Die vergessenen Schwestern

Alexandra Exters Bühnenbildentwurf „Tod der Julia“ für eine Inszenierung von „Romeo und Julia“ (1921). Foto: Pressebild.

Alexandra Exters Bühnenbildentwurf „Tod der Julia“ für eine Inszenierung von „Romeo und Julia“ (1921). Foto: Pressebild.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte die russisch-sowjetische Kunst ein weibliches Gesicht. Daran erinnert ab dem 20. Oktober das Ludwigshafener Wilhelm-Hack-Museum.

In Zusammenarbeit mit der Staatlichen Tretjakow-Galerie Moskau und privaten Leihgebern zeigt das Wilhelm-Hack-Museum in Ludwigshafen unter dem Titel „Schwestern der Revolution" mehr als 100 Werke von zwölf Künstlerinnen aus den Jahren 1907 bis 1934. Das Museum, das dank seines Stifters Wilhelm Hack selbst über eine ausgezeichnete Sammlung russischer Avantgardekunst verfügt, verweist damit auf eine Generation von Künstlerinnen, die für einen kurzen Moment der Geschichte der Kunst ebenso starke Impulse gaben wie ihre männlichen und meist viel bekannteren Kollegen El Lissitzky, Kasimir Malewitsch, Wladimir Tatlin oder Alexander Rodtschenko.

In den Arbeiten von Natalja Gontscharowa, Alexandra Exter, Ljubow Popowa, Warwara Stepanowa, Nadeschda Udalzowa, Anna Kagan, Elena Liessner-Blomberg, Olga Rosanowa, Antonina Sofronowa, Anna Leporskaja, Sofia Dymschiz-Tolstaja und Maria Ender spiegeln sich nicht nur alle avantgardistischen und emanzipatorischen Tendenzen des beginnenden 20. Jahrhunderts. Sie griffen darüber hinaus Kubismus, Konstruktivismus, Futurismus, Primitivismus auf, um ihn sich selbst anzuverwandeln, sich von ihren männlichen oder auch westlichen Kollegen abzugrenzen und ihrer Kunst eine spezifisch russische Farbe zu geben.

Emanzipation in Russland

In der Vielfalt der Arbeiten – von konstruktivistisch-suprematistischen Gemälden über zum Teil noch heute bekannte Bühnenbilder, Textilien

Die Ausstellung

„Schwestern der Revolution: Künstlerinnen der russischen Avantgarde". Vom 20. Oktober 2012 bis 17. Februar 2013 im Wilhelm-Hack-Museum Ludwigshafen.

Die Avantgarde war weiblich! – So die Spezifik russischer Kunst zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Ausstellung ist Bestandteil des Deutsch-Russischen Kulturjahrs 2012/13.

und Bekleidung bis zu Plakaten und Fotomontagen – erinnert die Ausstellung an eine kurze Zeit der Weltoffenheit, Aufgeschlossenheit, Experimentierfreude, der künstlerischen und insbesondere der weiblichen Emanzipation in Russland und der Sowjetunion im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts. Schon in den Zeiten der liberaleren zaristischen Herrschaft hatten sich Frauen nicht nur in der Kunst zu Wort gemeldet. „Ungefähr seit 1907 begannen Verlage wie Pilze aus dem Boden zu schießen, oft wurden Konzerte neuer Musik gegeben, eine Ausstellung nach der anderen wurde eröffnet, von den Gemälden der ‚Welt der Kunst', des ‚Goldenen Vlieses', des ‚Karo-Buben', des ‚Eselsschwanzes', der ‚Himmelblauen Rose'", erinnert sich Boris Pasternak in einer biografischen Skizze.

Eine erste Zäsur war die Oktoberrevolution: Einige der Künstlerinnen wie Natalja Gontscharowa und Alexandra Exter emigrierten. Andere schlossen sich dem Proletkult an und arbeiteten ganz im Sinne des später von Stalin geprägten Begriffs vom Künstler als „Ingenieur der menschlichen Seele", wie Warwara Stepanowa, die gemeinsam mit Wladimir Tatlin einheitliche Uniformen entwarf, die den Unterschied zwischen weiblicher und männlicher Kleidung aufheben sollten, als Beitrag zu einer gerechteren, klassenlosen Gesellschaft.

Mit dem Verdikt zum sozialistischen Realismus in den 1930er-Jahren endete diese kurze Periode der künstlerischen Avantgarde in der Sowjetunion. Nadeschda Udalzowas Mann, der Maler Alexander Drewin, wurde 1938 erschossen, sie selbst zeigte ihre Arbeiten fast nur noch in privatem Rahmen. Und auch die anderen Künstlerinnen gerieten – bis auf gelegentliche Ausstellungen – immer mehr in Vergessenheit.

Der Diktatur weit voraus

Insofern gebührt der Ausstellung das Verdienst, an eine Generation russisch-sowjetischer Künstlerinnen zu erinnern, die bis auf wenige Ausnahmen in der europäischen Kunstgeschichte noch nicht den ihnen gebührenden Platz gefunden haben und mit ihren Ideen einer befreiten Kunst und eines befreiten Menschen ihrer Zeit und vor allem den konkreten Lebensumständen in der sowjetischen Diktatur weit voraus waren.

Allerdings klammert der umfangreiche und üppig bebilderte Katalog den politischen Kontext, in dem sich diese Kunst manifestierte, bis auf wenige karge Andeutungen weitgehend aus. Zwar wird gleich zu Beginn auf Ernst Bloch, den großen Sohn der Stadt Ludwigshafen, und seine Ansicht verwiesen, jedes Kunstwerk habe ein „utopisches Fenster, worin eine Landschaft liegt, die sich erst bildet", doch nehmen die Texte in dem Katalog auf diese Hoffnung – und ihre vielleicht manchmal auch selbst provozierte Enttäuschung – kaum Bezug.

Die „Schwestern der Revolution" – ein Titel, mit dem sich die Ausstellung bewusst abgrenzt von den „Vätern" und den „Kindern" der Revolution – wurden bald zu ungeliebten Familienmitgliedern in einem von Männern dominierten und deformierten Land. Die russisch-sowjetische Avantgarde hatte nur eine kurze Zukunft – ein Schicksal, das sie allerdings mit anderen Avantgardebewegungen teilt.

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