Agrotourismus: Dorfurlaub im Trend

 Manche Leute in Russland möchten sich von der Zivilisation erholen. Deswegen stehen alte Dorfhäuser bei Großstadtbewohner hoch im Kurs. Foto: Michail Mordasow.

Manche Leute in Russland möchten sich von der Zivilisation erholen. Deswegen stehen alte Dorfhäuser bei Großstadtbewohner hoch im Kurs. Foto: Michail Mordasow.

Immer mehr Russen verwandeln ihren Hof in ein Ferienhaus und bieten ihren Gästen ein echtes Dorferlebnis. Dabei ist Geld nicht der einzige Grund für den boomenden Agrotourismus in Russland.

Agrotourismus in Russland

Vera Iwanowna sieht so gar nicht nach einer Geschäftsfrau aus: Die etwa fünfzigjährige Frau ist klein und flink. Vor zwölf Jahren zog sie in das Dorf Meschkowo im Gebiet Kaluga. Genau genommen zog sie nicht in das Dorf, sondern auf ein unter uralten Linden gelegenes Hofgut, bestehend aus drei Blockhäusern am Rande einer Schlucht - mit genügend Platz für die Hausherren und auch für Gäste.

„Mein zweiter Mann hatte einen großen Traum: Er wollte in einem Dorf leben und einen Obstgarten anlegen. Ich leitete damals in Kaluga ein

Preise

Die Kosten für die Umwandlung eines „Häuschens im Dorf" in ein ansehnliches Ferienhaus können zwischen 150 000 und 2 Millionen Rubel betragen. Der tatsächliche Preis hängt vom ursprünglichen Zustand des Hauses, der gewünschten Komfortstufe und den Fertigkeiten des Besitzers ab.

In dieser Summe sind die Renovierung des Hauses, dessen Anbindung an Verkehrswege, die Gestaltung des Geländes, der Erwerb von Kleinvieh sowie die notwendigen Haushaltsgeräte enthalten.

Tourismusunternehmen und die Bar 'Das alte Hufeisen'. Und ich war derart verliebt, dass ich, hätte er gesagt ‚Ich möchte auf Kamtschatka leben', auf der Stelle nach Kamtschatka gezogen wäre", erzählt Vera Iwanowna lachend. „Ich konnte weder Kühe melken noch hatte ich Ahnung von der Landwirtschaft. Aber von irgendetwas mussten wir schließlich leben, und so beschlossen wir, ins Tourismusgeschäft einzusteigen." Nach Angaben von Vera Iwanowna kostete jedes der Häuser ca. 250 000 Rubel. Doch sie konnten damals eine Menge Geld sparen. „Wir hatten nicht viel Geld. Deshalb fuhren wir durch die Bezirke und hielten Ausschau nach alten Häusern, die zum Verkauf standen. Wir kauften sie, trugen sie Stück für Stück ab und stellten sie hier auf ein neues Fundament", beschreibt Vera Iwanowna ihr Geschäftsgeheimnis.

Übrigens haben sich die geringen Kosten keineswegs auf die Atmosphäre ausgewirkt. Im Gegenteil - das Innere ist sogar richtig idyllisch geworden. Hier gibt es eine fast hundert Jahre alte Wiege, ein Spinnrad aus Holz, selbstgemachte Stoffpuppen und bunte Flickendecken.

„Man braucht überhaupt nicht danach zu streben, dass ein solches Haus den städtischen Maßstäben gerecht wird. Das habe ich vergeblich versucht und mir dabei die Finger verbrannt. Schließlich stellte sich heraus, dass es überhaupt nicht nötig ist. Ein minimaler Komfort reicht vollkommen aus. Die Leute möchten sich von der Zivilisation erholen", erklärt uns die Hausherrin.

Touristen anlocken leichtgemacht


Und es war auch nicht schwer, Touristen anzulocken. Die Hausherren hatten die Arbeiten noch lange nicht abgeschlossen, als schon die ersten Gäste zu dem Gut unter den Linden strömten. „Das Restaurant war die Rettung in der Not. Früher fanden dort alle Feste der Studenten und Dozenten aus Kaluga statt. Als ich erzählte, dass ich ein Haus in einem Dorf besitze, wollten alle zu mir kommen. Obwohl die Umbauarbeiten noch lange nicht abgeschlossen waren, empfing ich bereits die ersten Gäste. Und alle Einnahmen flossen direkt wieder in die Renovierung."

Zum Beerensammeln nach Rjasan

Zum Beerensammeln nach Rjasan


Jeder Hotelbesitzer lockt so viele Gäste wie möglich in sein Haus. Oksana vom Dorf Papuschewo aus dem Gebiet Rjasan setzte auf eine große Auswahl an Freizeitangeboten. Sie kann stundenlang über die Geschichte

Agrotourismus

Unter Agrotourismus (einer ländlichen und „grünen" Form von Tourismus) versteht man Urlaub auf dem Land und unter Bedingungen, die den Lebensbedingungen der Dorfbevölkerung ähneln.

In Russland ist diese Art von Tourismus gerade erst dabei, sich zu entwickeln. Nach Angaben der Assoziation zur Entwicklung des Agrotourismus existieren in Russland momentan ca. 4 000 Objekte im ländlichen Gebiet. Nach Angaben von Fachleuten besteht die größte Nachfrage auf diesem Markt im Bereich von günstigen Angeboten.

Die anfänglichen Investitionen belaufen sich auf ca. 200 000 – 400 000 Rubel. Damit sich diese amortisieren, sollte ein Haus im Durchschnitt 60 - 80 Tage pro Jahr ausgebucht sein.

des Gebietes erzählen, über das in der Nähe liegende „Dorf der Zauberer" oder über einen regionalen Meister, der aus einer Waschmaschine ein Teleskop gebaut hat. Die zielstrebige, temperamentvolle und gesprächige Frau hat ihr Ferienhaus vor nicht allzu langer Zeit fertiggestellt und ist nun damit beschäftigt, Ausflugsrouten auszuarbeiten. Zudem hat sie mit den führenden Tourismusunternehmen in Rjasan bereits eine Vereinbarung über eine Zusammenarbeit geschlossen und das ganze Dorf in ihr Projekt einbezogen. Die Nachbarn machen Ausritte mit ihren Feriengästen, sie organisieren Angelausflüge, bringen den Gästen das Modellieren bei und versorgen sie mit Lebensmitteln. Der größte Trumpf des Holzhauses ist jedoch dessen Lage am Waldrand, es grenzt direkt an das Naturschutzgebiet des Flusses Oka an, in dem Auerochsen und Kraniche aufwachsen. Deshalb ist das Gut, das erst seit eineinhalb Jahren Gäste aufnimmt, selbst an Werktagen niemals menschenleer. Häufig kommen die Gäste über Reisebüros hierher. Der Reiseveranstalter hatte sich an Oksana gewandt, nachdem er im Internet auf sie aufmerksam geworden war. „Ein Vertreter von ‚MK Travel' rief mich an, da sie gerade an diesem Marktsegment interessiert waren. Vertreter der Firma haben sogar unsere Flyer auf der Ausstellung im Expozentrum verteilt und beabsichtigen nun, Touristengruppen zu uns zu schicken", berichtet Oksana.

Für Geld und für die Seele


Den Landwirt Filippytsch aus dem Dorf Starye Petuschki bei Wladimir kann man zu den erfolgreichen Unternehmern zählen. Viktor Fillipowitsch Rajzys, ein kleiner, stämmiger Mann mit großem geschäftlichem

Die Gesetzeslage für den Agrotourismus

Es gibt kein Gesetz, das die Tätigkeit auf dem Gebiet des Agrotourismus regelt. Die Besitzer lassen sich in der Regel als natürliche Personen oder Einzelunternehmer registrieren. Dabei sind die regionalen Behörden oftmals bereit, eine Entschädigung für bestimmte Ausgaben zur Gestaltung eines Gästehauses zu leisten.

In einigen Gebieten gibt es Subventionen für den Bau von Straßen oder Gasleitungen, in anderen Gebieten werden beispielsweise Imkereien und die Aufzucht von verschiedenen Vieharten gesponsert.

Geschick, hatte in seinem Leben schon viele verschiedene Dinge ausprobiert - er hatte einen Laden im Dorf, hatte sich mit dem Handel von Wasser aus seinem eigenen Brunnen versucht und sogar Austernpilze zum Verkauf gezüchtet. Vor vier Jahren ging er schließlich zum Tourismus im ländlichen Bereich über.

„Gäste sind hier regelmäßig von Freitag bis Sonntag. Im Monat sind es zwischen 8 und 12, manchmal auch 20 Personen. An Werktagen kommt jedoch selten jemand hierher. Wenn die Touristen regelmäßig anreisen würden, brächte jedes Haus bis zu 100 000 Rubel ein", berichtet der Unternehmer aus dem Dorf.

Doch keiner der Hoteliers vom Land kann sich rühmen, dass seine Gästebetten permanent ausgelastet wären. Der Agrotourismus ist ein Saisongeschäft. „In der Sommersaison sind die Häuser zu ca. 70% belegt, im Herbst zu 10 - 20% und im Frühjahr zu 10%", erzählt Jurij Balandin, Leiter der Nationalen Assoziation von Organisationen im Bereich des Agrotourismus. Damit sich ein Haus amortisiert, muss es im Jahr durchschnittlich an 60 - 80 Tagen belegt sein, doch selbst in diesem Fall ist der Agrotourismus keine Branche, in der man schnell Millionen verdienen kann.

„Wer in dieses Geschäft einsteigt, braucht ein halbes bis zwei Jahre, um sich seine Kundschaft heranzuziehen", sagt der Leiter der Assoziation Agrotourism Taras Astachow, und fährt fort: „Bei anfänglichen Investitionen von etwas mehr als 2 Millionen Rubel amortisiert sich das Ganze nach acht bis neun Jahren."

Solidarität erfährt Astachow auch von Nadeschda Makatrowa vom Consulting-Unternehmen Konkretika, die ihm zustimmt: „Es ist kein Geschäftszweig, in dem man schnell viel Geld verdienen kann. Vielmehr handelt es sich hier um langfristige Projekte für Menschen, die sehr gerne Gäste bei sich aufnehmen und Freude am Leben auf dem Lande haben."

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Moskowskije Nowosti.

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