Aljoscha Karamasow und die Band Pussy Riot

Sachar Prilepin, in 14 Sprachen übersetzt und einer der wichtigsten Gegenwartsautoren Russlands, verzweifelt über die Ignoranz der westlichen Leser gegenüber seinem Land.

Die russische Gegenwartsliteratur im Westen

Bild: Natalia Michajlenko

Ganz allgemein gesagt: Die russische Gegenwartsliteratur als Erbin der klassischen russischen Literaturtradition ist in Europa und Übersee gar nicht existent. Vor Kurzem veröffentlichte Die Zeit eine Liste. Sie enthält die in den Nachkriegsjahrzehnten entstandenen Texte, die zusammengenommen den „europäischen Literaturkanon“ bilden. Zu diesem Kanon zählt Gott weiß wer, Russland ist allerdings mit ganzen zwei Texten vertreten: Alexander Solschenizyns „Archipel Gulag“ und „Doktor Schiwago“ von Boris Pasternak. Zwei Werke, die, gelinde gesagt, nicht neu und zudem, wie ich meine, in keiner Weise tonangebend für die russische Literatur der jüngsten Vergangenheit sind.

Russische Gegenwartsautoren interessieren ausländische Leser nur am Rande. Wie überhaupt ganz Russland als langweilige, nur eben sehr große Peripherie wahrgenommen wird. Da hat es irgendwann einmal die schreckliche Sowjetunion gegeben. Dann kam der gute Gorbatschow (den, wie anzumerken ist, in Russland 99 Prozent der Bevölkerung hassen), danach der ewig betrunkene, aber nicht schlechte Jelzin (den neun von zehn Bürgern Russlands ebenfalls verachten). Jetzt gibt es dort Putin, der Deutsch spricht und so tut, als sei er sehr grimmig (was in Wirklichkeit natürlich nicht stimmt).

Jedenfalls steht Russland, was das Interesse für seine Kultur anbelangt, heute auf einer Stufe mit irgendeinem unbekannten afrikanischen Land.

Bezeichnend ist in dieser Hinsicht das Phänomen des Schriftstellers Nicolai Lilin. Die aus Lilins Feder stammenden Werke sind zwar nach der Menge der darin enthaltenen Dummheiten und Lügen kaum zu toppen, wurden jedoch im Westen begeistert aufgenommen und avancierten zu Bestsellern. Ohne jemals in Tschetschenien oder in der sibirischen Verbannung gewesen zu sein, fabuliert Lilin wie Baron Münchhausen drauflos – und alle oder fast alle glauben seine Flunkereien. Hollywood will das Ganze sogar verfilmen! Ja habt ihr denn völlig den Verstand verloren dort drüben?

Auch von Russland aus schaut man hingerissen auf Lilins Aufstieg. Immerhin entspricht er russischen „Literaturtraditionen“. In Gogols „Revisor“ treibt ein Chlestakow als falscher Revisor sein Unwesen, und in den Romanen von Ilja Ilf und Jewgeni Petrow agiert ein gerissener Ostap Bender. Beides Emporkömmlinge, die den einfältigen russischen Staatsdienern und den sowjetischen Bürokraten Bären aufbinden. Nur dass jetzt gutgläubige westliche Leser die Rolle der Gelackmeierten übernehmen.

Russland mag ein unzivilisiertes Land sein, aber – mein Ehrenwort! – es ist undenkbar, dass dort ein Roman erscheint, in dem ein deutscher Gegenwartsautor beschreibt, wie sich ein Trupp greiser SS-Leute samt Kindern und Enkeln in den Wäldern rund um Berlin versteckt hält und – zu Wagner-Musik, Blechtrommelgetöse sowie der Rezitation von Ernst-Jünger-Texten – vorbeifahrende Züge ausraubt – und sämtliche russische Leser würden glauben, das sei wahr. Die Verleger schrieben im Klappentext: „Das sind die Kinder des Steppenwolfs, das Werk ist eindrucksvoller als Goethes ‚Faust‘.“ Alle würden den Bluff durchschauen. Aber in Europa geht auch so etwas durch. Die größte Popularität erlangen oft aufgebauschte Spintisierereien, die in Russland kein Mensch liest. Die Beobachtung der westlichen Buchindustrie und der Präsenz der russischen Literatur im Westen hat mir eine gewisse Vorstellung vermittelt, wie man den breiten Massen einen Schriftsteller aus Russland schmackhaft machen muss.

Ganz gleich welches Thema – auf dem Einband sollte unbedingt stehen: „Hier schreibt ein Sohn Aljoscha Karamasows.“ Oder: „Wir haben es mit einem Bruder der Pussy-Riot-Musikerinnen zu tun.“ Oder: „Anna Politkowskaja hat dieses Werk geliebt.“

Der Erfolg des Buches ist damit nicht garantiert, doch der Blick von Hunderten Lesern bleibt todsicher am Umschlag hängen, und Sie werden blättern auf der Suche danach, wo denn nun etwas über Pussy Riot steht oder beschrieben wird, wie Putin Politkowskaja umgebracht hat. Selbst auf die Gefahr hin, Sie zu enttäuschen, muss ich Einiges klarstellen. Politkowsaja war eine geniale Frau, wir haben bei derselben Zeitung gearbeitet, uns jedoch nicht besonders gut gekannt. Ihren Tod habe ich als persönliche Tragödie empfunden. Politkowskaja fehlt Russland sehr. Sie hat die Messlatte der Redlichkeit und Kompromisslosigkeit fast unerreichbar hoch gelegt. Aber die Bedeutung, die der Westen ihr beimisst, entspricht nicht ihrer Wahrnehmung in Russland. Für die meisten Bürger sind ihr Name und ihre Rolle nicht maßgeblich.

Der Fall Pussy Riot

Es ist nur dann Russland, wenn es den Stereotypen entspricht. Wie im Hollywood-Klassiker „Brüder Karamazov“. Bild: Kinopoisk

Noch trauriger ist der Fall Pussy Riot. Was ich dazu zu sagen habe, wird Sie noch mehr enttäuschen. Die Mehrheit der Bürger Russlands ist sich der Unverhältnismäßigkeit zwischen Tat und Strafe bewusst, betrachtet die Handlung der drei Frauen aber als ethisch und ästhetisch schlicht ungeheuerlich. Für uns in Russland ist klar, dass Aljoscha Karamasow und die Band Pussy Riot zwei völlig verschiedene Pole der Weltwahrnehmung darstellen.

Bei Dostojewski figuriert ein Protagonist namens Smerdjakow, ein illegitimer Bruder der Karamasows. Sollten Sie das Sujet des Romans noch nicht vergessen haben, denken Sie ein wenig über diese Gestalt nach. Vielleicht verdeutlicht Ihnen das Etliches an der heutigen Lage in Russland.

Die russische Literatur wird heute von apokalyptischen Vorahnungen heimgesucht, gleichzeitig befindet sie sich auf der Suche nach der fast verlorenen Tradition. Sowohl der russische Leser als auch der russische Schriftsteller sind die unaufhörlichen, jahrelangen Verunglimpfungen und Schmähungen, die niederträchtige Narretei und fortwährende Spöttelei leid. Die öffentliche Vorführung der nationalen Eiterbeulen dreht einem das Innerste um. Die Blumen des Bösen erfreuen niemanden mehr, ihr Geruch ist allen zuwider. Die Ästhetik der Zersetzung hat ihre Faszination verloren.

Aber war sie denn für Alexander Puschkin, Lew Tolstoi oder Anton Tschechow jemals faszinierend?

Der westliche Leser hat die russische Literatur ins Herz geschlossen wegen ihrer ebenso unerklärlichen wie unerschütterlichen Empfänglichkeit für die Präsenz des Göttlichen in der Welt, wegen ihrer idealistischen Grundhaltung, frei von Dogmatik und Belehrung, wegen ihrer festen Vorstellungen von Gut und Böse. Jeder große russische Schriftsteller ist konservativ, neigt oft nicht zu übermäßiger Toleranz, gebärdet sich schroff. Aber das gilt nicht allein für uns Russen. Gerade habe ich in einem Brief meines Lieblingsautors Thomas Mann die Worte gelesen, es liege etwas Klägliches in der Selbstgeißelung und der Verneinung der deutschen Größe. Dies möchte ich auf das heutige Russland übertragen wissen.

Nun lässt sich wahrscheinlich nicht mehr vermeiden, einige konkrete Namen anzuführen, damit mir niemand vorwirft, ich bleibe in unserem Gespräch über die Literatur zu allgemein. Es gibt etliche Autoren, die von der großen russischen Sprache und Literatur beflügelt sind. Es gibt hervorragende Arbeiten einer ganzen Autorenplejade aus der Generation der Vierzigjährigen. Michail Tarkowski mit seinen sibirischen Novellen. Alexander Terechow, von dem der bedeutende Roman „Kamenny most“ (Die steinerne Brücke) stammt. Alexej Iwanow mit seinem nicht minder bedeutenden Werk „Bluda i MUDO“. Dmitri Bykow, der die epochalen Romane „Oprawdanije“ (Die Rechtfertigung) und „Ostromow“ vorlegte, oder Alexander Kusnezow-Tuljanin mit seiner unbestritten klassischen Saga „Jasytschnik“ (Der Heide).

Meister des Wortes aus der älteren Generation wie etwa Andrej Bitow, Valentin Rasputin oder Eduard Limonow könnten den Literaturnobelpreis für sich beanspruchen. Doch wie heißt es so schön in Russland: „Klar würde er was essen, aber wer gibt ihm schon was.“

Es hat sich historisch ergeben, dass die russische Literatur in Gemeinschaft mit der großen und finsteren russischen Staatlichkeit nach Europa gelangt ist. Zuerst die Kosaken in Paris, die Teilungen Polens, des „Gendarms Europas“, darauf folgten Dostojewski und Turgenjew. Danach die Russen im Kosmos, der Gulag, sowjetische Panzer in Ungarn, danach wieder Bulgakow und Scholochow.

Ich würde mir wünschen, dass wir endlich ohne Panzer und Kosaken auskommen. Dass wir einander einfach deshalb lesen, weil wir gute Beziehungen zueinander pflegen und keine schlechten Bücher schreiben.

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland