„Russland ist etwas Besonderes für uns“

Ehemaliger ARD-Korrespondent in Moskau Fritz Pleitgen: "Wir haben keinen Anlass, mit dem erhobenen Zeigefinger auf Russland zu zeigen". Foto: Eugen von Arb.

Ehemaliger ARD-Korrespondent in Moskau Fritz Pleitgen: "Wir haben keinen Anlass, mit dem erhobenen Zeigefinger auf Russland zu zeigen". Foto: Eugen von Arb.

Als ARD-Korrespondent in Moskau berichtete Fritz Pleitgen von 1970 bis 1977 über den Alltag in der Sowjetunion. Im Interview mit Russland HEUTE berichtet der 74-jährige über seine Erfahrungen in der Sowjetunion und seine Sichtweise auf das heutige Geschehen in Russland.

Russland HEUTE: Herr Pleitgen, Sie haben in der Sowjetunion 7 Jahre lang gearbeitet. Was war das für eine Zeit für Sie im beruflichen Sinne?


Fritz Pleitgen: Es waren ganz andere Verhältnisse als hier: Es war die Zeit der Stagnation, wie man diese Periode offiziell nennt, aber international betrachtet war sie sehr aufregend. Ich war als Fernsehjournalist quasi unter Zensur. Man brauchte die Zusage des Staates, um jeden einzelnen Film zu machen, weil alles, was mir begegnete, staatlich war. Ich hatte kein eigenes Kamerateam. Um einen Kameramann zu bekommen und die Genehmigung für jegliche Aufnahmen zu machen, musste ich immer zwei Briefe schreiben: einen an das Außenministerium und einen an die Presseagentur „Nowosti".

Am Anfang, das war 1970, bekam ich überhaupt keine Antwort. Man misstraute den westlichen Korrespondenten. Viele Geschichten konnten wir gar nicht machen. Zum Beispiel hätte ich gerne über die Marine „K 22" berichtet, das wäre eine gute Reklame für die Sowjetunion gewesen. Ich weiß nicht, warum uns diese Reportage verweigert wurde. Ich hatte damals mit dem Gedanken gespielt, eine so gute Reportage zu machen, dass man mich dann aus dem Land rausschmeißt - aber ich war gar nicht in der Lage dazu. Im Laufe der Zeit ist es mir aber gelungen, wichtige Kontakte aufzubauen, dann ging es etwas leichter.

Welche Tricks haben Sie denn dafür benutzt?


Um Moskau zu verlassen, benötigten wir eine so genannte Putjowka vom Außenministerium, und die war sehr schwer zu kriegen. Ein Freund hatte mich auf die Idee gebracht, etwas über Literatur zu berichten. Es gab erstklassige Literatur von Autoren wie Jurij Trifonow, Wiktor Astafjew, Wassilij Schukschin, Wassilij Below oder Walentin Rasputin, der damals als Erster über die Zerstörung der Umwelt berichtet hat. Ich selbst durfte nie über Umweltschäden berichten. Ich habe dann folgenden Trick angewandt: ich bin zu Rasputin nach Irkutsk mit seinem Roman „Abschied von Matjora" im Gepäck geflogen, habe mit ihm ein Interview gemacht und bin so auch in ein verlassenes Dorf gekommen, das Opfer eines Staudamms geworden war. Die deutschen Zuschauer waren wirklich überrascht, als sie feststellten, dass es in der Sowjetunion nicht nur Propaganda-Literatur gibt.

Sie sind bekannt geworden als erster westlicher Journalist, der Breschnew interviewt hat. Wie war das?


Ich hatte die wahnwitzige Idee, mit der Nummer eins in der Politik zu sprechen. Und auf einmal wurde diese Utopie Realität. Der französische Staatspräsident Georges Pompidou hatte sich im Herbst 1971 zu einem Besuch in Minsk angekündigt. Journalisten durften da nur filmen. Für uns wurde auf dem Flugfeld so eine Art Boxring aufgebaut, von dem Leonid Breschnew mit seinem gesamten Politbüro etwa 30-40 Meter entfernt war. Ich habe einfach eine Absperrung überschritten und bin auf ihn zugegangen. Mein russisches Kamerateam traute sich nicht, hinter mir herzukommen.

Ein ganz wichtiger Teil meines Gespräches ist dann aufgezeichnet worden. Ich habe Breschnew nach seinem Verhältnis zu den USA gefragt: „Wie kann es sein, dass die Amerikaner Ihre Quasi-Verbündeten bombardieren?" Und er sagte in aller Gelassenheit zu mir: „Vietnam daleko" (Vietnam ist weit weg). Das war das eine. Aber was viel wichtiger war: Am nächsten Tag waren in den Zeitungen Pompidou, Breschnew und daneben dieser Deutscher. Vorher wurde ich wie ein Nichts behandelt, und auf einmal war ich ein Name im Außenministerium und habe selbst einen deutschen Kameramann gekriegt.

Wie haben Sie damals das Verhältnis zu Ihnen im Alltag empfunden?


In der „Prawda", „Iswestija" und all den anderen tollen Zeitungen hatten die Deutschen immer drei Titel: Revanschisten, Faschisten und Imperialisten. Mein Name Fritz war der Inbegriff des bösen Deutschen. Aber die Leute sagten öfter zu mir: „Wir hörten, uns besucht ein deutscher Fritz, aber um Gottes Willen, wir müssen uns entschuldigen. Sie scheinen sich ganz ordentlich zu benehmen!" Ich habe in dieser Zeit wunderbare Freundschaften schließen können. In Russland war das sicher leichter als für einen Russen in Deutschland.

Welche Ihrer damaligen Fernsehbeiträge haben sich Ihnen besonders eingeprägt? Was fällt Ihnen heute ein?


Ein Film über russische Künstler: Jurij Ljubimow, Jurij Trifonow, Andrej Woznessenskij, Bulat Okudschawa. Mich haben diese musische und geistige Kraft, die von diesen Menschen ausging, und ihre Großherzlichkeit sehr berührt.

Ich habe einmal in Moskau im Sommer gedreht, als kein Mensch auf der Straße war. Es war etwas ganz Besonders, um 5 Uhr morgens zu sehen, wie diese Riesenstadt zum Leben erwachte. Auf dem Roten Platz war eine einsame Frau, die mit einem kleinen Besen den Platz gesäubert hat. Und später, Ende Dezember 1991, habe ich einen historischen Augenblick erlebt. Es war der Tag, an dem die Sowjetunion zu Ende ging.

„Mich hat außerordentlich bewegt, dass dieser historische Akt, der Untergang einer Weltmacht, sich so banal abspielte."

Wir hörten, es ist jetzt vorbei. Abends sind wir auf den Roten Platz gegangen um zu verstehen, was passiert. Da waren ganz wenige Leute - ich glaube nur noch ein japanisches Kamerateam. Auf einmal sehe ich, dass hinter dem Leninmausoleum zwei Gestalten auf die Kuppel steigen und bei wildem Wind versuchen, die sowjetische Fahne einzuholen. Und da unten war man nur damit beschäftigt, den Schnee wegzuschieben... Mich hat außerordentlich bewegt, dass dieser historische Akt, der Untergang einer Weltmacht, sich so banal abspielte.

Was hat sich in Russland im Laufe der Zeit verändert: Was ist gleich geblieben und was scheint sich nie zu verändern?


Bestimmte Dinge scheinen sich nicht zu verändern, wie die jahrhundertealte Furcht vor Spionen. Es gibt unter den Russen eine wunderbar herzliche Art, die es fast nur in Russland gibt. Aber es gibt auch ein Auftreten von Menschen, die plötzlich reich geworden sind. Mit denen möchte ich nichts zu tun haben. Eine Beschreibung dieser Charaktere finden Sie auch in den „Brüdern Karamasow".

Aber es gibt ja auch schlimme Deutsche und ganz akzeptable. Die wesentliche Veränderung sehe ich in den Städten. Diese habe ich in einem ganz anderen Zustand gesehen. Ich habe auch das Gefühl, dass bestimmte Schichten von dieser Entwicklung ganz gut profitiert haben. Aber man benötigt ungefähr 50 Jahre, bis alle Bevölkerungsschichten einigermaßen gleiche Chancen haben. Wir sind über 20 Jahre ein vereinte Republik, aber gleiche Möglichkeiten für alle haben wir auch noch nicht.

Wie sieht aus Ihrer Sicht die heutige russische Medienlandschaft aus?


Im Vergleich zu dem, was ich erlebt habe, liegen zwischen der Medienlandschaft der Sowjetunion und heute Lichtjahre. Unsere Korrespondenten können sich in allen Landesteilen frei bewegen. Heute ist das Land im Wesentlichen offen. Es gibt Zeitungen, wie zum Beispiel die „Nowaja Gazeta", die außerordentlich kritisch sind. Aber es gibt auch in anderen Zeitungen kritische Artikel. Die Einstellung ist nicht grundsätzlich kritisch, aber das braucht man auch. Demokratie lernt man nicht von heute auf morgen, und wir können vor Russland nicht mit dem erhobenen Zeigefinger stehen. Denn die freie Presse, die wir heute genießen, ist nicht eine Errungenschaft der Deutschen. Die haben wir von den westlichen Alliierten geschenkt bekommen. Und am Anfang taten wir uns damit schwer, da der Gehorsam bei uns als erste Bürgerpflicht galt und nicht das Kritiküben.

Sie haben Breschnew interviewt, was würden Sie heute Herrn Putin fragen?


Ich würde ihn jetzt sicher zur neuen Gesetzgebung fragen, wie er sich den Umgang mit dem Ausland vorstellt, in welchem Verhältnis wir stehen sollen. Und welchen Kurs er eigentlich fahren will: nimmt er sich China

zum Vorbild oder ein System der westlichen Demokratie? Was mit Politkowskaja passiert ist und warum man bis jetzt keine schlüssige Aufklärung darüber hat. Wir haben natürlich großen Respekt vor Putin, aber bestimmte Dinge sehen wir aufgrund unserer Erfahrung anders als er. Und wie gesagt, wir haben keinen Anlass, mit dem erhobenen Zeigefinger auf Russland zu zeigen: wir haben zu viel auf unser Schuldenkonto geladen. Ich weiß auch, dass Russland zu den Ländern gehört, die am schwierigsten zu regieren sind. Es ist nicht leicht ein so großes Land in dieser Verfassung mit einer solchen Geschichte zu steuern.

Wie berichtet man heute in Deutschland über Russland?


Die Medien nehmen bei uns generell eine kritische Haltung gegenüber Kirche, Gewerkschaften und Politik ein. In der aktuellen Betrachtung gibt es sicher sehr kritische Töne Russland gegenüber. Auf der anderen Seite gibt es sehr viele Dokumentationen über Russland, die das Land in seiner Vielfalt zeigen. Ich mache auch über Amerika Filme. Das Interesse an den Filmen über Russland ist merkwürdigerweise viel größer als an den Filmen über Amerika, obwohl uns von der Verfassung her die Amerikaner näher stehen und wir ein militärisches Bündnis mit den USA haben. Aber Russland ist etwas Besonderes für uns.

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