Wie die Malerin,so der Bildhauer

Malen und Bildhauen im Einklang: Nina Geling und Ekkahart Bouchon. Foto: Bettina Sangerhausen.

Malen und Bildhauen im Einklang: Nina Geling und Ekkahart Bouchon. Foto: Bettina Sangerhausen.

Sie ist medizinische Biochemikerin – er Bergbauingenieur. Gemeinsam fanden sie zur Kunst und schaffen seitdem Erstaunliches in der west-östlichen Welt.

„Wenn Kinder anfangen zu arbeiten, werden sie Künstler", sagt Nina Geling, und Ekkahart Bouchon ergänzt: „Bisher ist bei jedem Projekt etwas Tolles herausgekommen." Wie diesen Sommer in Kaliningrad, wo die Malerin und der Bildhauer zeigten, wie kreativ autistische Kinder sein können.

Oder in Tschaikowski, wo viele Kinderhände halfen, den mythischen Finist-Falken an eine Fassade zu zaubern. Dessen Zwilling, ebenfalls als Schülerprojekt entstanden, ziert die Berufsschule im niedersächsischen Hann. Münden. Und damit haben sie es schon wieder getan: eine Verbindung geschaffen zwischen Deutschland und Russland.

Eine Deutsche von der Wolga, ein Franzose von der Weser

Gerade von den Projekten im Ural zurückgekehrt, sprudelt Nina Geling über vor frischen Eindrücken, und ihr netter Akzent verrät sofort, dass ihr

Biografien


Ekkahart Bouchon leitete das Technische Amt für Umweltschutz Hamburg und half nach der Wiedervereinigung beim Aufbau einer Umweltbehörde in Mecklenburg-Vorpommern. Er beschäftigt sich seit seinem zehnten Lebensjahr mit Kunst und organisierte Konzerte und Ausstellungen pa-rallel zu seinem Brotberuf. Seine Bildhauerausbildung absolvierte er bei dem Künstler Egon Ossig.

Nina Geling entwarf als Kind Spielsachen, weil Erwachsene keine Ahnung haben, was Kinder wirklich mögen. Sie malte gern, studierte dann aber in Moskau medizinische Biochemie und arbeitete als Forscherin an Instituten in Halle und Rostock. Später studierte sie an der Akademie für Modedesign in Hamburg.

Nina Geling und Ekkahart Bouchon heirateten 1996 und eröffneten 2003 ihre Galerie Dreiklang in Hann. Münden.

deutsch klingender Name täuscht: Tatsächlich wurde die Frau mit dem roten Kurzhaarschopf vor 62 Jahren an der Wolga geboren. Deutsche wurde sie eher aus Versehen, als Anfang der 1990er-Jahre ihr russischer Pass abgelaufen war. Russland ganz zu verlassen, das sei nie ihr Plan gewesen, „ich habe praktisch gegen meinen Willen bekommen, wovon andere träumen", sagt sie fröhlich und ihr Lächeln spiegelt sich im Gesicht ihres Mannes: „Ich habe sie einfach nicht mehr gehen lassen", sagt Ekkahart Bouchon, 76, die Brille lässig ins weiße Haar geschoben, und grinst verschmitzt. Trotz seines französischen Familiennamens ist er wiederum als Deutscher geboren. Auf der Suche nach den gemeinsamen deutsch-russischen Wurzeln taucht das Künstlerpaar in Märchen und Sagen ein und befasst sich zurzeit mit der slawischen Mythologie. Vom Finist-Falken, auf dem Weltenbaum das Symbol der Sonne, schlagen sie den Bogen zum Phoenix aus der Asche. Mit dem kreativen Ergebnis dieser mythischen Recherche gewannen sie im Ural den Wettbewerb der Fassadenentwürfe. „Dadurch war genug Geld für das Material da", sagt Bouchon. Die Stadt Tschaikowski, vor gut 50 Jahren am Reißbrett entstanden, liege zwar in einer wunderschönen Landschaft, die Architektur sei aber eher trist, beschreiben es die beiden. Ganz viel Kunst an ganz vielen Häusern soll das ändern. In Tschaikowski leiteten sie außerdem Fünf- bis Vierzehnjährige an, fantastische Figuren aus Sperrholz zu entwerfen.

Ein anderes Kunstprojekt mit autistischen Kindern in Kaliningrad sei eine Herausforderung gewesen. Mit Kindern haben sie schon oft gearbeitet – mit jungen Kunstschülern und mit behinderten Kindern, mit Jugendlichen ohne Schulabschluss. Aber mit einer Gruppe, zu der man so schwer Zugang finden kann? Doch am Ende siegte der spielerische Umgang mit dem Material. Gesponsert wurden diese Aktion und die Ausstellung übrigens vom Deutschritterorden.

Bildhauer Ekkahart Bouchon. Foto: Bettina Sangerhausen.


Die Variable als Kunstprinzip

Ein Prinzip in der Kunst von Nina und Ekkahart ist die Variable: Ihre Kunstwerke dürfen nicht nur angeschaut, sondern auch angefasst und

Galerie Dreiklang zwischen Ost und West

Zum Deutsch-Russischen Jahr planen Geling-Bouchon eine Retrospektive der Werke von 29 russischen Künstlern im historischen Rathaus von Hann. Münden (8. bis 22. Dezember). Ausstellungen mit Bildern und Skulpturen von Nina Geling und Ekkahart Bouchon sind in Swenigorod bei Moskau zu sehen. 2013 wird ihre Ausstellung „Terra Incognita" im Föderationsrat in Moskau.

verändert werden – durch Drehen oder neues Zusammensetzen. Ein Prinzip, mit dem sich Erwachsene oft schwertun, sagt Bouchon, Kinder hätten da keine Hemmungen. In ihrer Galerie Dreiklang in Hann. Münden sind regelmäßig Musiker und Künstler aus Russland zu Gast. „Wir leben hier im Paradies!", sagt Bouchon lachend, und wer seinem Blick folgt, stimmt ihm zu: Das Wohnhaus, gemütlich mit viel Holz gebaut, und die Galerie mit der Werkstatt haben auf dem großen Grundstück Gesellschaft von vielen Skulpturen, die wie ein Begrüßungskomitee jeden Besucher zu empfangen scheinen. Dahinter der Wald, davor die denkmalgeschützten Backsteingebäude einer ehemaligen Kaserne. Der Dreiklang, den sie meinen, ergibt sich aus dem Zusammentreffen von Malerin, Bildhauer und Betrachter: Die Werke beeindrucken den Besucher, seine Gedanken dazu können aber auch wieder Einfluss auf das Schaffen der Künstler haben.

Nicht immer idyllisch

So idyllisch war es nicht immer im Leben dieser beiden Menschen. Auf der Suche nach medizinischer Hilfe für ihren ältesten Sohn war Nina Geling 1991 nach Deutschland gekommen. Für künstlerisches Schaffen hatte die promovierte medizinische Biochemikerin gar keine Zeit. Sie traf auf den Bergbauingenieur Bouchon vom Hamburger Umweltamt, der sich für Kunst interessierte und diese förderte. Bouchon kann der Frau aus Russland helfen, die beiden verlieben sich und werden erst gemeinsam zu dem Künstlerpaar, das sie heute sind.

Vor zehn Jahren eröffneten sie ihre Galerie in jener Stadt, in der Werra und Fulda sich zur Weser vereinen. Das macht sie selbst ein bisschen zu dem Phoenix, mit dem sie sich gerade beschäftigen, denn auf ihre erste Werkstatt in einem Dorf bei Kassel war zuvor ein ausländerfeindlicher Brandanschlag verübt worden.

Leider lasse das Interesse an der Kunst und kulturellen Veranstaltungen in Deutschland nach. Früher kamen so viele Menschen zu ihnen, dass die Plätze knapp wurden. Heute kommen weniger, „obwohl wir Spitzentalente hier präsentieren und der Eintritt immer frei ist." In Russland sei das anders. Da kämen ganze Familien zu ihren Ausstellungen, selbst wenn sie dafür Eintritt zahlen müssten. Entmutigen lässt sich das Duo Geling-Bouchon davon nicht und probiert immer wieder etwas Neues aus – als Nächstes eine Ausstellung mit Bildern von Zwei- bis Sechsjährigen, gemalt in der Frühförderung des Kunstmuseums in Tschaikowski.

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland