Frankfurter Buchmesse: Russische Literatur bleibt Sorgenkind

Foto: Sergey Savostianov / RG

Foto: Sergey Savostianov / RG

Am 14. Oktober geht mit der Frankfurter Buchmesse die weltweit größte Fachmesse der Branche zu Ende. Russland HEUTE sprach mit der russischen Verlegerin Irina Prochorowa und dem deutschen Verleger Andreas Rötzer darüber, welche Bücher aus Russland heute im Westen gelesen werden und warum diese nach wie vor nicht leicht zu verlegen sind.

Irina Prochorowa,Verlag Nowoje literaturnoje obosrenije

Irina Prochorowa, Verlag Nowoje literaturnoje obosrenije. Foto: ITAR-TASS 

Russland HEUTE: Ist zeitgenössische Literatur aus Russland heute im Westen ein beliebter Lesestoff? 


Irina Prochorowa: Nach der Perestroika ist das Interesse an russischer Literatur im Westen leider deutlich zurückgegangen, aber ganz allmählich nimmt es wieder zu. Vielleicht beginnen jetzt die Bemühungen der Verlagswelt Früchte zu tragen. Es wäre jedoch übertrieben zu behaupten, russische Literatur würde weltweit viel gelesen. Das Interesse an der Kultur, der Literatur oder der Filmkunst eines Landes hängt in hohem Maße von dessen Image ab – ein sehr wichtiger Faktor für die Verlagswelt. Bedauerlicherweise ist das Image Russlands heute eher durchwachsen und im Westen tendenziell sogar negativ.

Ausländische Verleger, denen ich wunderbare Bücher zur Übersetzung vorgeschlagen habe, meinten häufig: „Wissen Sie, für Russland interessiert man sich nicht so sehr, man hört ständig nur von irgendwelchen politischen Skandalen. Wenn überhaupt, dann besteht Interesse an den politischen Persönlichkeiten, aber nicht an der Kultur.“ Und genau gegen diese Einstellung müssen wir vorgehen. Im Westen wird derzeit vor allem kommerzielle Literatur aus Russland nachgefragt, Thriller und Krimis über die russischen Abgründe. Ein Land lässt sich allerdings besser über anspruchsvolle Literatur verstehen. Daher ist es nach wie vor wichtig, auch solche Bücher russischer Autoren auf den Markt zu bringen.

Welche russischen Autoren lassen sich im Westen gut verkaufen?


Die Bücher von Wladimir Sorokin, Wiktor Pelewin und Ljudmila Ulizkaja sind ziemlich gefragt. Es gibt noch eine Reihe anderer Autoren, die einen Literaturpreis bekommen haben und dadurch im Westen bekannt geworden sind. Unser Verlag hat sich lange dafür eingesetzt, die Prosaliteratur von Dmitri Alexandrowitsch Prigow bekannter zu machen. Zwei seiner Romane sind schon in deutscher Sprache erschienen. Wir haben versucht den ausländischen Verlagen zu vermitteln, dass Prigow ein echter Klassiker der russischen Literatur und eine sehr wichtige Figur der russischen Literaturszene ist. So haben wir es in kleinen Schritten geschafft, das Interesse an Prigow zu wecken.

Vor solchen Problemen stehen wir aber nicht nur beim Verlegen zeitgenössischer Literatur. Vor kurzem wurden in Deutschland Warlam Schalamows Werke erstmalig übersetzt. Bis dato war er den deutschen Lesern überhaupt kein Begriff. Eigentlich hatte Alexander Solschenizyn das Thema Strafgefangenenlager quasi für sich gepachtet. Doch der Verlag Matthes & Seitz riskierte es, Schalamow zu verlegen. Und sie haben es sicher nicht bereut: Der erste Band wurde mit einer Auflage von 17 000 Exemplaren verkauft. Nicht schlecht für den Anfang, finde ich.

Wollen Sie damit sagen, dass es im Westen noch nicht genug Übersetzungen russischer klassischer Literatur gibt?


Ja, das auch. In Russland selbst hat noch keine grundsätzliche Revision des Literaturerbes stattgefunden. Wen zählen wir denn außer Lew Tolstoi und Fjodor Dostojewski noch zu unseren Klassikern? Mit der zeitgenössischen Literatur sieht es ganz ähnlich aus. Deshalb haben es die Verleger im Westen so schwer, Bücher russischer Autoren für eine Übersetzung zu finden. Es mangelt an Transparenz, Informationen und ernstzunehmenden öffentlichen Diskussionen. Die Entscheidungen für das eine oder das andere Buch treffen ausländische Verleger daher häufig vollkommen zufällig. Aber das ist alles eine Frage der Zeit.

Ist es ein lukratives Geschäft, russische Bücher im Westen zu verlegen?


Nicht wirklich. Ein Verleger, der einen unbekannten russischen Autor

verlegt, geht ein großes Risiko ein. Wenn wir versuchen unsere Kollegen im Ausland zu überzeugen, die Rechte an einem ernstzunehmenden Text zu erwerben, dann springt dabei auch für uns nichts raus. Es bleibt lediglich die gemeinsame Hoffnung auf ein Wunder: dass das Buch öffentlich wahrgenommen und tatsächlich gelesen wird. Dabei ist die Herausgabe neuer experimenteller Bücher doch wichtig, auch wenn sie vielleicht keinen unmittelbaren kommerziellen Erfolg verspricht. Aber wir arbeiten für die Zukunft.

Hierzu gibt es ein bekanntes Beispiel: Die erste Auflage von James Joyces Ulysses umfasste gerade einmal 150 Exemplare. Ulysses ist das Beispiel eines esoterischen Buches für Eingeweihte, das innerhalb eines Jahres zum internationalen Beststeller wurde. Sehr viele Bücher teilen dieses Schicksal. Es kommt immer wieder vor, dass der Autor eines Buches mit einer eher geringen Auflage erst nach einer gewissen Zeit entdeckt wird. Wenn man solche unbekannten Autoren erst gar nicht verlegt, dann wird sie auch niemand entdecken. Die Verleger sind daher echte Pioniere und gleichzeitig Kritiker und Strategen. Wir versuchen den Geschmack der Leser ein bisschen zu beeinflussen und ihr Interesse an guter und anspruchsvoller Literatur zu wecken.

Lassen sich Bücher russischer Autoren in Deutschland leicht auf den Markt bringen?


Die deutschen Verlage sind bekannt dafür, dass sie sich mehr als Verlage anderer Länder für die Herausgabe von Büchern aus Osteuropa engagieren, Russland eingeschlossen. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass der ganze Themenkomplex des gesellschaftlichen Umbruchs, der Anpassung an neue Strukturen und des Umgangs mit einer autoritären Vergangenheit für die Deutschen nicht so abstrakt ist. Im Gegenteil: Aufgrund ihrer eigenen Geschichte ist ihnen das Thema sehr vertraut und verständlich. Ausländische Kollegen haben mir erzählt, wie sie osteuropäische Neuerscheinungen entdecken: Erscheint ein Buch in deutscher Sprache, interessieren sich schon bald auch andere ausländische Verleger dafür und lassen es in ihre jeweiligen Sprachen übersetzen. Deutschland erweist sich also ein weiteres Mal als Zentrum des internationalen Buchmarktes.

Andreas Rötzer, Verlag Matthes&Seitz

Andreas Rötzer, Verlag Matthes&Seitz

 

Russland HEUTE: Wie populär ist die moderne russische Literatur in West-Europa und vor allem in Deutschland?

 

Andreas Rötzer: Von Popularität kann man, fürchte ich, nicht sprechen. Die übersetzten russischen Autoren sind nicht gerade zahlreich und bilden zwangsläufig nur einen Bruchteil der unüberschaubaren russischsprachigen Literatur ab. Die Verkaufszahlen halten sich in Grenzen und selbst Stars wie Sorokin oder Schischkin erreichen in Deutschland nicht die Auflagenzahlen von angloamerikanischen Autoren gleicher Bedeutung. Etwas besser scheint mir die Situation in Österreich, Schweiz und Frankreich zu sein - aus jeweils anderen historischen Gründen.

Werke von welchen russischen Autoren verkaufen sich in Deutschland am besten? Wieso?

Vermutlich die Klassiker wie Tolstoj oder Dostojewski, hin und wieder Schalamow, Tschechow oder Bunin. Warum liest man Klassiker? Weil sie so außerordentlich sind und das Risiko, von neuen Autoren enttäuscht zu werden, zu groß ist. Hinzu kommt die Angst vor dem heutigen Russland. Die ganze Berichterstattung über Russland ist auf den Grusel programmiert, den Putin und Co. garantieren.

Welche Werke wurden lange Zeit sehr gut verkauft, jetzt aber nicht mehr?

Da kann ich nur raten: Solschenizin? Zu Recht: Es gibt ja jetzt Schalamow auf Deutsch zu lesen.

Was macht einen Autor aus Russland für Verleger und Leser interessant? Muss er ein Oppositioneller sein, um in Deutschland Erfolg zu haben?

Ehrlich gesagt kenne ich keinen lebenden russischen Autoren oder

Intellektuellen, der nicht in Opposition zur Regierung ist. Spannend ist doch erst die Frage, welcher Opposition er angehört. Zakhar Prilepin beispielsweise, der bisher politisch unkorrekteste russische Gegenwartsautor in deutscher Übersetzung, der nun mit seinem furiosen Roman "Sankya" endlich auch auf Deutsch zu lesen ist, erscheint erst in diesen Tagen. In Russland und Ländern wie Frankreich ein gefeierter Autor, muss er sich in Deutschland als großer Autor erst noch beweisen und die Verwirrung, die von seiner Mitgliedschaft in der Nationalbolschwistischen Partei Limonows ausgeht, auflösen.

Wie wird moderne russische Literatur in Deutschland wahrgenommen? Was für ein Bild hat sie im Bewusstsein der Deutschen?

 

Ich glaube, man hält sie für bedeutend aber schwierig, die Lebensumstände in Russland vermutet man als zu hart, als dass daraus unterhaltende Literatur entstehen könnte. Das ist eine denkbar ungünstige Situation für Popularität.

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