Liebesgeschichte mit Koko

1933 war die Literaturszene am Kochen: Ein bis dato völlig unbekannter Autor verfasste einen Roman à la Nabokov. Fast 80 Jahre später erscheint er in neuer Übersetzung auf Deutsch.
 
 Als Kokain noch gesellschaftsfähig war: historisches Plakat. Foto: Legion Media.

Das Päckchen mit dem Manuskript war 1933 den weiten Weg nach Paris aus Istanbul gekommen. Vom Absender, einem gewissen Mark Levi, war zunächst nur bekannt, dass er der Autor des im Päckchen reisenden „Roman mit Kokain" war. Dieser Roman erscheint nun, erstmals aus dem Russischen übersetzt, im Manesse Verlag.

Die Bekenntnisse eines Jünglings von äußerst ambivalentem Charakter, der dem Kokain verfällt, erschienen 1936 bei einem russischen Exilverlag in Paris. Die zeitgenössische Kritik war begeistert; der Autor, bekannt geworden unter dem vom Verleger erdachten Pseudonym M. Agejew blieb indes eine geheimnisvolle Figur.

Die historischen Ereignisse, die die Welt kurz darauf erfassten, wirbelten den Autor und sein Buch in die Vergessenheit. Erst 1984 entdeckte Lydia Chweitzer, Französin russischer Herkunft, den Roman in Paris zufällig wieder und übertrug ihn ins Französische. Die Wiederentdeckung wurde nicht nur in Frankreich ein großer Erfolg, alsbald erschienen Übersetzungen in ganz Europa, 1986 auch in Deutschland, allerdings übersetzt aus dem Französischen.

Der neuerliche Erfolg des Buches bot abermals Anlass zu Spekulationen über den Autor. Unter Literaturwissenschaftlern hielt sich aufgrund

Seinen Lebensabend verbrachte Mark Levi/M. Agejew in Armenien. 

stilistischer Ähnlichkeiten hartnäckig die These, der Roman stamme aus der Feder von Vladimir Nabokov, der dafür bekannt war, falsche Fährten zu legen. Erst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der Öffnung der Archive konnten russische Wissenschaftler belegen, dass hinter M. Agejew niemand anderes steckte als Mark Levi: 1898 als Sohn eines jüdisches Kaufmanns und dessen deutscher Frau geboren, soll er nach der Revolution als Dolmetscher in Behörden gearbeitet haben, die zum Teil dem Geheimdienst nahestanden (woher die Gerüchte rühren, Levi sei ein sowjetischer Agent gewesen). Levi emigrierte um 1925 nach Deutschland und nach einigen Jahren nach Istanbul. 1942 kehrte er in die UdSSR zurück, nach Armenien. Um einreisen zu dürfen, musste er sich von seinem dort nie veröffentlichten Buch distanzieren, das erst 1991 erschien. Als Dozent für Deutsch an der Universität baute er sich eine beschauliche Existenz auf. Levi verstarb 1973, ohne sich je wieder zur Autorschaft seines Romans zu bekennen.

Wadim Maslennikow, der finstere Held des Romans, schämt sich seiner niederen Herkunft, er verleugnet seine Mutter, die ihm dennoch ein

Michail Agejew: „Roman mit Kokain". Aus dem Russischen von Valerie Engler und Norma Cassau. Manesse Verlag Oktober 2012. 256 Seiten

Leben in seinem Sinne ermöglicht. Sie opfert sich für ihn auf, während er Frauen ausführt. Vor seinen Kameraden des elitären Gymnasiums mimt er den skrupellosen Frauenhelden. Die junge Sinotschka steckt er wissentlich mit einer Geschlechtskrankheit an. Erst mit Sonja ahnt er, was Liebe sein könnte. Er überhöht seine Beziehung mit ihr derart, dass es ihm unmöglich wird, sie körperlich auszuleben. Erster Weltkrieg und Revolution sind nur Hintergrundmalereien, sie berühren Wadim weniger als das Furunkel auf seiner Nase. Seit Sonja seine Tage nicht mehr erhellt, lässt er sich gehen. Als Kommilitonen ihn zu einer Runde Kokain einladen, sagt er erfreut zu. Kokain wird seine neue Geliebte, aber aus dem Teufelskreis von Euphorie und Melancholie findet er nicht mehr heraus. Er verwahrlost, halluziniert, bricht zusammen. Für so einen ist in den Heilanstalten des neuen Russlands kein Platz. Die Liebesgeschichte mit Koko besiegelt sein Ende.

Der „Roman mit Kokain" ist ein wertvoller Solitär für den reiselustigen Leser, um mit Robert Musil zu sprechen, „eine kleine Station an der Strecke, welche nach Russland führt."

Norma Cassau ist literarische Übersetzerin aus dem Russischen und Französischen.

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