Im Briefwechsel mit Chodorkowski

Journalistin Natalija Geworkjan. Foto: Kommersant

Journalistin Natalija Geworkjan. Foto: Kommersant

Natalija Geworkjan, 1956 in Moskau geboren, arbeitet seit 1996 für die angesehene russische Tageszeitung Kommersant. Im Jahr 2000 hat sie mit Kollegen das Buch „Aus erster Hand. Gespräche mit Wladimir Putin“ veröffentlicht. Im Herbst 2012 erscheint in Deutschland „Mein Weg“, diesmal in Zusammenarbeit mit Michail Chodorkowski.

Ihr Buch haben Sie mit Michail Chodorkowski gemeinsam geschrieben. Wie muss man sich das vorstellen?

Chodorkowski und ich haben jeweils verschiedene Kapitel zu dem Buch beigetragen, wobei ich mich bemüht habe, in meinen Kapiteln nicht zu wiederholen, was bereits in seinen Kapiteln stand. Das war ein langer und schwieriger Briefwechsel. Wenn ich das Gefühl hatte, dass er etwas vergessen hat oder sich ungern an etwas erinnerte, schickte ich ihm zusätzliche Fragen. In aller Regel ergänzte er daraufhin seinen Text. Meine Kapitel allerdings sprechen mit vielen Stimmen – mit denen der Aktionäre, der Journalisten, der Experten.

Wie war es, einen Menschen zu kontaktieren, der in einem russischen Gefängnis sitzt, während Sie in Paris leben?

Nun, ich habe ziemlich viel Zeit in Russland verbracht, während ich das Buch schrieb. Ich saß fast die gesamte zweite Verhandlung im Gerichtssaal. Ehrlich gesagt vergaß ich oft, dass er ein Gefängnisinsasse ist. Nur wenn ich mich darüber ärgerte, dass er an manchen Stellen nicht offen genug sprach oder dass ich lange Zeit keine Antwort von ihm bekam, erinnerte ich mich daran, unter welch schwierigen Umständen er an diesem Buch arbeitet. Ich kann bis heute nicht begreifen, wie er die Zeit dazu fand … Zuerst war es die Gerichtsverhandlung, die seine gesamte Zeit beanspruchte, dann der Knast, wo er auch arbeiten musste und ganz wenig Zeit für sich hatte. Chodorkowski ist ein starker Mensch und ein starker Gesprächspartner, darum vergaß ich oft, Rücksicht zu nehmen. Vielleicht umso besser. Manchmal frage ich mich, wie dieses Buch geworden wäre, wenn wir uns gegenüber gesessen und miteinander gesprochen hätten, wie damals mit Putin.

Glauben Sie an eine politische Zukunft von Chodorkowski? An seine besondere Mission?

Ich weiß nicht, welche Wahl er treffen wird. Im Allgemeinen bin ich eher skeptisch gegenüber Menschen, die Politik als ihre Mission betrachten. Ich bezweifele, dass er ein solcher Mensch ist. Am Ende des Buches habe ich geschrieben, dass seit neun Jahren ein Mensch im Gefängnis sitzt, den keiner von uns kennt. Weder ich noch seine besten Freunde. Vielleicht versteht ihn heute nur noch sein engster Familienkreis, seine Frau. Seine Persönlichkeit ist so beschaffen, dass er seine Ziele erreichen wird – unabhängig davon, was er nach der Haftentlassung anfängt.

Vor einigen Jahren hatten Sie mehrfach die Gelegenheit, Wladimir

„Mein Weg: Ein politisches Bekenntnis“.

Von Michail Chodorkowski und Natalija

Geworkjan. Aus dem Russischen von

Steffen Beilich. DVA Sachbuch 2012

Putin aus nächster Nähe zu beobachten. Putin und Chodorkowski – was haben sie gemeinsam, was unterscheidet sie? Steht Russland heute ganz im Zeichen dieser Kontroverse?

Ich möchte sie nicht miteinander vergleichen. Sicherlich haben sie etwas gemeinsam. Zumindest das Geschlecht. Ganz bestimmt sind sie sehr unterschiedlich. Menschlich ist Chodorkowski für mich eine weitaus größere Figur. Putin, so schien es mir von Anfang an, ist ein viel zu kleiner Mensch, mit einer Reihe von Persönlichkeitsmerkmalen, die schlicht und einfach schädlich sind für das Amt, welches er ausübt. Ein Präsident sollte im Idealfall weder nachtragend noch rachsüchtig sein. Das ist schadenbringend für das Land. Mit dem Beginn der Rivalität zwischen Chodorkowski und Putin begann tatsächlich eine Epoche, die man mittlerweile als die putinsche bezeichnet.

Und ja, vieles von dem, was in Russland seit 2003 geschah, kann ausgehend von der Festnahme der Yukos-Leute und vom Zugrunderichten des Konzerns nachvollzogen werden.

Warum erkennt die heutige Protestbewegung Chodorkowski nicht als politischen Führer an? Auch in dem sich gerade formierenden oppositionellen Koordinationsrat wird auf Chodorkowski wohl kaum ein Stuhl warten – auch nicht symbolisch ...

Vielleicht denken die führenden Oppositionellen gar nicht daran? Oder sie betrachten Chodorkowski mit Besorgnis, um nicht zu sagen mit Neid. Meiner Ansicht nach ist er auf intellektueller Ebene allen überlegen, die man heute als Oppositionsführer bezeichnet.

Was hat Sie dazu bewogen, das Buch zu schreiben?

Kurz gesagt: die Komplexität der Aufgabe.

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