Russland erprobt die Macht der Schwachen

Es kann manchmal auch Vorteile haben, benachteiligt zu sein. In der modernen Welt kommt den Schwachen, anders als früher, ein besonderer Schutz zu. Die Rechte der Unterprivilegierten zu verteidigen ist eine der vornehmsten Aufgaben der demokratischen Gesellschaft. Manchmal verselbständigen sich diese Bemühungen und bringen beliebig einsetzbare Bestrafungs-Routinen hervor. Das hat man auch in Russland gemerkt.

Früher war die Rolle Benachteiligter tragisch. Wer stark war, der schlug den Schwachen, und wer schwach war, hatte eben Pech gehabt. Die Sorge für die Armen, Kranken und Entrechteten war freiwillige Mildtätigkeit, kein einklagbares Recht. Um das zu ändern, haben in der westlichen Welt Minderheiten ihre Lobbyorganisationen ins Leben gerufen. Die Vertretungen der Homosexuellen, der Flüchtlinge oder der Alten schlagen Alarm, wenn ihre Klientel aus ihrer Sicht benachteiligt oder herabgewürdigt wird.

In Russland ist dieser Mechanismus noch nicht so entwickelt. Hier gilt noch die traditionelle Sichtweise, dass es wenig respektabel ist, ein Opfer zu sein oder zu einer Minderheit zu gehören. Gerne verspotten Russen die „political correctness" ihrer westlichen Gesprächspartner, die aus ihrer Sicht vor jeder Randgruppe buckeln. Dabei ist der Kampf gegen Diskriminierung durchaus keine Erfindung des dekadenten Westens, die in der russischen Geschichte keine Parallelen hat.

Auch wenn sich die russische Gesellschaft von heute gerne als traditionelle Horde von Alpha-Machos sieht, stellte sich die Sowjetunion weltweit als ein Vorreiter nicht nur bei der Befreiung der Arbeiter dar, sondern auch der Frauen, der Kolonialvölker und anderer Unterdrückter dieser Welt. Obwohl aber viele Traditionen aus dieser Epoche im heutigen Russland wieder en vogue sind, diese gehört es jedenfalls nicht dazu.

Als besonders anmaßend empfinden es Russen, wenn ihr Land auf internationaler Bühne dafür gerügt wird, wie es mit seinen Minderheiten umgeht. Viele sehen in solchen Aktionen weniger die Sorge um benachteiligte Menschen, sondern eine Kommunikationsstrategie, die einen geopolitischen Konkurrenten medial in die Ecke stellen soll.

Das erklärt den Eifer, mit dem die russischen Medien sich auf die Auseinandersetzung zwischen der Fluggesellschaft Air Berlin und eine

Gruppe russischer Rollstuhlfahrer stürzten. Die Delegation auf dem Weg zu einem Seminar über die Schaffung einer barrierefreien Welt für Menschen mit Behinderungen wurde auf Grund vor Sicherheitsbestimmungen nicht an Bord gelassen. Wenn es richtig ist, was der selbst davon betroffene Dumaabgeordnete Wladimir Krupennikow sagt, und die Gruppe sich schon lange vorher bei der Airline angemeldet hatte, dann hat Air Berlin diesen Fall sehr unprofessionell gehandhabt.

Abgesehen davon ist der Skandal auch eine gute Möglichkeit, den Westen mal mit seinen eigenen Waffen zu schlagen. Da hilft kein Verweis auf die Vorschriften. Wer Rollstuhlfahrer als Passagiere ablehnt, hat Strafe verdient. So machen es die Kritiker aus dem Ausland ja immer vor: gar nicht lang nach den Umständen nachfragen, einfach draufhauen. Und die besten Chancen haben solche Fälle stets diejenigen Benachteiligten, die gut vernetzt sind. So wie in diesem Falle unsere russische Reisegruppe.

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