Videokunst aus Russland im Martin-Gropius-Bau

 Foto: Pressebild

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Das Berliner Ausstellungshaus Martin-Gropius-Bau stellt Arbeiten von AES+F, einer der erfolgreichsten und bedeutendsten russischen Künstler-Gruppen vor. Die verschiedenen Teile ihrer berühmten Trilogie werden erstmals an einem Ort gezeigt.

Die Künstler-Propheten

Die Künstler-Propheten 

 

Die Künstler-Gruppe AES+F absolvierte in den letzten Jahren eine schwindelerregende Karriere: Auf ihr Konto gehen nahezu einhundert Einzelaustellungen auf der ganzen Welt. Die Arbeiten der Gruppe werden in den Galerien Wiens, New Yorks, Tokios, Salzburgs, Pekings, Seouls und Genfs gezeigt. 

 

„Die Gruppe AES+F denkt nicht in lokalen Projekten, sondern in globalen, die in die Zukunft gerichtet sind. Sie werden bereits seit Langem als Propheten bezeichnet“, erklärt den Erfolg der Künstler die Kuratorin der

Ausstellung, Olga Swiblowa, die Direktorin des Moskauer Multimedia-Art-Museums ist.  Der Ruhm überkam die Gruppe AES+F im Jahre 1996, als die Künstler Tatjana Arsamasowa, Lew Jewsowitsch, Jewgenij Swjatskij und der Fotograf Wladimir Fridkes, in deren Portfolio die Titelseiten aller russischen Hochglanzjournale – einschließlich der Vogue –  zu finden sind, das Islamische Projekt realisierten. Sie stellten auf Fotoleinwänden das mit einem Minarett versehene Guggenheimmuseum und bärtige Mudschaheddin auf dem Roten Platz dar, wobei die Moslems vor dem Hintergrund abgehackter und an ein Brett genagelter Hände posierten.

 

Das Hauptwerk jedoch war die Darstellung der Freiheitsstatue in einem Tschador. Damals, Mitte der Neunzigerjahre, erschien das Projekt von AES+F vielen als politisch inkorrekt. Die Meinung der Leute änderte sich am 11. September 2001, als die Phobie, über die die Künstler-Gruppe AES+F sich lustig machte, plötzlich Realität geworden war. Seitdem gilt das Islamische Projekt als prophetisch und die Künstler selbst wurden für die Kunstwissenschaftler zum Inbegriff der russischen Kunst des beginnenden Jahrtausends.

 

 Hölle und Himmel

Hölle und Himmel 


 Paradise. Foto: Pressebild


Die Trilogie ist das größte Projekt von AES+F, an dem die Künstler sieben Jahre gearbeitet haben. Es geht dabei, wie bei allen Arbeiten der Künstler-Gruppe, um philosophische, soziale und existenzielle Fragen. Das Video, das in abgedunkelten Räumen auf riesengroße Leinwände zu der Musik von Tschaikowski, Chopin und Wagner projiziert wird, führt den Besucher in einem hypnoseähnlichen Zustand. Aber ein Video als solches existiert eigentlich gar nicht. Die bewegten Bilder sind ein Strom aus Tausenden von Fotografien und 3D-Grafiken. 

 

„Zum Himmel geht es gerade aus, zur Hölle nach links und ins Fegefeuer nach rechts“, erklärt der Mitarbeiter des Martin-Gropius-Baus vergnügt den Besuchern die Gliederung der Trilogie. Je nach ihrer Präferenz strömen die Menschen in die einzelnen Räume.

 

Hölle, Himmel und Fegefeuer sind die Arbeitstitel der einzelnen Teile der Video-Trilogie. Die Hölle (Der letzte Aufstand) ist verschneit und sieht nach Hohem Norden aus. In ihr gibt es weder Feuer, noch Dämonen – nur ein paar Dutzend Kinder, die versuchen einander mit Schwertern in einer unblutigen Computerschlacht zu töten. 

 

„Dieser Teil der Trilogie ist unsere Untersuchung zum Thema Was ist moderne Kindheit?“,  sagt Lew Jewsowitsch, Mitglied der Künstler-Gruppe AES+F. „Sie handelt von jenen, die mehr Zeit vor dem Computerbildschirm, als mit ihren Eltern und Freunden verbringen. Von jenen, für die die Begriffe Schmerz und Blut, Gut und Böse jeden Sinn verloren haben“. 

 

Der Himmel (Das Gastmahl Trimalchio) ist südländisch tropisch und von der Mittelschicht bevölkert, der die Künstler mit ihrem Projekt eine Art Zerrspiegel entgegenhalten. Die glamourösen Gäste kommen in einem Viel-Sterne-Hotel an der Ozeanküste an und beginnen, sich an ihrem Nichtstun zu langweilen und vor Narzissmus den Verstand zu verlieren – das Sujet eines Kapitels aus dem Roman des antiken Schriftstellers Gaius PetroniusSatirikon nimmt bei der Künstler-Gruppe AES+F aktuelle Form und Sinn an.

 

Die einen Gäste sind die Hausherren, die anderen deren Dienstboten, wobei die Ersten Fitness treiben, Golf spielen oder auf dem Liegestuhl liegen – doch ein wahrhaftes Glücksgefühl durch die teuren und eintönigen Dienstleistungen erlangen sie dabei nicht.

 

„Letzten Endes ruft dieser Zustand bei ihnen Depressionen hervor“, erklärt Lew Jewsowitsch. „Es kommt zu einem existenziellen Drama der Mittelklasse in einer Welt leicht zugänglichen Vergnügens“. 

 

 

Fegefeuer

Fegefeuer

Fegefeuer. Foto: Pressebild.  


Ein Hightech-Flughafen – so sieht  die moderne Ikone des Fegefeuers aus (Religiöse Allegorie). In ihm kommen gezwungenermaßenßen Chinesen, Flüchtlinge aus Afghanistan, Homosexuelle, Dunkelhäutige und Skinheads mit Baseballschlägern unter einem Dach zusammen. Kurz, Assoziationen zu Giovanni Bellinis Gemälde Allegoria Sacra, das AES+F zum finalen Teil der Trilogie inspiriert hat, kommen Einem unmittelbar in den Sinn.

 

Die unterschiedlichen Menschen im Flughafen wissen – wie auch die Bellinischen Charaktere – nicht, wohin sie fliegen: ob nun in die Hölle oder in den Himmel. Sie wissen nicht, wie die Zukunft aussieht und welcher Platz für sie darin bereitsteht. Manch einer sieht in der Religiösen Allegorie eine eindeutig politische Aussage und die Suche nach der Antwort auf die Frage: Werden Indien und China die eurozentrische Welt zerstören oder aber nicht? 

 

Während die Kunstwissenschaftler und die einfachen Besucher sich noch die Köpfe zerbrechen, was uns die Moskauer Künstler-Gruppe eigentlich sagen will, erklärt diese: „Manche Leute fassen unsere Arbeit vollkommen ernsthaft auf, aber korrekter wäre es, darüber einfach zu lachen“. 

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