Keine Lust aufs Ölgesellschaft

Mit der rasanten Entwicklung des russischen Internets wächst eine Generation von erfolgreichen Jungunternehmern heran, deren Karriere nicht der Geruch von Öl und Gas anhaftet.

Oskar Hartmann

Oskar Hartmann, Online-Shopping-Club „KupiVIP"


Oskar Hartmann ist der Gründer des Online-Shopping Clubs "KupiVIP". Foto: Pressebild


Oskar Hartmann gilt als „Star des russischen Internets". Der Russlanddeutsche machte sich 2008 im Alter von 26 Jahren selbstständig und gründete in Moskau den Online-Shopping-Club „KupiVIP". Auf seiner Seite verscherbeln Markenhersteller ihre Restware, vergleichbar mit den Schlussverkäufen in der „Offline-Welt". Über die Mitgliedschaft entsteht im Netz ein geschlossener Bereich, der für Suchmaschinen nicht zugänglich ist. So versuchen die Hersteller trotz Rabatten von bis zu 90 Prozent einem Imageverlust ihrer Marke vorzubeugen.

Er habe von Anfang an eine „riesengroße Firma" mit 100 Millionen Dollar Umsatz im Blick gehabt, sagt Hartmann. Auf den russischen Markt müsse man überfallartig, mit viel Elan und Kraft kommen – das war und ist noch heute seine Devise.

„Im Ölgeschäft habe ich mit meinen fünf Euro keine Chance, deshalb fangen 99 Prozent der Jungunternehmer im Internet an", sagt Hartmann. Er nahm ein im Ausland erprobtes Geschäftsmodell und übertrug es auf die russischen Verhältnisse. Geschäftsideen müssten nicht unbedingt innovativ sein, es komme auf Zeitpunkt und Umsetzung an.

Den Zeitpunkt hat er gut getroffen: In den letzten Jahren ist der russische Internethandel explodiert. Zwar ist sein Gesamtvolumen, das laut dem Marktforschungsunternehmen Data Insight bei etwa zehn Milliarden Dollar liegt, für das Land mit den inzwischen meisten Internetnutzern in Europa nicht spektakulär – in Deutschland wurden 2010 knapp 40 Milliarden Euro umgesetzt. Aber noch vor einigen Jahren war dieser Markt praktisch nicht existent.

Beliebt bei Investoren

Heute beschäftigt Hartmann 1500 Mitarbeiter, der Shopping-Club soll zehn Millionen Mitglieder haben. Brancheninsider schätzen seinen Umsatz auf 160 Millionen Dollar, doppelt so viel wie im vergangenen Jahr – eine Zahl, der Hartmann nicht widerspricht.

Erst seit einem Jahr allerdings sei „KupiVIP" operativ im schwarzen Bereich, räumt er ein. Alle Gewinne würden für weiteres Wachstum

eingesetzt, vor allem in den Ausbau der logistischen Infrastruktur. „In Deutschland würde man nie auf die Idee kommen, die Ware selbst zu lagern, zu verpacken und auszuliefern", sagt Hartmann. In Russland sei das notwendig, um einen guten Service und Preis anbieten zu können. In den zwei vergangenen Jahren hat „KupiVIP" 75 Millionen Dollar Risikokapital erhalten – nur der Spitzenreiter des russischen E-Commerce, der Online-Buchhändler Ozon, hat mit 100 Millionen Dollar mehr Geld von Investoren eingeworben. „Riesengroß" will Hartmann weiterhin werden, nur dass er jetzt schon an einen Milliardenumsatz denkt.

Michail Ukolow

Michail Ukolow, Online Laden Utinet.ru

Michail Ukolows Onöine-Laden zeichnet sich durch eine neuartige Produktsuche. Foto: Kommersant


Michail Ukolow musste seinen Technikhandel weitgehend ohne die Hilfe von Investoren aufbauen. Seine Geschäftsidee bestand in einer neuartigen, „intelligenten" Produktsuche. Ukolow hatte schon während seines Informatikstudiums im Auftrag Online Läden programmiert und Seiten für Suchmaschinen optimiert. Er war darin so gut, dass er sich entschied, einen eigenen Laden zu starten: Utinet.ru.

Intelligente Produktsuche

Der heute 30-Jährige will mit seiner innovativen Suchmaske den Verkäufer im Fachhandel simulieren und ersetzen. „Im Geschäft äußert der Kunde Wünsche, der Verkäufer versteht diese und führt ihn zum Regal mit dem passenden Produkt. Das Gleiche macht die Internetseite", erläutert Ukolow. Die Suche funktioniere wie bei Google, nur dass sie nicht allein Text erfasse, sondern Produkte mit ihren individuellen Eigenschaften.

Der Umsatz von Utinet wird in diesem Jahr voraussichtlich 100 Millionen Dollar übersteigen. Ukolow will seine Bruttomarge bis Ende des Jahres von zehn auf zwölf Prozent steigern. Er will über Technologien wachsen und nicht durch millionenschwere Investitionen. „Unsere Kompetenz ist Software. Also bieten wir eine bequeme Plattform für die Produktauswahl und den besten Preis, den Rest erledigen unsere Partner."

Wer sich wie etwa Ozon für eine eigene Logistik entscheide und aus den eigenen Warenhäusern verkaufe, habe nur 50 Modelle im Angebot und nicht 1500 wie Utinet. Ukolows E-Commerce-Rezept: Man müsse im Internethandel eine große Auswahl anbieten, dieses Angebot schmackhaft machen und schließlich bei der Abwicklung des Kaufs einen guten Service leisten, so dass der Kunde wiederkomme. Bald will er seine intelligente Suchmaschine auch in englischer, spanischer und deutscher Sprache umsetzen.

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