Zurück ins Zarenreich mit Erast Fandorin

Das Schönste, was wir erleben können, ist das Geheimnisvolle.“ Albert Einstein. Auf dem Bild: Eine Spielszene aus der Verfilmung des Spionageromans "Türkisches Gambit" von Boris Akunin. Foto: Pressebild.

Das Schönste, was wir erleben können, ist das Geheimnisvolle.“ Albert Einstein. Auf dem Bild: Eine Spielszene aus der Verfilmung des Spionageromans "Türkisches Gambit" von Boris Akunin. Foto: Pressebild.

Im Laufe der letzten zehn Jahre eroberte ein Genre die Herzen der russischen Leser im Sturm: der intellektuell-kulturologische Kriminalroman. Die Hauptvertreter dieser literarischen Richtung – Boris Akunin und der Historiker Leonid Jusefowitsch – wurden in kurzer Zeit zu Kultautoren.

Den Autoren Boris Akunin und Leonid Jusefowitsch hat es gelungen, die breite Lesemassen mit ihren geheimnisvollen und spannungsgeladenen Historienkrimis verzauberten und zugleich mit ihrem anspruchsvollem Stil, intertextuellen Anspielungen und detailgetreuen Darstellungen der historischen Realitäten den intellektuellen Lesern zusagten. Nicht weniger selten: Diese Literatur erreichte auch den westlichen Leser.

Akunin wird im Unterschied zu Puschkin, Turgenew und Limonow nicht nur von Spezialisten und Russlandinteressierten gelesen, sondern ist auch für den westlichen Durchschnittsleser ein Begriff. „Mord auf der Leviathan" (1998), „Der Favorit der Zarin" (2002) oder „Die diamantene Kutsche" (2003) waren in Deutschland Bestseller. Die Bücher des weniger bekannten Jusefowitsch, „Im Namen des Zaren", „Das Medaillon" oder „Der mongolische Fürst", warten noch auf ihre Entdeckung.

Mystisch wie Eco und Edgar Allan Poe

Das Besondere dieser Bücher liegt zum einen natürlich im Genre des Kriminalromans: Das Geheimnis und seine Offenbarung bilden den Kern eines Krimis. Die Sujets dieser Texte sind einfallsreich und durch die vielen Elemente exotischer, religiöser und mystischer Praktiken aufgeladen. Darin erinnern sie an Edgar Allan Poe und Umberto Eco.

Typisch für diese Texte ist auch das in Russland immer aktuelle Aufeinandertreffen fremder Kulturen, sei es jene der Mongolei bei Jusefowitsch oder Japans bei Akunin. Zum anderen fasziniert den modernen russischen, also postsowjetischen Leser besonders die Zeit, in der die Kriminalromane verortet sind, spielen sie doch alle im alten Russland, also in der vorsowjetischen Vergangenheit.

Das Zarenreich erlebbar machen

Nach der sowjetischen kulturellen Leerzeit und der darauf folgenden Phase der Verarbeitung des Umbruchs treffen die Romane von

Boris Akunin: „Die Moskauer Diva". Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt. Aufbau Verlag 2011

Jusefowitsch und Akunin auf das Bedürfnis vieler Russen, sich an die Zeiten vor dem „Schwarzen Loch" zu erinnern und eine Brücke zur eigenen Vergangenheit zu schlagen. Die historischen Fakten werden kunstvoll in die Handlung der Romane eingeflochten, Mythen und Legenden werden zum Leben erweckt, die Bücher atmen die Atmosphäre des 19. Jahrhunderts, die liebevoll, nostalgisch und mit fundiertem historischen Wissen rekonstruiert wurde. Und trotzdem wird diese Zeit keineswegs idealisiert: Die Texte sind um eine realistische Darstellung bemüht. Zugleich ist diese Darstellung sowohl bei Akunin wie auch bei Jusefowitsch aus heutiger Perspektive, von der gegenwärtigen Einstellung der Autoren geprägt. Diese Art des Umgangs mit der Vergangenheit bietet nicht nur dem russischen, sondern auch dem westlichen Leser die Möglichkeit, Russland für sich neu zu entdecken.

Eine russische Miss Marple

Auch die Helden dieser Literatur sind neu für Russland. Einerseits sind sie wie in westlichen Kriminalromanen intellektuelle Genies und Einzelgänger

Leonid Jusefowitsch: „Das Medaillon". Aus dem Russischen von Alfred Frank. Universo 2011

– man denke nur an berühmte Detektive wie Sherlock Holmes, Hercule Poirot oder Philip Marlowe –, was die russischen Leser mit Stolz erfüllt: Wir können es eben auch. Andererseits sind all diese Charaktere sehr „russisch": Bei Jusefowitsch ist es Iwan Putilin, Ermittler der Petersburger Polizei, eine Figur, die an manche Helden Dostojewskis erinnert, bei Akunin die Nonne Pelagia (eine russische Miss Marple) oder der Weltenbummler Erast Fandorin. Sie alle vereint ihr Idealismus, gepaart mit einer gehörigen Portion Realismus. Die Romanhelden wissen genau, dass sie die Realität nicht verändern können, verhalten sich aber trotzdem so, als ob dies möglich wäre. Richtige Helden oder naive Narren? In Russland macht man da keinen Unterschied.

Swetlana Bogen ist seit 2009 am Institut für Slavistik der Universität Hamburg, wo sie sich mit moderner und postmoderner russischer und deutscher Dichtung beschäftigt.

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