Nah am Wasser gebaut

Das Teilstück der Transsib entlang des Baikals bietet pittoreske Landschaften und einen Lebensrhythmus wie aus dem letzten Jahrhundert. Foto: Pressebild

Das Teilstück der Transsib entlang des Baikals bietet pittoreske Landschaften und einen Lebensrhythmus wie aus dem letzten Jahrhundert. Foto: Pressebild

Jules Verne war nie in Irkutsk, er hat nur den Kurier des Zaren dorthin geschickt, wo später die Baikalbahn gebaut wurde. Jenseits der Haupttrassen führt sie durch atemberaubende Natur.

Die Transsibirische Eisenbahn von Moskau nach Wladiwostok ist die heimliche Sehnsucht vieler Menschen, die zu oft auf die Uhr schauen. Sechs Tage unterwegs zu sein, ohne anzukommen – ein schier unfassbarer Luxus. So viel Zeit, so viel Muße! 9000 Kilometer, die sich wie 9000 Kilometer anfühlen.

Dabei ist die Transsib nicht mehr das ist, was sie einmal war. Und zwar bereits seit 1949. Damals wurde ihr technisch anspruchsvollstes und landschaftlich reizvollstes Teilstück am Baikalsee von der Hauptstrecke abgetrennt. Der Fortschritt hatte dafür gesorgt, dass eine kürzere und pflegeleichtere Trasse von und nach Irkutsk über das sogenannte Olchaplateau verlegt werden konnte.

Die Baikalbahn verkümmerte, wurde 1956 teilweise demontiert und geflutet. Heute ist sie eine Sackgasse und nur noch einspurig. Der Zugverkehr auf den verbliebenen 89 Kilometern am Südwestufer des Baikal ist, gelinde gesagt, überschaubar.

Zug ahoi

Wladimir Konkin drückt aufs Signalhorn. Man ist spät dran, im Sprechfunk hat sich bereits die Leitzentrale aus Irkutsk gemeldet: „Wo bleibt ihr denn?" Konkin ist Lokführer bei der Russischen Bahn, sein Zug steht auf freier Strecke, weiter vorn wartet der Gegenverkehr. Aber die Touristen, die Konkin heute in den Waggons kutschiert, haben gerade in einer Feriensiedlung an der Strecke gefrühstückt und – sich Zeit gelassen.

Die Fahrt geht von Port Baikal, der Endstation, nach Sljudjanka, wo die Baikalbahn auf die Transsibirische Eisenbahn stößt. Es ist ein beliebter Tagesausflug für die Irkutsker, aber auch für Ortsfremde. Der „Baikalexpress" verkehrt ganzjährig zwei- bis fünfmal pro Woche, je nach Saison. Auch ein aufwendig ausgestatteter „Zarenzug" mit Schlafabteilen war einige Jahre im Wochenendeinsatz, wurde aber 2012 aus dem Programm gestrichen. Und dann ist da noch der Luxuszug „Golden Eagle", der einmal im Monat zu einer 15-tägigen Tour von Moskau nach Wladiwostok aufbricht und als Einziger auch in die Baikalroute einbiegt.

Konkin freut sich, wenn er Dienst im Ausflugszug schieben darf. „Man erholt sich sogar selbst ein bisschen. Der Baikal nimmt dir deine negativen Energien." Seine dieselbetriebene Lokomotive ist für Geschwindigkeiten von bis zu 100 Kilometer pro Stunde ausgelegt, aber erlaubt sind höchstens 30.

Die Bahnlinie wurde buchstäblich in den Fels gehauen, jenseits des Gleisbetts geht es zum Teil 400 Meter in die Höhe. In der Vergangenheit sind immer wieder Steinlawinen über der Strecke niedergegangen, die sich unübersichtlich am Ufer des Sees entlangschlängelt. „Man weiß nie, was einen hinter der nächsten Kurve erwartet, deshalb ist Vorsicht geboten", sagt Konkin.

Die Baikalbahn wurde 1905 eröffnet und komplettierte die Strecke der Transsibirischen Eisenbahn, die bereits seit 1901 in Betrieb war – aber von beiden Seiten auf ein massives Hindernis stieß: den Baikal. Zunächst brachten zwei in England gebaute Fährschiffe die Passagiere zum jeweils anderen Ufer. Im Winter wurden sogar Gleise auf dem Eis verlegt und die Waggons einzeln von Pferdegespannen über den zugefrorenen See gezogen.

Teuerstes Teilstück der Transsibirischen Eisenbahn

Die neue Bahnstrecke schloss diese Lücke. Sie war das teuerste Teilstück der Transsib. Pro Kilometer wurde allein ein Waggon Dynamit für Sprengungen gebraucht. 600 italienische Spezialisten überwachten den Bau von 39 Tunneln, die dafür sorgen, dass die Linie nie weiter als 200 Meter vom Ufer abweicht.

Als Russland ab 1904 Krieg gegen Japan führte, wurden die Arbeiten zwecks militärischer Nutzung der Bahnanlagen forciert. Teilweise waren 13 500 Menschen gleichzeitig im Einsatz. Was sie vollbrachten, ist eine Meisterleistung, die immer wieder einmal als UNESCO-Weltkulturerbe ins Gespräch gebracht wurde.

Von der früheren Bedeutung ist heute allerdings längst nichts mehr zu spüren. Das hat seine Vorteile. Die Ruhe und die wildromantische Natur am größten Süßwassersee der Erde locken Naturfreunde an. Das eine oder andere Ferienhaus säumt die Bahnstrecke. Andererseits zuckelt der Zug an Dörfern vorbei, die kaum noch Einwohner haben – die Jüngeren sind auf ihrer Suche nach Arbeit längst in die Großstädte abgewandert.

Neue Arbeitsplätze könnte vor allem der Tourismus schaffen. „Doch dafür ist bisher weder das Bewusstsein noch Geld vorhanden", sagt Fremdenführerin Ljubow Wlassenko, die den Touristenzug begleitet und vom Baikal schwärmt, der „zu jeder Jahreszeit anders" sei.

Ein Gefühl für die Baikalbahn und die Einheimischen bekommt auch, wer den regulären Bummelzug nimmt, der viermal die Woche fährt und aus zwei Personen- sowie einem Güterwagen besteht. Er hält unterwegs planmäßig 20 Mal und außerplanmäßig so oft, wie jemand aus- oder einsteigen will. Für die 89 Kilometer lässt sich das Vorortbähnle sechs Stunden Zeit. Da kommen selbst rastlose Städter zur Ruhe. Was bleibt ihnen auch anderes übrig? Mehr Entschleunigung geht nicht.

Anreise
Aeroflot oder S7 bieten von verschiedenen deutschen Flughäfen Flüge über Moskau nach Irkutsk an. Der „Baikalexpress“ fährt gegenwärtig zweimal wöchentlich ab Irkutsk bis Port Baikal.

Unterkunft
Im Luxuszug „Golden Eagle“ (ab Moskau oder Wladiwostok) ist die Unterkunft inklusive. Die Übernachtung in Ferienhäusern an der Baikalbahn kostet ab 15 Euro.

Essen & Trinken
Bei Voranmeldung können für die erste Klasse des „Baikalexpress“ Mahlzeiten zugebucht werden. Ansonsten herrscht Selbstverpflegung. Entlang der Strecke gibt es kaum Läden oder Gaststätten.