Beim Häuten der Zeit: Grass zum 85. Geburtstag

Die  Werke von Günter Grass zeichnen sich vor allem durch die Unmittelbarkeit und Frische der Rezeption.  Foto: ITAR-TASS.

Die Werke von Günter Grass zeichnen sich vor allem durch die Unmittelbarkeit und Frische der Rezeption. Foto: ITAR-TASS.

Der Roman „Die Blechtrommel“, der dem jungen Schriftsteller Günter Grass Weltruhm eintrug, erschien auf Russisch erst 40 Jahre nach seiner Veröffentlichung in Deutschland.

Erst 1997 fand die „Blechtrommel" mit den anderen Teilen der „Danziger Trilogie" ihren Weg zu den russischen Lesern.

Die 1961 entstandene Novelle „Katz und Maus" bildete den Ausgangspunkt für die Probleme, die Günter Grass mit sowjetischen Veröffentlichungen hatte. Die populäre Monatszeitschrift Inostrannaja literatura (Ausländische Literatur) druckte den Text in der Maiausgabe des Jahres 1968.

Grass konnte insofern von Glück reden, als bereits kurze Zeit später überhaupt keine Veröffentlichung mehr möglich gewesen wäre, da seine Werke in der Sowjetunion verboten wurden. Insbesondere deshalb, weil Grass die Besetzung der Tschechoslowakei durch sowjetische Truppen scharf verurteilte.

Und die Episode, an der auch die deutschen Kritiker den größten Anstoß genommen hatten, verschwand in der russischen Übersetzung ganz einfach, darüber hinaus gab es Dutzende punktueller Kürzungen. Grass zeigte sich unzufrieden und erhob öffentlich Protest gegen die Eingriffe der Zensur, womit er den sowjetischen Herausgebern für lange Zeit die Lust nahm, gegebenenfalls einen internationalen Skandal zu riskieren.

Der Schriftsteller besuchte die Sowjetunion erstmals im Sommer 1970 im Zuge eines Treffens von Kulturschaffenden und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens aus der BRD, der DDR und aus Polen. Die sowjetischen Initiatoren wollten partout Grass und den Spiegel-Herausgeber Rudolf Augstein nicht einladen, doch die deutsche Seite stellte faktisch ein Ultimatum: Entweder Grass und Augstein kommen nach Moskau, oder die Konferenz findet überhaupt nicht statt.

Die Befürchtungen der sowjetischen Offiziellen waren nicht unbegründet. Grass erwies sich als extrem unnachgiebiger Opponent und scharfzüngiger Polemiker. Augstein gab später gern und sehr unterhaltsam seine Erinnerungen an den Grass jener Moskauer und Leningrader Tage zum Besten.

In der Zeit nach der Perestroika verschwanden die Probleme für Günter Grass in Russland nicht sofort. Einerseits funktionierte die Selbstzensur in gewohnter Weise weiter: In sämtlichen sechs russischen Ausgaben des „Tagebuchs einer Schnecke" hieß es statt „Freislerfinger an Leninshand": „Zeigefinger der Leninshand". Offenbar empfand man es als deplatziert, dass die Gestik des kommunistischen Führers mit dem blutrünstigen Vorsitzenden des Volksgerichtshofs Roland Freisler in Verbindung gebracht wurde.

Die jüngsten Bücher des Autors, etwa die Novelle „Im Krebsgang" oder die autobiografischen Erinnerungen „Beim Häuten der Zwiebel" sind in einigen Fällen fast zeitgleich mit den deutschen Ausgaben erschienen.

Die Unmittelbarkeit und Frische der Rezeption rückte seine Werke ins Zentrum des öffentlichen Interesses. „Im Krebsgang" löste eine geradezu unglaubliche Welle von Zeitungs- und Zeitschriftenartikeln aus, vor allem aber unzählige Diskussionen in Blogs und Internetforen, die bis heute anhalten. Interessiert verfolgten die russischen Leser auch die Kontroversen in Deutschland. Der Hörfunksender Echo Moskaus übertrug – simultan gedolmetscht – das Gespräch zwischen Grass und Ulrich Wickert in der ARD. Anschließend trat die Redaktion in einen Dialog mit den Hörern und startete eine Telefonabstimmung, bei der die Hörer gefragt wurden, ob Grass' Eingeständnis seiner Zugehörigkeit zur Waffen-SS für sie das gesamte literarische Schaffen des Autors entwerte.

Die Beteiligung war enorm, und die zahlreichen Anrufer legten seltene Einmütigkeit an den Tag: 95 Prozent sprachen sich zugunsten des Schriftstellers aus. Das Gesagte gilt nicht nur für die beiden Metropolen Moskau und St. Petersburg.

Ich hatte Gelegenheit, im sibirischen Krasnojarsk eine Grass-Ausstellung zu eröffnen. Bereits zur Vernissage versammelte sich eine unerwartet große Besucherschar. Wir Aussteller sind uns erst mit Verspätung bewusst geworden, welchen Einfluss Günter Grass auf die Schriftsteller und Leser in anderen Ländern ausübt. Aber immerhin, wie lautet doch das russische Sprichwort? Besser spät als nie.

Boris Chlebnikow, Germanist, Vizepräsident der Europäischen Akademie für Zivilgesellschaft, übersetzte Günter Grass, Heinrich Böll und Siegried Lenz ins Russische und machte sie in Russland bekannt.

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