„Doktor Schiwago“, „Doktor Schiwago“ und nichts anderes

Literaturagenten, Lektoren und Übersetzer über das Verständnis der russischen Literatur in Deutschland und den idealen russischen Roman, den auch ein Deutscher verstehen würde.

Welche russischen Autoren werden im Westen übersetz?

Welche russischen Autoren werden im Westen übersetz?

Julia Gumen, Mitgesellschafterin der Literaturagentur Banke, Gumen & Smirnowa

Von der russischen Literatur erwartet man Wodka, Bären und Matrjoschkas im literarischen Sinne, zum Beispiel den brutalen Alltag. Die Verleger erklären ganz offen: „Wir wollen, dass im Roman jemand ermordet wird, dass alles knallhart und grausam ist.“ Es ist klar, dass die Russen selbst zu diesem Klischee beitragen.

Die Verleger im Westen wollen ständig irgendwelchen Anti-Putin-Stoff. Man braucht lediglich die Augen zu verdrehen und konspirativ zu zwinkern: „Schaut euch diesen Roman nur an! Da geht es um die Strippenzieher. Ihr versteht schon, das steht natürlich zwischen den Zeilen.“ Und die Verleger reiben sich die Hände und sagen: „Ja, ja! Das wollen wir haben!“ Abgesehen davon sind aber auch Michail Schischkin, Marina Stepnowa und Anja Starobinez sehr erfolgreich. Schischkin geht einfach fantastisch! Meine Kollegin hat „Das Venushaar“ in dreißig Sprachen verkauft, auch in Färöisch.

Der Buchmarkt ist klar strukturiert – der Verlag, der Kriminalromane herausbringt, hat sein Regal in der Buchhandlung und kann dort keine Liebesromane verkaufen. Und mit dem Angebot aus Russland ist es auch so eine Sache, weil dort keine Tradition des Gattungsromans existiert.Die Autoren mögen es nicht oder sind einfach nicht in der Lage, klare Kriterien einzuhalten, so wie es die westlichen Verleger und Leser erwarten.

Unterm Strich wissen die Verleger, dass sie aus Russland undurchsichtige, gattungsmäßig schwer einzuordnende Romane bekommen – mit einer Unzahl Helden, deren Namen sich niemand merken kann. Der Leser ist bei Dostojewski davon total begeistert, aber wenn er in einem zeitgenössischen Text erst eine Seite zurückblättern muss, um zu verstehen, wer denn dieser Pawel Ignatjewitsch war und in welcher Beziehung er zu Ilja Konstantinowitsch steht, ist es aus – der Roman hat keine Chance.

Thomas Wiedling, Mitbegründer der deutschen Literaturagentur Nibbe & Wiedling

Unsere Politik ist es, Autoren vorzustellen, die über die Gegenwart schreiben. Sentschin, der recht pessimistisch auf die Situation in der Provinz schaut, Prilepin, von dem man überraschende politische Aussagen erwartet. Eigentlich wollte anfangs Prilepin keiner so richtig verlegen, weil ihn alle für einen Extremisten hielten, und es kostete uns große Mühe, das Projekt durchzusetzen. Und Eduard Limonow, zum Beispiel, gilt vielen eher als Politiker, denn als Schriftsteller. Niemand mag so recht seinen jüngsten Roman „W Syrach“ (Alles in Käse) über die Beziehung zu seiner Ehefrau übersetzen. Dabei ist es Limonow wert, übersetzt zu werden – er schreibt besser als viele andere, aber sein politisches Schicksal überschattet sein literarisches.

Unterm Strich werden nahezu 90 Prozent aller Übersetzungen, die in Deutschland veröffentlicht werden, aus dem Englischen angefertigt. Die übrigen zehn Prozent teilen sich auf alle anderen Sprachen der Welt auf. Auf das Russische entfällt in etwa ein Prozent. Das ist gar nicht einmal so wenig – der Anteil der Übersetzungen aus dem Französischen ist ungefähr genauso hoch.

Marlies Juhnke, Verlagslektorin für russische und englische Literatur im Berliner Aufbau Verlag


Wir bemühen uns, nur das zu veröffentlichen, worauf die deutschen Journalisten reagieren – ohne Unterstützung der Zeitungen und des Internets können wir die Auflage nicht realisieren. Aber die Journalisten äußern sich im Wesentlichen nur zu politisch brisanten Büchern, zum Beispiel zu dem Roman von Oleg Kaschin „Es geht voran“. Na, und der Leser hört zuerst Radio oder schaut fern, und wenn er in den Nachrichten etwas über Russland mitbekommt, denkt er sich: Darüber sollte ich vielleicht einmal etwas lesen.

Non-Fiction-Literatur und Sachbücher – was wird gern übersetz?

Non-Fiction-Literatur und Sachbücher – was wird gern übersetz?

Thomas Wiedling

Leider wird ein amerikanischer Journalist, der ein Buch über Russland schreibt, viel lieber veröffentlicht, als ein russischer. Er muss nicht einmal ein Fachmann auf diesem Gebiet sein, aber das Vertrauen zu seinem Wissen und der Weise, wie er dieses darlegt, wird in jedem Falle größer sein. Zumal der amerikanische Stil der nonchalanten, oberflächlichen Bearbeitung eines Themas beliebtеr ist als der etwas tiefgründige und komplizierte russische Stil.

Gabriele Leupold, Übersetzerin, u.a. der Werke von Warlam Schalamow und Andrej Belyj


Russische Autoren schreiben anders, als es die Deutschen gewöhnt sind, deshalb sind 60 Prozent der in Deutschland erschienenen Non-Fiction über Russland Übersetzungen aus dem Englischen und nur ganz wenige aus dem Russischen.

So veröffentlichten zum Beispiel der deutsche Journalist Gerd Ruge sein „Sibirisches Tagebuch“ und der Pole Mariusz Wilk seine Dokumentation über das Leben auf der Strafgefangeneninsel Solowki („Wilczy notes“). Es gibt eine ganze Reihe sehr populärer Bücher über Russland von deutschen Journalisten, die eine Zeit lang in Moskau gelebt haben.

Erinnern Sie sich noch an dieses Buch über die Einsiedlerin in der Taiga? Vor Kurzem hat sich der deutsche Journalist Jens Mühling mit eben jener Agafja Lykowa getroffen und auch über sie geschrieben. Das entspricht wahrscheinlich den Stereotypen von Russland: Taiga, Wald, Einöde, Wildheit. In westlichen Ländern denken die Menschen, dass es weiter im Osten wilder und barbarischer zugeht als bei ihnen, und es macht ihnen Spaß, darüber zu lesen.

Im September ist in Deutschland Wassili Golowanows halbdokumentarischer Roman „Ostrow“ (Die Insel) über die Insel Kolgujew erschienen. Auch das gehört zum Klischee: rauhe Lebensbedingungen, Ethnografie plus die Suche nach dem Ich.

Natascha Perowa, Cheflektorin des Verlags Glas, der russische Literatur in Englisch herausgibt und international anbietet


Es gab einmal in Europa eine Phase, da waren Bücher über China, die von im Ausland lebenden Chinesen geschrieben wurden, sehr beliebt. Das Gleiche ist mit Russland passiert. Nach der Perestroika begriffen die Verleger, dass es viel besser ist, Bücher herauszubringen, die nicht von, sondern über Russen geschrieben sind. Eine auf solche Art angepasste russische Wirklichkeit lässt sich erfolgreicher verkaufen.

Welche Bücher waren beliebt und welche sind aus der Mode gekommen?

Welche Bücher waren beliebt und welche sind aus der Mode gekommen?

Julia Gumen

Der Trend auf dem Buchmarkt ändert sich alle halbe Jahre. Es gab mal eine Zeit, da kamen alle angelaufen und verlangten: „Gebt mir einen Tschetschenen-Roman! So was wie Turgenjew, aber in Tschetschenien.“ Damals kam „Asan“ (Benzinkönig) von Makanin heraus – man hatte den Eindruck, dass er das Buch mit Blick auf die Leser im Westen geschrieben hat.

Natascha Perowa

Zu Sowjetzeiten wurde russische Literatur – besonders antisowjetische – in großen Auflagen und für sehr hohe Honorare im Westen herausgegeben. Noch zu Beginn der 90er-Jahre kamen die Verleger zu uns und fragten: „Und wer wird der neue Tolstoi oder Dostojewski?“ Aber als ich ihnen dann unbekannte Namen nannte, zeigte sich, dass alle nur auf die prominenten Autoren schielten und ihrer eigenen Meinung nicht vertrauten. Die Textqualität spielt absolut keine Rolle.

Wie sieht für Sie das ideale Buch eines russischen Schriftstellers aus?

Wie sieht für Sie das ideale Buch eines russischen Schriftstellers aus?

Julia Gumen

Ein Roman, der auf einem hohen künstlerischen Niveau geschrieben ist, eine interessante Story hat und dessen Handlung im zeitgenössischen Russland angesiedelt ist – so etwas verkaufe ich ohne Probleme.

Familiensagas sind auf dem Literaturmarkt immer angesagt: 20. Jahrhundert, drei Generationen, ein klassischer Sprachstil … Wir können uns an „Lasars Frauen“, Marina Stepnowas neustem Roman, gar nicht genug erfreuen. Er erfüllt alle Erwartungen und verkauft sich sehr gut. Unlängst wurde ich einmal gefragt, ob ich denn nicht mit einem qualitativ hochwertigen Frauenliebesroman aufwarten könne. Ich war etwas konsterniert, weil es in Russland so etwas nicht gibt. Über die Gesellschaft, über Politik – kein Problem. Aber über die Liebe wird derart geschrieben, dass man das sogar mithilfe einer sensiblen Übersetzung nicht ausbügeln kann. Kommerziellen Trash gibt es in Europa schon zur Genüge – so etwas zu übersetzen ist wirtschaftlich nicht rentabel.

Thomas Wiedling

Der ideale russische Roman ist „Doktor Schiwago“ in einer zeitgenössischen Ausführung. Pasternak wird bis heute noch verlegt, in Italien und Deutschland sind vor Kurzem neue Übersetzungen erschienen. Das ist ein Roman über die menschlichen Grundwerte, und deshalb wird er wohl ewig populär sein. Haben Sie bemerkt, wie sich alle Welt auf die schwedischen Romane gestürzt hat, als Stig Larsson aufkam? Wenn es uns Agenten gelänge, einen neuen „Doktor Schiwago“ zu finden, wäre das das Zugpferd, das die gesamte russische Literatur hinter sich herziehen würde.

Natascha Perowa

Ein jedes Buch, das mit Talent geschrieben ist und allgemeinmenschliche Themen behandelt: Leben, Tod, Liebe, familiäre Beziehungen.

Welche russischen Schriftsteller könnten interessant sein? Realistisch betrachtet – kein einziger. Auf der Welt wartet man nicht auf russische Literatur, so wie man auch nicht auf irgendwelche andere Literatur wartet. Aber ich habe den starken Eindruck, dass man etwas unternehmen muss, damit die Menschen in anderen Ländern mehr über unsere Kultur erfahren und uns nicht länger für Bären halten.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei openspace.ru

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