westlichen Politstars Saakaschwili jedoch begann zu sinken. Er hatte den Bogen überspannt und seine Gönner enttäuscht. Wäre das nicht so, dann wäre der Wahlkampf in

Georgien in den letzten Wochen in unseren Medien Dauerthema gewesen: Demokratie gegen Chaos, Gut gegen Böse. Wir hätten Videos vorgesetzt bekommen, in denen zu sehen ist, wie der Vorsitzenden der Oppositionspartei Bidzina Iwanischwili Wellensittichen die Schwanzfedern ausreißt. Anstatt dessen: Folterskandale in georgischen Gefängnissen. Niemand organisiert mehr eine Wahlfälschungs-Kampagne für Saakaschwili, stilisiert ihn zum Märtyrer der Demokratie. Der Mann ist am Ende, und die PR-Firmen und ihre Auftraggeber suchen sich neue Schützlinge. Bis eines Tages wieder ein Politiker oder ein Journalist sagt: Wir sind von Lobbyisten getäuscht worden.

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland