Mit Oblomow ins 21. Jahrhundert

Die Romanfigur Oblomow prägte das russische Selbstbild: Schauspieler Oleg Tabakow in dieser Rolle: Bild: Kinopoisk

Die Romanfigur Oblomow prägte das russische Selbstbild: Schauspieler Oleg Tabakow in dieser Rolle: Bild: Kinopoisk

Wenn das Iwan Gontscharow wüsste: Sein „unsterbliches Buch“, wie Rezensenten über „Oblomow“ schrieben, liegt nun in einer achten deutschen Übersetzung vor.

Wenn das Iwan Gontscharow wüsste! Sein „Oblomow“ – dieses „unsterbliche Buch“, ein „Meilenstein“ in der Geschichte des europäischen Romans, wie Rezensenten anlässlich der Neuausgabe schrieben – liegt nun in der achten deutschen Übersetzung vor. Ein Arbeitsbericht der Übersetzerin Vera Bischitzky.

Wäre der Autor alt geworden wie Methusalem (im Juni 2012 haben wir seinen 200. Geburtstag gefeiert), er hätte die neue wie auch alle früheren Übersetzungen des Buches ins Deutsche (und in andere Sprachen) möglicherweise verhindert, wie wir aus einem Brief wissen, den er 1868 schrieb: „Gestern wies mich Stasjuslewitsch im Schaufenster eines Buchladens auf die Übersetzung des ‚Oblomow‘ hin, die gerade erschienen ist. Ich kann es nicht ertragen, mich übersetzt zu sehen: Ich schreibe für russische Leser, die Aufmerksamkeit der Ausländer schmeichelt mir keineswegs. Mit Deutschland haben wir keine Konvention, sonst hätte ich es nicht gestattet.“

Warum nahm er eine so ablehnende Haltung ein, wenn es um die Übersetzung seiner Werke ging? Auch darüber gibt er Auskunft. Er war der Ansicht, Lesern eines anderen Kulturkreises würden seine Bücher fremd bleiben, deren Protagonisten, Sitten oder Kolorit eng mit der russischen Lebenswirklichkeit verknüpft seien. „Jeder Autor […] verliert in der Übersetzung in eine fremde Sprache“, schreibt er, „je volkstümlicher, nationaler er ist, desto dürftiger wird er in der Übersetzung.“ Ob er mir wohl verzeiht, dass ich mich über diese seine Befürchtung hinweggesetzt und auf das Wagnis einer weiteren Übersetzung eingelassen habe?

Vielleicht hätte es ihn zumindest erfreut, dass der neuen deutschen Ausgabe ein umfangreicher Anhang beigegeben ist, der nicht nur versucht, die Realien der Zeit zu beleuchten, sondern auch zahlreiche biografische Parallelen zwischen Leben und Werk aufzuzeigen. Auf diese Fährte hat er mich übrigens durch eine autobiografische Äußerung in seinem Essay „Lieber spät als nie“ selbst gesetzt: „Ich […] beschrieb nur das“, heißt es dort, „was ich erlebte und dachte, was ich fühlte, liebte, was ich aus der Nähe gesehen und erfahren habe.“

Für die Reise mit Ilja Iljitsch Oblomow über Sprachbarrieren, Zeit- und Ländergrenzen hinweg war ein ganz besonderer Kraftakt vonnöten.

Iwan Gontscharow. Bild: AFP_Eastnews

Oblomow ist ja seit jeher dafür bekannt, sich um keinen Preis vom Fleck zu bewegen – erst recht nicht in die Fremde! Als sein Arzt ihm vorschlug, ins Ausland zu reisen, war er entsetzt: „‚Ich bitte Sie, Doktor, ins Ausland! Wie soll das gehen?‘“ Wieso sollte unser Held also ausgerechnet mir nach Berlin folgen wollen? Wie sehr, dachte ich mir, würde er vor unserem hektischen Alltag zurückschrecken, vor dem Gedränge, der allgegenwärtigen Beschallung (er, der doch die Stille über alles liebte), vor der Hast auf den Bahnhöfen, den lästigen Sicherheitskontrollen auf den Flugplätzen, wo er ganz ohne die Hilfe seines legendären Dieners Sachar würde auskommen müssen, wenn es hieße, Reisemantel, Jacke, gar Schuhe auszuziehen. Dennoch habe ich mich tollkühn dazu entschlossen, Ilja Iljitsch noch einmal zu einer Grenzüberquerung gen Westen zu überreden.

Die im Roman dargestellten Probleme sind ja keineswegs auf Russland beschränkt. Es ist ein universales Werk, das schildert, wie ein Mensch an sich selbst scheitert, die Diagnose lautet „Oblomowerei“. Lange vor Freud analysiert Gontscharow die Ursachen dieses Scheiterns. Es ist aber auch ein Buch über die Gleichgültigkeit der Welt, über Eitelkeit, Lug und Trug, über das leere Getriebe des Gelderwerbs und – bei aller Kritik an den Verhältnissen des russischen Feudalsystems, an Oblomows Lethargie und an seiner elitären Anspruchshaltung – ein Buch über einen romantischen Schwärmer. Oblomow liegt auf dem Diwan und träumt … von einer friedlichen, idyllischen Welt, in der alle Menschen Brüder sind … Man kann ihn belächeln, aber es ist ein Lächeln unter Tränen.

Zu allen Zeiten hat es Menschen gegeben, die sich dem Irrsinn ihrer Zeit zu entziehen versuchen und der Heuchelei, der Bosheit, dem Streben nach Erfolg um jeden Preis eine Abfuhr erteilen. Wer dächte vor dem Hintergrund von Bankenkrise und der Jagd nach Kapitalvermehrung unserer Tage nicht an den Dialog zwischen Oblomow und seinem

Iwan Gontscharow: „Oblomow“.

Roman in vier Teilen. Herausgegeben

und aus dem Russischen neu übersetzt

von Vera Bischitzky. Carl Hanser Verlag 2012.

840 Seiten

Freund Andrej: „‚Irgendwann wirst du aufhören zu arbeiten‘ […]. ‚Ich werde nie aufhören. Warum auch?‘ – ‚Wenn du dein Kapital verdoppelt hast‘, sagte Oblomow. ‚Selbst wenn ich es vervierfache, höre ich nicht auf.‘“ Sind es nicht die Andrejs dieser Welt, die die Gesellschaft in den Abgrund reißen? Und wie aktuell mutet es angesichts des Burnout-Syndroms an, wenn Oblomow verwundert über den Aktionismus im Hamsterrad des Gelderwerbs wieder und wieder fragt: „Wo bleibt da der Mensch? In wie viele Stücke will er sich zerreißen und zerfallen?“ Man muss ja nicht gleich zum Oblomow werden, um sich ein wenig mehr in der Kunst der Gelassenheit zu üben.


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