Russische Geheimagenten in Berlin vor Gericht

Das Ehepaar Anschlag waren ein Teil des Spionagerings, zu dem auch die bekannte russische Agentin Anna Champan gehörte. Foto: ITAR-TASS.

Das Ehepaar Anschlag waren ein Teil des Spionagerings, zu dem auch die bekannte russische Agentin Anna Champan gehörte. Foto: ITAR-TASS.

In Berlin wird das Verfahren gegen Andreas und Heidrun Anschlag eröffnet, die für den russischen Auslandsnachrichtendienst SWR gearbeitet haben sollen. Es Handelt um den Spionagering, dem Anna Chapman angehörte. Der Skandal wird in Deutschland von einem gewaltigen Medienecho begleitet. Kann der Vorfall die deutsch-russischen Beziehungen belasten?

Vor einem Jahr wurden Andreas und Heidrun Anschlag von den deutschen Sicherheitsbehörden festgenommen. Nach Angaben von Associated Press soll das Ehepaar seit Ende der 80er Jahre für den russischen Auslandsnachrichtendienst SWR gearbeitet haben.

Der Berliner Korrespondent von Kommersant FM Oleg Sinkowski befürchtet, dass der Skandal ein negatives Bild auf das offizielle Moskau werfen könnte. „Medienberichten zufolge hat ein Überläufer die russischen Agenten in Deutschland ausgeliefert", weiß Sinkowski. Dabei soll es sich um einen Mitarbeiter des russischen Geheimdienstes handeln, der gegenwärtig in den USA lebt. Er sei es auch gewesen, der den russischen Spionagering auffliegen ließ, dem Anna Chapman angehörte.

Ein Teil der vertraulichen Informationen sei dann an die deutschen Geheimdienste geraten, die so dem Ehepaar Anschlag auf die Spur kamen. „Das ist seit über 20 Jahren, seit der Wiedervereinigung

Deutschlands, der erste Vorfall dieser Art. Die Sache könnte einen großen politischen Skandal auslösen, der die deutsch-russischen Beziehungen belastet", fürchtet Sinowski. Irina Kobrinskaja ist Politologin am Institut für Weltwirtschaft und Internationale Beziehungen. Sie schätzt die Situation anders ein: Nach ihrer Auffassung wird die Spionageaffäre Moskau und Berlin nicht ernsthaft entzweien. „Russland und Deutschland verbindet ein sehr gutes, praktisch verankertes und auf soliden wirtschaftlichen Beziehungen gründendes Verhältnis. Die beiden Länder haben viele gemeinsame Standpunkte in außenpolitischen Fragen. Solche Vorfälle können die Beziehungen nicht ernsthaft gefährden", ist sich Kobrinskaja sicher. 

Fest steht jedoch: Der Vorfall wird sich auf die Zusammenarbeit der Nachrichtendienste beider Länder auswirken. Das wird in erster Linie für die russische Seite von Nachteil sein, gibt Andrej Soldatow zu bedenken, der Chefredakteur des Internetportals Agentura.Ru.

„Der deutsche Nachrichtendienst pflegt unter den europäischen Geheimdiensten die engsten Beziehungen zu den russischen Kollegen. Und der russische Nachrichtendienst war immer an guten Kontakten zu den Deutschen interessiert, man stand bereits seit Mitte der 90er Jahre in engem Austausch über die Lage im Nord-Kaukasus", weiß Soldatow. „Jetzt hat man sich erstmals für ein gerichtliches Verfahren und gegen eine Ausweisung entschieden. Dass dies die Beziehungen zwischen den Geheimdiensten der beiden Länder belasten wird, steht außer Frage."

Die Expertin für internationale Beziehungen Maria Gordejewa wiederum führt das Verfahren gegen das Agentenpaar auf persönliche Ambitionen der deutschen Geheimdienste zurück. „Die Angelegenheit folgt einer innenpolitischen Logik. In Deutschland läuft derzeit eine Kampagne, die das Image des Nachrichtendienstes aufbessern soll. Die deutschen Behörden nutzen also die Gelegenheit, sich in einem vorteilhaften Licht zu präsentieren", ist die Politologin überzeugt.

Nach Angaben der deutschen Staatsanwaltschaft reisten Andreas und Heidrun Anschlag als österreichische Staatsangehörige lateinamerikanischer Abstammung nach Deutschland ein. In den vergangenen Jahren sollen sie vertrauliche Informationen der NATO und der Europäischen Union weitergeleitet haben. Das Paar hatte außerdem einen Komplizen in den Niederlanden.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der Zeitung Kommersant. 

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