Soziologin: Russlands Machtelite droht zu kollabieren

Olga Kryschtanowskaja: Das Protestpotenzial in Russland ist noch hoch. Foto: Ruslan Sukhuschin, Russland Heute.

Olga Kryschtanowskaja: Das Protestpotenzial in Russland ist noch hoch. Foto: Ruslan Sukhuschin, Russland Heute.

Droht Russland ein Domino-Effekt, der die Machtstruktur im Land radikal verändern könnte? Russland HEUTE sprach mit der Soziologin Olga Kryschtanowskaja über die politischen Risiken für das russische Machtsystem in Zeiten der Krise.

Russland HEUTE: Weshalb halten Sie die gegenwärtige Situation in Russland für explosiv?


Olga Kryschtanowskaja: Denken Sie an den Zusammenbruch der Sowjetunion zurück. Was hat damals auf einen bevorstehenden Kollaps hingedeutet? Das System schien zwar geschwächt, aber noch immer mächtig. Auch die Erfahrung anderer Revolutionen besagt, dass Krisen lange heranreifen, Systeme aber schnell zusammenbrechen. Es entsteht ein Domino-Effekt: Wenn einzelne Komponenten des Systems nachzugeben beginnen, ist der Kollaps nicht mehr aufzuhalten. Die Frage ist nur, was das Fass zum Überlaufen bringt.

Die Soziologin und Politikwissenschaftlerin Dr. habil. Olga Kryschtanowskaja leitet das Zentrum für Elitenforschung am Soziologischen Institut der Akademie der Wissenschaften Russlands und ist Autorin des Buches „Anatomie der russischen Elite. Die Militarisierung Russlands unter Putin" (Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln 2005).

In einer instabilen Situation wie der heutigen lässt sich das doch unmöglich vorhersagen.

Das stimmt nur bedingt. Der Auslöser mag zufällig sein, doch sein Typus ist vorab prognostizierbar. Das können zum Beispiel Wahlen sein. In jüngster Zeit sind auf diese Art viele Revolutionen ausgelöst worden, in der Ukraine, in Georgien und Kirgisistan ebenso wie in der arabischen Welt. Auch Katastrophen können die Stimmung anheizen, besonders dann, wenn sie ein enormes Ausmaß annehmen oder mehrfach in Folge auftreten. Dann suggeriert die Opposition der Bevölkerung, dass die gegenwärtige Führung daran schuld sei. Als weitere Faktoren wirken ökonomische Erschütterungen oder die Willkür des Justizsystems.

Es gibt aber auch Katastrophen, die zwar vehemente Diskussionen und Unmutsausbrüche nach sich ziehen, aber dennoch nicht gleich zu einer radikalen Veränderung des Systems führen.


Man kann sich das Protestpotenzial wie eine Pyramide vorstellen. An ihrer

Spitze stehen die Politiker, die an die Macht kommen wollen und auf tiefgreifende Veränderungen aus sind. Darunter folgen deren Anhänger und die chancenlose Jugend. Noch weiter unten kommen die Aktivisten und die Sympathisanten, die vor allem aus der Intelligenz sowie der Studentenschaft kommen. Die Basis der Pyramide bildet das breite Volk, das noch nicht in den Protest involviert ist. Weshalb nennen Oppositionsführer ihre Aktionen „Marsch der Millionen"? Weil sie diese Millionen für sich gewinnen wollen.

Welche Beweggründe sehen Sie dafür, dass eine solche Menschenmenge auf die Straße geht?


Das Zusammentreffen bestimmter Umstände kann es den Demonstranten ermöglichen, auch die sozialen Unterschichten in ihren Protest einzubeziehen. Dann wird es wirklich gefährlich. Radikales Handeln erfordert eine Struktur, Stoßgruppen, Geld, Kommunikationsmittel, ein Netzwerk. Das alles ist bereits jetzt mehr oder weniger vorhanden. Es fehlt lediglich ein markantes Ereignis, das den Mechanismus in Gang setzt.

Aber die Regierung verfügt doch über durchaus effektive Mittel, um das zu unterbinden.


Diejenigen, die an der Macht sind, verfügen stets über mehr Mittel. Das würde theoretisch bedeuten, dass keine einzige Revolution zustande kommen kann. Revolutionen finden aber nun einmal statt. In den Machtstrukturen selbst können sich Risse bilden, die langsam tiefer werden. Auch jetzt sehe ich Anzeichen für eine solche Destabilisierung und die Fragmentierung der Eliten.

Um was oder wen zentriert sich diese Fragmentierung?


Dmitri Medwedjew hat während seiner Präsidentschaft eine Verjüngung der Elite eingeleitet. Der Aufstieg der jungen Generation musste bei einem Teil der politischen Klasse für Unmut sorgen. Und so ist ein Bruch zwischen den Generationen entstanden. Eine zweite Art der Fragmentierung entstand mit der Etablierung zweier Machtzentren.

Bis jetzt versucht die Regierung vor allem, Proteste zu verhindern und zu unterdrücken.


Die Ordnungshüter wissen, wie man radikale Elemente bekämpft. Aber es bleibt die Frage, was nun folgen soll. Die Probleme, die den Protest ausgelöst haben, bleiben ja weiterhin bestehen. Jetzt gilt es, das System zu modernisieren und so flexibel zu gestalten, dass es auf Herausforderungen reagieren kann. Die Zeit drängt, denn andernfalls droht eine soziale Eruption.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Moskowskije Novosti. 

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