Klassiker der absurden Literatur: Daniil Charms neu gelesen

Daniil Charms aus dem Blickwinkel der Bildenden Kunst: Porträt von Tatjana Drutschinina.

Daniil Charms aus dem Blickwinkel der Bildenden Kunst: Porträt von Tatjana Drutschinina.

Der Galiani Verlag zeigt in seiner vierbändigen Werkausgabe Charms als vielseitigen Sprachkünstler.

„Eines Tages stopfte sich Orlow mit Erbsenpüree voll und starb. Krylow erfuhr davon und starb auch. Spiridonow starb von selbst...“ und so fort, ein Reigen grotesker Todesfälle über zehn kurze Sätze. Aus solchen Miniaturen setzt sich das Werk des russischen Schriftstellers Daniil Charms (1905-42) zusammen. So gut wie nichts davon konnte zu Lebzeiten des Leningrader Avantgardekünstlers gedruckt werden.

Doch heute, 70 Jahre nach seinem elenden Tod in der Gefängnispsychiatrie, sind alle seine vollgekritzelten Zettel mit Kurzprosa, Gedichten und Theaterszenen entziffert und veröffentlicht. Und Charms ist als wichtige Figur der literarischen Moderne in Russland und Europa zu erkennen.

Sprachspieler, Humorist, Dramatiker

Man kann den Nonsens bei Charms politisch lesen als Seismogramm einer bösen Zeit. Der Todesreigen aus dem Zyklus „Vorfälle“ entstand 1936 am Vorabend des Großen Terrors in der Sowjetunion. Doch Charms ist mehr als das – ein Sprachspieler und Humorist, aber beklemmend wie Kafka, ein Dramatiker, der das absurde Theater von Ionescu und Beckett vorwegnahm. In dieser Vielfalt bringt ihn dem deutschen Leser auch die vierbändige Werkausgabe nahe, die Alexander Nitzberg seit 2010 für den Berliner Galiani-Verlag besorgt hat. 

In seiner Heimatstadt war Charms, eigentlich Daniil Juwatschow, ein Zu-Spät-Geborener. Das silberne Zeitalter der Petersburger Literatur war zu Ende. Als Charms mit Freunden Mitte der 1920er Künstlerzirkel wie die „Linke Flanke“ oder Oberiu (Vereinigung für reale Kunst) gründete, zog die sowjetische Kulturpolitik schon die Daumenschrauben an.

„Verse muss man so schreiben, dass die Scheibe kaputtgeht, wenn man das Gedicht gegen ein Fenster wirft“, verkündete der Dichter. Am besten trug er seine Gedichte selbst vor – ein hochgewachsener Bohéme mit Zylinder und Pfeife, dem Leben und seine Kunst eins waren. „Ich bin so wie ihr alle, nur besser“, sagte er. 1932 wurde Charms zum ersten Mal verhaftet. Welches Ansehen er in der Künstlerszene genoss, zeigte sich 1935 beim Begräbnis des suprematistischen Malers Kasimir Malewitsch: Charms trug seine Grabrede in Versform auf den Schöpfer des berühmten „Schwarzen Quadrats“ vor.

Zuflucht in der Kinderliteratur

Daniil Charms: „Werke in vier Bänden". Herausgegeben von Vladimir Glozer und Alexander Nitzberg. Aus dem Russischen von Alexander Nitzberg und Beate Rausch. Verlag Galiani 2010/11

Eine prekäre Zuflucht bot Charms wie anderen verfolgten Schriftstellern die ideologisch weniger strikt kontrollierte Kinderliteratur. Dabei seien ihm Kinder ein Graus gewesen, sagte zweite Frau Marina Malitsch über ihn: „Das ist eben das Unerklärliche, dass er, obwohl er Kinder hasste, wunderbare Texte für sie schrieb.“ Wenn er bei Matineen auftrat, Zauberkunststücke vorführte und Gedichte rezitierte, dann hingen die Kinder an seinen Lippen. In den Leningrader Kinderzeitschriften „Josch“ (Igel) und „Tschisch“ (Zeisig) dichtete er genauso ironisch und subversiv wie in seiner Lyrik für Erwachsene.

Doch auch die Kinderwelt blieb nicht heil. Als Charms die Bildgeschichte „Plisch und Plum“ von Wilhelm Busch übersetzte (russ.: „Plich i Pljuch“), wurde er von der Kritik verrissen: „Unsere Kinder wollen wissen, wer Freund ist und wer Feind“, hieß es. 1937 fiel die Redaktion des Leningrader Kinderbuchverlags dem Terror zum Opfer. Bis zu seiner Verhaftung konnte Charms nur noch sporadisch wenige Rubel mit Kindergedichten verdienen.

Es waren Jahre des Hungers und der ständigen Angst, in denen die Texte immer verzweifelter und düsterer wurden. Kurz nach dem Überfall Nazi-Deutschlands auf die Sowjetunion wurde Charms vom Geheimdienst NKWD verhaftet. Er starb am 2. Februar 1942.

Dass sein Werk überlebte, verdankte er einem Freund. Aus Charms ausgebombter Wohnung rettete der Philosoph Jakow Druschkin einen Koffer mit den Manuskripten. In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg kursierte Charms nur unter der Hand im Samisdat (Selbstverlag). Erst zu Perestroika-Zeiten war an Veröffentlichungen zu denken. Mittlerweile ist der Schriftsteller für den russischen Leser erschlossen und auch in viele Sprachen übersetzt.

Neue vs. alte Übersetzung

Wer Charms auf Deutsch lesen will – und man sollte ihn lesen -, gerät indes in einen ärgerlichen Übersetzer-Streit. Peter Urban, bekannt durch seine Tschechow-Übersetzungen, hat sich seit 1968 immer wieder auch um Charms verdient gemacht, hat dessen Werk übertragen und kommentiert.

In der neuen Ausgabe für Galiani verwirft Herausgeber Nitzberg Urbans Vorarbeit und erklärt, erst jetzt sei der wahre Charms zu lesen. Nitzberg will Charms vor allem als Sprachartisten zeigen, und seine kongenialen Nachdichtungen der Lyrik sind tatsächlich ein Gewinn.

Bei den Prosatexten bleibt es eine Geschmacksfrage. Die neue Übersetzung von Beate Rausch ist sprachlich farbenfroher, dichter am Alltag. Urban betont das Lakonische, Düstere bei Charms und ordnet historisch genauer ein. Doch die Macher der Galiani-Ausgabe gingen gegen Urban und andere Übersetzer auch urheberrechtlich vor. Bis die Rechte an Charms 2013 wieder frei werden, darf die Friedenauer Presse Urbans Übersetzungen nicht weiter verbreiten.

Friedemann Kohler ist Historiker mit dem Schwerpunkt Osteuropa. Er war zwölf Jahre lang Korrespondent der dpa in Kiew und Moskau. Seit 2007 ist er dpa-Büroleiter in Wiesbaden.

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