Humor aus Russland? Dass ich nicht lache!

 Grigori Oster schrieb sich mit den „Schädlichen Ratschlägen" in die Herzen der russischen Kinder. Deutschen Verlagen war er bislang zu „antiautoritär". Foto: PhotoXPress.

Grigori Oster schrieb sich mit den „Schädlichen Ratschlägen" in die Herzen der russischen Kinder. Deutschen Verlagen war er bislang zu „antiautoritär". Foto: PhotoXPress.

Millionen russischer Kinder lieben die frechen Bücher von Grigori Oster. Doch der deutsche Buchmarkt tut sich schwer.

Es war bei der Moskauer Internationalen Buchmesse 1989 auf dem Höhepunkt der Glasnost. Dem kleinen englischen Verlag, dem ich als Übersetzer aushalf, wurde ein humorvolles Kinderbuch angeboten, kurze Gedichte mit bizarren Illustrationen. „Schädliche Ratschläge" sollte das Buch heißen und im Untertitel „Ein Buch für ungezogene Kinder und ihre Eltern". Die Philosophie: Weil Kinder immer das Gegenteil von dem tun, was man ihnen sagt, muss man das Falsche anordnen, damit sie das Richtige tun.

Der Autor Grigori Oster reimte groteske Anleitungen zum Bösesein: „Wenn in deiner Hosentasche sich kein einziger Rubel findt, greif dem Nachbarn in die Tasche, denn da liegt das Geld bestimmt." Ins Programm des Verlages passte das Buch nicht, doch ich gab das außergewöhnliche Manuskript ungern aus der Hand. Aber nicht nur für London, auch für Moskau waren die „Schädlichen Ratschläge" ihrer Zeit voraus.

Ein Buch namens „Vrednye Sovety", was sich auch als „Schädliche

Sowjets" lesen ließ, konnte in der Sowjetunion nicht gedruckt werden. Erst 1993 erschien Osters Buch in Russland und wurde zu einem Klassiker der Kinderliteratur. Zwar deutete der ein oder andere ironieresistente Bürger Zeilen wie „Zerschlagt Glühbirnen in den Treppenhäusern, man wird es euch danken!" tatsächlich als Anstiftung zum Hooliganismus. Aber die meisten hatten ihren Spaß an dem Buch, das nicht mehr autoritär daherkam, sondern frech war und Kinder als Kinder ernst nahm.

Grigori Benzionowitsch Oster, Jahrgang 1947, hatte bis dahin schon eine Karriere als Drehbuchautor von 70 Zeichentrickfilmen und Kindertheaterstücken hinter sich. Auf die „Schädlichen Ratschläge" folgten die Bände zwei und drei. Dazu erfand der Schriftsteller neue Wissenschaften für Kinder wie die „Papaundmamalogie", „Lügeratur" oder „Engzösisch".

Mit seinen Parodien auf Mathe- oder Physiklehrbücher ließ es sich gut lernen. Die Aufgaben waren skurril, aber immer korrekt. „12 Tassen und 9 Untertassen hatten wir zu Hause. Dann haben die Kinder die Hälfte der Tassen und 7 Untertassen zerdeppert. Wie viele Tassen haben jetzt keine Untertasse mehr?"

Eine „Impfung gegen die Dummheit" nannte er seine Bücher, als ich ihn 2002 interviewte. Das ostersche Buchimperium wuchs unaufhörlich. Seine Werke wurden in allen möglichen Zusammenstellungen veröffentlicht (was ihnen nicht immer gut tat), bis sie im Moskauer „Dom Knigi", Russlands größtem Buchladen, ein ganzes Regal einnahmen.

Für den Kreml schuf Oster eine Website, die Kindern die Grundzüge politischer Bildung nahebrachte. Wie immer Wladimir Putin sich selbst einschätzen mochte, für die Familie stellte Oster klar: Bei Kindern hat Mama mehr zu sagen als der Präsident.

Humor zählt zu den unerschöpflichen Naturschätzen Russlands – nur bedarf sein Import größerer gedanklicher Vorarbeit als der von Gas und Erdöl. Foto: Verlag Malysch.


Ich habe es immer bedauert, dass deutschen Kindern der Spaß an Osters Büchern vorenthalten wird. Er ist ins Englische, Französische, Finnische, Japanische und in andere Sprachen übersetzt worden, aber kaum ins Deutsche. Woran liegt das? Die Frage beschäftigt nicht nur mich, sondern auch andere Fans.

Auf der Frankfurter Buchmesse 2003 gehörte Oster zur „literarischen Nationalmannschaft" von 100 Autoren, die offiziell das Gastland Russland vertraten. Ich bin mit ihm einige Kinderbuchverlage abgelaufen, um zu sehen, ob Interesse besteht. Vielleicht war ich als Laienliteraturagent ungeeignet, jedenfalls gab es nur Ablehnungen. Eine Begründung lautete: Antiautoritäre Bücher seien in Deutschland mittlerweile altmodisch. Schade.

Aber was ist altmodisch an einem guten Kinderbuch? Liegt es vielleicht an mangelnder politischer Korrektheit? In Osters Büchern dürfen Kinder mit Waffen spielen. Und Eltern züchtigen ihre Kinder noch mit dem Riemen – obwohl das Schreckbild des Vaters genauso maßlose ironische Übertreibung ist wie die Aufforderung zum Glühbirnenzerschlagen.

Oder ist die russische Lebenswirklichkeit deutschen Kindern zu fremd? Das kann nicht sein. Kinder- und Jugendbücher auf dem deutschen Markt spielen in Schweden, den Niederlanden, in den USA, in Asien oder Afrika – warum also nicht auch in Russland?

In jüngster Zeit hat verdienstvollerweise der Wiener Verlag Edition Liaunigg begonnen, Oster auf Deutsch herauszubringen. Zunächst

erschien 2010 das Mathematiklehrbuch „Zadatschnik" als „101 Lustige Matheaufgaben" in zwei Bänden, 2011 „Petka die Mikrobe". Die Übersetzungen sind korrekt und für Kinder gut lesbar. Und trotzdem bleibt der Eindruck, dass Osters Stil auf Russisch bei aller Simplizität noch eleganter ist, noch mehr schwingt und funkelt. Es wäre bestimmt noch mehr davon ins Deutsche übertragbar, aber es müsste sich die erste Garde der Übersetzer der Sache annehmen. An Osters Humor kann das Desinteresse der deutschen Kinderbuchverlage eigentlich nicht liegen. Schräger Humor, absurd, makaber, albern läuft doch eigentlich immer. Oder wird er nur geschätzt, wenn er aus dem Angelsächsischen kommt? Nun kommt dieser Humor aus dem Osten, und von dort erwarten wir ihn vielleicht nicht.

Dabei zählt Humor zu den unerschöpflichen Naturschätzen Russlands – nur bedarf sein Import größerer gedanklicher Vorarbeit als der von Gas und Öl. Für den deutschen Leser muss es scheinen, als habe nach Anton Tschechow, nach Ilf/Petrow und Michail Soschtschenko kaum ein Russe mehr etwa Komisches geschrieben. Dabei ist es nur nicht übersetzt worden.

Friedemann Kohler ist Historiker mit dem Schwerpunkt Osteuropa. Er war zwölf Jahre lang Korrespondent der dpa in Kiew und Moskau. Seit 2007 ist er dpa-Büroleiter in Wiesbaden. 

Dieser Beitrag erschien zuerst bei friedemannkohler.wordpress.com.

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