Politkonvoi durch die Provinzen

 Kaluga, Winter 2012: Von den 300 000 Einwohnern gehen rund 300 auf die Straße, um für faire Wahlen zu demonstrieren. Foto: Kirill Salnikow, KALUGAFOTONET.

Kaluga, Winter 2012: Von den 300 000 Einwohnern gehen rund 300 auf die Straße, um für faire Wahlen zu demonstrieren. Foto: Kirill Salnikow, KALUGAFOTONET.

Mit einer Autokarawane durch 50 russische Städte wollen sich die Oppositionsführer im Land bekannt machen. In Kaluga hat ihr Auftritt vor allem eines hinterlassen: Enttäuschung.

In Kaluga, 180 Kilometer südwestlich von Moskau, war es mit Schauspielen jeglicher Art immer schlecht bestellt, ebenso mit Zuschauern. Zu Sowjetzeiten holte man hauptstädtische Künstler und veranstaltete Festspiele, doch die Zuschauer mussten aus der gesamten Umgebung der 300 000-Einwohnerstadt mit Bussen hergebracht werden.

Auch die politischen Ereignisse der letzten 20 Jahre fanden keinen besonderen Anklang bei den Einheimischen. Der Augustputsch von 1991, die Beschießung des Weißen Hauses 1993 – all das spielte sich weit weg in Moskau ab, berührte die Kaluschanje nicht direkt. Überhaupt ließen sich die Geschehnisse bequem am Fernsehapparat verfolgen. Im Wahlkampf reisten die Parteiführer selten nach Kaluga.

Die einzige Ausnahme bildete der Nationalist Wladimir Schirinowski, der Wodka und CDs mit von ihm selbst vorgetragenen Liedern an die Wählerschaft verteilte. Solange die Kommunisten an der Macht waren, gehörte das Gebiet Kaluga zum „roten Gürtel". Um ihre Positionen nicht zu verlieren, schwenkten die Vertreter der regionalen Elite einmütig auf die Kreml-Partei Einiges Russland um.

Gouverneur Anatoli Artamonow sitzt seit zwölf Jahren fest im Sattel und ernennt ihm genehme Bürgermeister in den Dörfern und in der Hauptstadt Kaluga. Dabei erfährt Einiges Russland keine einmütige Zustimmung in der Bevölkerung. Nur ein Viertel aller Wähler nahmen an der letzten Stadtratswahl teil. Auf der Kandidatenliste fehlte die Opposition fast völlig. Die steht nun außerhalb des Systems.

Ein Großereignis für die Stadt

Doch nach den Moskauer Großdemos im Dezember des vergangenen Jahres wurden auch die Einwohner von Kaluga etwas lebhafter. Ihre

Ein weißer Strom durch 50 Städte

Am 27. August startete im sibirischen Krasnojarsk der „Weiße Strom" – eine Rallye durch 50 russische Städte, angeführt vom russischen Oppositionellen Ilja Ponomarjow.

Bis Mitte September hatten die Aktivisten nach eigenen Angaben bereits 16 Städte besucht und dabei 14 000 Kilometer zurückgelegt.

Ziel der Aktion ist laut Ponomarjow, „das Gespräch mit den Menschen in den Regionen" zu suchen.

In mehreren Städten wurden die Treffen mit den Oppositionellen allerdings von Provokateuren gestört. Ponomarjow wurde mehrere Male mit Eiern beworfen.

Lebhaftigkeit beschränkte sich zwar auf eine einzige Versammlung vor dem Zentralkino mit 300 Teilnehmern. Aber es gab Hoffnung, dass das schläfrige Kaluga aufwachen würde. Der Besuch einer mehr als durchschnittlichen Mediengröße, ob Künstler oder Politiker, ist in Kaluga stets ein Ereignis. Die oppositionelle Rallye „Weißer Strom", die am 14. September in der Stadt eintreffen sollte, wurde deshalb ungeduldig erwartet. Die ganze Blüte der russischen Opposition war angekündigt: der Blogger und Korruptionsbekämpfer Alexej Nawalny, die Berufsoppositionellen Ilja Ponomarjow und Sergej Udalzow, der gerade aus der Duma herausgeworfene Gennadij Gudkow und der legendäre Dissident Wladimir Bykowski. All jene Mediengestalten würde man nun erstmals zu Gesicht bekommen. Der Organisator der Versammlung, der regionale Oppositionelle Wjatscheslaw Gorbatin, stellte bei den Behörden einen Antrag auf eine Kundgebung mit 300 Menschen. Für Kaluga ist das eine beträchtliche Menge, und es gab Befürchtungen, dass man nicht alle Interessenten auf dem Friedensplatz würde unterbringen können. Über die sozialen Netzwerke meldeten sich sofort Freiwillige, die versprachen, Agitationsmaterial anzufertigen und die Bürger über die Begegnung mit den hauptstädtischen Oppositionellen zu informieren.

Kein Marsch der Millionen

Bald stellte sich heraus, dass nicht alle kommen würden: Nawalny durfte wegen laufender Ermittlungen die Hauptstadt nicht verlassen. Am Tag der Ankunft des „Weißen Stroms" wurde zudem bekannt, dass auch Sergej Udalzow nicht dabei sein würde, weil er an diesem Tag im Moskauer Rathaus über Zeit und Ort des nächsten „Marsch der Millionen" verhandelte.

Kurz vor dem Treffen teilte Gorbatin den Journalisten dann telefonisch mit, dass überhaupt nur zwei Oppositionelle kommen würden: der Liberale Michail Schnejder und der Nationalist Wladimir Tor, beide höchstens zweitrangige Vertreter der Opposition. Schnell sprach sich die Neuigkeit herum, und auf den Friedensplatz kamen nur ein paar Dutzend Menschen, die Hälfte davon Polizisten und unauffällig gekleidete Geheimdienstler.

Die gesamte Protestaktion lief darauf hinaus, dass sich Schnejder und Tor zu zweit in ein Café setzten und dann weiterfuhren. Immerhin waren die beiden vorher noch kurz vor die Versammelten getreten, teilten den Bewohnern Kalugas allerdings wenig Neues mit. Es gab die üblichen Losungen: „Einiges Russland – die Partei der Diebe und Gauner", „Die Wahlen wurden gefälscht" (Schnejder) und „Es reicht, den Kaukasus zu füttern" (Tor). Eine Entschuldigung für das Fernbleiben der angekündigten Teilnehmer gab es nicht.

„Weißer Strom": Oppositionelle Sergej Udalzow und Ilja Ponomarjow. Foto: RIA Novosti. 

Hohn für die Organisatoren

Die offizielle Gebietszeitung West schrieb später süffisant: „Um sich die Reden der Regierungsgegner anzuhören, kamen ein Dutzend

Lokaljournalisten, anderthalb Dutzend Polizisten, ein Dutzend Bürger und eine Gruppe angetrunkener Jugendlicher, die sich vor allem für die Fernsehkameras interessierten." Wenig später sahen die Bürger Kalugas auf YouTube einen Videoclip mit dem Gespräch im Café, bei dem Michail Schnejder freimütig erklärte, dass am „Weißen Strom" nur ein einziges Auto teilnehme, an dessen Lenkrad gewöhnlich Ilja Ponomarjow sitze.

Der Hohn der offiziellen Zeitung über die lauwarme Protestbereitschaft war wenig überraschend, doch plötzlich war eine ähnliche Stimmung sogar bei den örtlichen Oppositionellen zu spüren.

Die Unzufriedenheit wächst

„Einerseits herrscht Enttäuschung, andererseits Schaden-freude darüber, dass es ‚keine Opposition gibt'", sinnierte der bekannte Blogger Michail Obuchow. Frustriert zeigte sich einer der Organisatoren der gescheiterten Rallye, der Oppositionelle Ale-xander Wassiljew. Im Internet entschuldigte er sich nicht nur für sich selbst, sondern auch für die Moskauer Regimegegner.

Möglicherweise ist Kaluga als Stadt mit schwach ausgeprägten Neigungen zum Protest in der Tat nicht interessant für die hauptstädtische Opposition. Aber mit jedem Tag steigt andererseits die Zahl der Bürger, die unzufrieden sind. Sie ärgern sich über die zu dichte Bebauung, die schlechten Straßen, die Verkehrsstaus, darüber, dass die mit dem Erscheinen ausländischer Investoren verbundenen Erwartungen sich nicht erfüllt haben, den nicht regulierten Zustrom von Einwanderern aus den zentralasiatischen Republiken und das Missverhältnis in der Entwicklung städtischer und dörflicher Gegenden. Vielleicht dauert es nicht mehr lange, bis wir von ihnen selbst vorgebrachte Forderungen hören.

Der Autor ist Chefredakteur der Regionalzeitung Kaluschski Perekrjostok. 

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