Ein Briefwechsel zwischen Vergangenheit und Zukunft

Schriftsteller Michail Schischkin. Foto aus dem persönlichen Archiv.

Schriftsteller Michail Schischkin. Foto aus dem persönlichen Archiv.

Michail Schischkin hält in „Briefsteller“ zwei Liebende in verschiedenen Epochen gefangen.

Eine Frau, ein Mann, eine Sommerliebe. Sascha und Wolodja werden durch einen Krieg getrennt und können sich nur Briefe schreiben. Sie erzählen einander darin von allem und jedem: von Kindheit, Familie, Alltag, von Freud und Leid. Ein normaler Briefwechsel zweier Liebender – bis sich beim Leser Zweifel regen und klar wird, dass die Zeit der beiden verrückt ist, dass sie durch Raum und die Zeit getrennt sind. Sie lebt in der Gegenwart, er kämpft im Boxeraufstand zu Beginn des 20. Jahrhunderts gegen chinesische Rebellen ...

Ein Briefsteller ist weder ein Autor, der nur Briefe schreibt, noch ist es die Kurzform für Briefzusteller. Der russische Originaltitel des Buches, „Pismownik", bezieht sich auf eine „Anleitung zum Abfassen von Privat- und Handelsbriefen". 1906 erschienen, war dieses Buch den Lesern sowohl in beruflichen wie privaten Fragen Nachschlagewerk und Hilfe: für den besten Kondolenzbrief im Trauerfall oder für die richtige Liebeserklärung.

Michail Schischkin zeigt in seinem Roman seine zwei Hauptfiguren nie zusammen. Wir erleben ihre gemeinsame Zeit nur in den Briefen, die sie

Michail Schischkin: "Briefsteller". Aus dem russischen von Andreas Tretner. DVA 2012. 384 Seiten.

einander schreiben, und nachdem der Leser diesem Wechsel der Briefe einige Male gefolgt ist, wird er den Titel verstehen. Briefe wie diese legt man nicht weg und vergisst sie – sie sind so lebendig und intensiv geschrieben, dass in ihnen immer beide Bilder ergänzt werden: das des Charakters der Schreiberin und das des Empfängers (oder umgekehrt). Und gerade wenn man beginnt, sich auf ihr Wiedersehen zu freuen, das ja den eigenen Erwartungen nach kommen muss, vergrößert sich die Geschichte. Die kleinen Zeichen häufen sich, dass die beiden in einer unterschiedlichen Zeit leben. Das hält sie aber nicht davon ab, einen Briefwechsel zu führen, anderweitig zu heiraten und ein Kind zu bekommen. Selbst der Tod hält den Briefwechsel nicht auf.

„Briefsteller" ist kein handlungsgesteuertes Buch, in dem es auf die Lösung eines Problems ankommt. Der Sinn des Buches erschließt sich mit der Zeit. Dennoch liest es sich verführerisch leicht. Seine Sprache ist jene der Liebenden. Wir erleben die Sehnsucht von Wladimir und Alexandra, die von ihrer „Sommerliebe" mit allen Kosenamen angeredet wird, die die russische Sprache bietet.

Wir lesen von Familiengeschichten, den Erinnerungen aneinander und an die eigene Kindheit und von täglichen Erlebnissen, die sie über die große Kluft der Trennung miteinander teilen wollen. Nichts wird ausgespart, auch physische und psychische Grausamkeiten beichten sie einander.

Auf dem Weg zu einem bittersüßen Ende schält sich ein Gedanke heraus,

den Sascha ihrem Wolodja schreibt: Ob es stimme, wie Platon sagt, dass die Liebe im Liebenden wohnt, und nicht im Geliebten? Folgt man Schischkins Überlegung, dass die Intensität der Liebe eigentlich nicht davon abhängt, wo in Raum und Zeit der geliebte Mensch sich aufhält, ist es leicht, diesem Gedanken zuzustimmen. Und staunend entdeckt man irgendwo im eigenen Herzen ein kleines Stück Liebe für die Charaktere, das auch noch bleibt, wenn „der Schreiber sein Buch geschlossen" hat, wie es am Ende des Buches heißt.

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