Europäisch-russische Nuklearmedizin

Schon seit einiger Zeit in Russland aktiv ist die Berliner Eckert & Ziegler AG, Hersteller von Isotopenprodukten und Radiopharmaka. Foto: ezag.com

Schon seit einiger Zeit in Russland aktiv ist die Berliner Eckert & Ziegler AG, Hersteller von Isotopenprodukten und Radiopharmaka. Foto: ezag.com

Krebs ist die zweithäufigste Todesursache in Russland. Landesweit sollen neue Diagnosezentren entstehen. – Mit moderner Nuklearmedizin aus der Europäischen Union.

Russland müsse noch viel tun, um in der Nuklearmedizin mehr bieten zu können als nur Rohstoffe, lautete der Tenor auf der internationalen Konferenz von Isotopenherstellern in Moskau Anfang Oktober. Isotope sind radioaktive Substanzen, die in Kernreaktoren gewonnen werden. Mit ihnen lassen sich medizinische Präparate, sogenannte Radiopharmaka, erzeugen, die z.B. bei der Krebsdiagnose eingesetzt werden.

„In der Herstellung von Isotopen ist Russland stark. Bei der Produktion von Radiopharmaka und Diagnosegeräten müssen wir uns aber noch entwickeln“, sagt auch ein Sprecher der staatlichen Atomenergieagentur Rosatom.

Die russische Politik hat sich vorgenommen, flächendeckend Diagnosezentren einzurichten, um dem Krebs als zweithäufigster Todesursache den Kampf anzusagen. Durch die Entwicklung der Nuklearmedizin verspricht man sich eine bessere Vorbeugung sowie die wirtschaftliche Nutzbarmachung der landeseigenen Isotopenproduktion.

Kooperation mit Philips

 

Den ersten Schritt in diese Richtung machte Rosatom vor einem Jahr, als sie zusammen mit dem niederländischen Mischkonzern Philips die Gründung eines Gemeinschaftsunternehmens im Kernmedizinischen Bereich auf russischem Boden ankündigte. „Es geht dabei nicht nur darum, Produkte zu liefern. Es geht um einen Transfer von Know-how, um einen Austausch“, sagte damals Arjan de Jongste, Geschäftsführer Philips Russland. Zunächst wolle man mit Rosatom Apparate für die nuklearmedizinische Grundversorgung herstellen, in einem weiteren Schritt seien gemeinsame Forschungs- und Entwicklungsprojekte sowie der internationale Absatz von Spezialausrüstung denkbar, sagt ein Konzernsprecher jetzt, ein Jahr später.

Wie weit die Umsetzung fortgeschritten ist, könne Philips derzeit nicht kommentieren. Von Rosatom heißt es hierzu, das Joint-Venture sei inzwischen „mehr als ein Plan, jedoch noch keine Realität“.

Was machen derweil deutsche Unternehmen? Schon seit einiger Zeit in Russland aktiv ist die Berliner Eckert & Ziegler AG, Hersteller von Isotopenprodukten und Radiopharmaka. Ihre Geschäftstochter habe mit der staatlichen Innovationsagentur Rusnano ein Joint-Venture für die Prostatakrebstherapie gegründet. Mit Rosatom würden enge Geschäftsbeziehungen gepflegt, heißt es. Schließlich wachse der russische Markt für Medizintechnik weltweit mit am schnellsten.

„Russland ist ein wichtiger Markt für deutsche Medizintechnikunternehmen“, bestätigt Hans-Peter Bursig, Geschäftsführer von ZVEI Elektromedizinische Technik. Man könne aber noch keine Aussagen darüber treffen, ob deutsche Unternehmen in Russland eigene Produktionen aufbauen werden – „das kommt immer erst bei einem gewissen Marktvolumen in Frage“, so Bursig.

Rosatom selbst schätzt den nuklearmedizinischen Markt weltweit auf zwölf Milliarden US-Dollar, technische Ausrüstung und Behandlung eingeschlossen. Ein vergleichsweise geringer Betrag: Eine aktuelle Studie des britischen Marktforschers Visiongain bewertet den Markt für Tomographen, die „Hardware“ der Kernmedizin, mit gerade einmal 1,5 Milliarden Dollar. Zum Vergleich: Der Bau von Kernkraftwerken bringt laut Rosatom weiltweit 31 Milliarden Dollar ein.

Halbherzige Manöver


Vor diesem Hintergrund sind auch die eher halbherzigen deutsch-russischen Manöver von Siemens zu sehen. Nach dem Atomausstieg des Konzerns und dem Aus für die Pläne eines Joint-Venture mit Rosatom, das sich auf den Bau von AKWs konzentrieren sollte, gaben beide Seiten im Herbst 2011 bekannt, dass man die Zusammenarbeit auf anderen Gebieten fortsetzen wolle.

Insbesondere die Russen brachten dabei die Nuklearmedizin ins Gespräch, weil Siemens einer der weltweit führenden Anbieter ist. Ein Jahr später geben sich die Münchner bedeckt. Man suche weiterhin „auf der Arbeitsebene“ nach Wegen der Zusammenarbeit mit Rosatom abseits der Erzeugung von Kernenergie, unter anderem in der Nuklearmedizin. Man darf aber bezweifeln, dass Siemens so weit wie sein niederländischer Konkurrent Philips gehen wird und seine Technologien mit den Russen teilt.