Ich bin der König im Affenstaat

Redyard Kipling beschrieb in seinen Spionage-Romanen Anfang des 20. Jahrhunderts den Dauerkonflikt zwischen England und Russland als das "Große Spiel" der Großmächte. Den Syrien-Konflikt könnte man als dessen Fortsetzung sehen.

Rudyard Kipling hat nicht nur Mogli, Baghira und Balu den Bären erschaffen. Durch ihn wurde auch das „Große Spiel“ unsterblich – der historische Konflikt zwischen Großbritannien und Russland um die Vorherrschaft in Zentralasien. 

In seinem Spionage-Roman „Kim" erzählt der Kolonialbarde, wie die gewitzten Agenten des Empires ihren russischen Gegenspielern auf dem indischen Subkontinent immer wieder eine Nase drehen. Das Große Spiel war schon immer gut für Literatur und Film, wobei die Engländer, später ihre Nachfolger, die Amerikaner, immer die Helden sind, mit reinen Herzen und harten Fäusten. Ihre Gegner hingegen sind brutal und dumm, die Eingeborenen ahnungslose Witzfiguren.

Die erste Runde des Großen Spiels lief vom Anfang des 19. bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts. Wer will, kann den kalten Krieg als Fortsetzung sehen. Und heute sitzen die beiden Gegner schon wieder am Tisch, und die Kiebitze sehen ihnen über die Schulter, darunter auch wir Deutsche. Gerade geht es um Syrien.

Man hat den Eindruck, dass es sich wirklich um ein Spiel handelt, das immer nach dem gleichen Schema abläuft. Obwohl die Teilnehmer es schon auswendig kennen haben, tun alle so, als wäre es das erste Mal. Man gibt sich empört, wenn ganz plötzlich Nachrichten über Menschenrechtsverletzungen auftauchen. Man fordert einen sofortigen Stopp der Gewalt. Jeder Spieler versorgt seine Seite mit Waffen. Der Sicherheitsrat debattiert. Jemand fordert die NATO zum Eingreifen auf, im richtigen Moment explodiert irgendwo eine Bombe und tötet unschuldige Kinder. Eines ist jedoch anders als bei Schach oder Poker: beim Großen Spiel gibt es nur Verlierer.

Die Bürger des umkämpften Landes, die dabei umkommen, gehören

dazu, auch diejenigen, die später in einem von Kämpfen zerrütteten Staat oder unter der Fuchtel religiöser Fanatiker leben müssen. Die ausländischen Soldaten, die beim Kreuzzug für Freiheit und Zivilisation ihr Leben lassen müssen. Die Kiebitze, die den Wideraufbau bezahlen, weil sie zuschauen durften. Die Flüchtlinge, die ihre Heimat verlassen. Die Gesellschaften, die sie aufnehmen. Auch die eigentlichen Spieler haben nicht viel Freude an dem Ergebnis, denn auch sie müssen die Konsequenzen für ihr Engagement tragen – zum Beispiel in Form von Angriffen auf ihre Botschaften, oder ihr Land.

Nimm auf des weißen Mannes Bürde –

Die Söhne sende fort,
Um wildem Volk zu dienen
An einem fremden Ort;
Den finsteren Gestalten,
Die stur und mürrisch sind –
Den neuen Untertanen,
Halb Teufel noch, halb Kind.

Mit diesen Worten beginnt Rudyard Kiplings Gedicht „Die Bürde des weißen Mannes" in dem er die Kolonisation als tragisch-heroische Mission der westlichen Welt beschreibt. Müssen wir diese Bürde wirklich auf uns nehmen, modern aufgehübscht mit den Farben von Demokratie, Freiheit und Menschenrechten? Ist das große Spiel schon so weit aus dem Runder gelaufen, dass es kein Zurück mehr gibt? Dann wäre wohl richtig, was Kipling einst darüber sagte: „Das Große Spiel ist erst dann vorbei, wenn alle tot sind."

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